Impfung beim Hausarzt

Fast jeder vierte Deutsche hat inzwischen die erste Impfung gegen Corona bekommen. Hessen hinkt aktuell noch hinterher. Nun erhalten die Hausärzte mehr Impfdosen - aus Sicht der Kassenärztlichen Vereinigung aber noch nicht genug.

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Impfung Hessen
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Rund 150.000 Corona-Impfdosen bekommen Hessens Hausärzte für diese Woche, doppelt so viele wie in der vergangenen Woche. Die Steigerung kommt auch vor Ort bei Hausarzt Johannes Maykemper aus Lollar (Gießen) an: In seiner Gemeinschaftspraxis können dadurch im besten Fall bis zu 154 Menschen mit dem Impfstoff von Biontech gegen das Virus geimpft werden. Zuletzt war die verfügbare Menge deutlich geringer, dazu kam die Sorge vor dem von Maykemper verimpften Astrazeneca-Impfstoff.

"Die Angst in der Bevölkerung vor den möglichen Nebenwirkungen ist meines Erachtens nach immer noch in zu hohem Maße vorhanden", sagt der Mediziner. Er und seine Kollegen in der Praxis mussten viel Überzeugungsarbeit leisten. Einigen Patienten über 60 habe er erklärt, dass das Risiko für Nebenwirkungen enorm viel geringer sei als das Risiko für einen schweren Covid-Verlauf.

So geht es offenbar vielen seiner Kolleginnen und Kollegen in Hessen. Die Hausärzte kämen sich oftmals "wie bei einem Verkaufsgespräch" vor, wollten sie Patienten davon überzeugen, sich mit Astrazeneca impfen zu lassen, sagt Karl Roth, Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) in Hessen. "Das ist in der Regel zwar erfolgreich, aber deutlich aufwendiger."

Terminvergabe belastet Hausärzte

Und kostet Zeit, die die Ärzte und Mitarbeiter in den Praxen eigentlich gar nicht haben: "Das E-Mail-Postfach ist nicht mehr überschaubar, die Telefondrähte glühen", berichtet Christian Sommerbrodt vom Hausärzteverband Hessen, der selbst eine Praxis in Wiesbaden hat. "Jeder will wissen, wann er dran ist und viele, die auf der Warteliste stehen, rufen an und wollen wissen, wo sie mittlerweile stehen."

Auch er kann diese Woche mehr Impfwillige versorgen. Waren es in der vergangenen Woche insgesamt 180 Dosen Biontech und Atsrazeneca, bekommt er für diese Woche 246 Impfdosen von Biontech. Mehr Zeit als für das Impfen werde aber auch diesmal für die Terminfindung "verpulvert". Sommerbrodt plädiert deshalb dafür, die Impfpriorisierung sehr bald aufzuheben. Denn: "Die Risikogruppen haben wir weitestgehend durch."

Im Juni soll Impfpriorisierung aufgehoben werden

Derartige Pläne hat auch die Kanzlerin am Montag gemeinsam mit den Länderchefs konkretisiert. Ab Juni soll demnach mit der Impf-Priorisierung Schluss sein.

Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) teilte am Montag mit, er gehe ebenfalls davon aus, dass bis Juni so viele Impfangebote gemacht werden können, "dass dann ernsthaft die Aufhebung der Prioritäten angegangen werden kann". In Hessen können sich seit vergangenen Freitag bereits Menschen aus der Priorisierungsgruppe drei für Termine anmelden, dazu zählen etwa Angestellte in Supermärkten.

Hausarzt: Ende der Priorisierung im Juni realistisch

Bis sie dann aber auch die erste Impfung bekommen, könnte es noch mehrere Wochen dauern. Denn viele Hausärzte und Impfzentren haben noch nicht alle aus Prio-Gruppe zwei geimpft. Auch beim Lollarer Arzt Maykemper ist das so. Er findet, dass die Priorisierung erst dann aufgehoben werden sollte, wenn die Impfwilligen aus Gruppe zwei allesamt an der Reihe waren. Für ein schnelleres Impftempo könnten demnach Betriebs- und Fachärzte sorgen. Dann sei auch die bundesweit angepeilte Marke im Juni zu halten.

Dazu müsste Hessen das Tempo in den nächsten Wochen anziehen. Während im Bundesschnitt schon über 23 Prozent der Menschen erstgeimpft sind, liegt Hessen mit 21,5 Prozent aktuell auf dem letzten Platz. Der Grund: Hessen hat mehr Impfstoff für die Zweitimpfungen zurückgelegt.

Der sollte jetzt aber schnell verimpft werden - und zwar vor allem durch die Hausärzte, findet Karl Roth von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) in Hessen. "Wir glauben nicht, dass es die Impfzentren noch allzu lange braucht. Wir würden uns volle Konzentration auf die niedergelassenen Ärzte wünschen, die dann auch nochmal das Tempo der Impfungen steigern werden."

Bouffier begrüßt geplante Erleichterungen für Geimpfte

Bund und Länder berieten am Montag bereits über Erleichterungen für Geimpfte. Wer seine zweite Impfung vor mehr als 14 Tagen erhalten oder genesen und mindestens einmal geimpft ist, könnte bald keinen negativen Corona-Test mehr vorlegen müssen. Die Bundesregierung plant, dazu eine Verordnung auf den Weg zu bringen, die allerdings noch Bundestag und Bundesrat passieren muss.

Ministerpräsident Bouffier ließ am Montag ausrichten, er befürworte Erleichterungen für Geimpfte. Das Robert-Koch-Institut habe festgestellt, dass von doppelt geimpften Menschen und Genesenen keine oder nur eine sehr geringe Infektionsgefahr ausgehe. Deshalb "stellt sich die zwingende Frage, ob deren Grundrechtseinschränkungen noch verhältnismäßig sind", sagte Bouffier.

Der Staat verleihe keine Grundrechte, sondern den Menschen stünden diese Grundrechte zu. Deshalb müsse hier dringend gehandelt werden, sagte der Ministerpräsident weiter. Die konkrete Ausgestaltung der Bundesverordnung bedürfe allerdings noch weiterer Abstimmung. Bis eine Bundesverordnung in Kraft tritt, gilt in Hessen laut aktueller Kontaktverordnung bereits, dass statt eines negativen Corona-Tests auch der volle Impfschutz nachgewiesen werden darf.

Sendung: hr-iNFO, 26.04.2021, 16.35 Uhr