Die Niddastraße im Frankfurter Bahnhofsviertel

Das Frankfurter Bahnhofsviertel steht wieder einmal im Fokus. Für die Heroinabhängigen hat sich die Lage durch die Corona-Krise verschärft. Anwohner und Gastronomen beschweren sich über offenen Drogenkonsum und mehr Bettelei. Ein Ortsbesuch.

Die Steine des Anstoßes liegen direkt vor dem NiKa, einem selbstverwalteten Haus in der Niddastraße im Frankfurter Bahnhofsviertel. Graue, unauffällige Pflastersteine, die den Bordstein formieren. Auf eben jenen konsumierten täglich Menschen unerlaubterweise Drogen, wirft der Präventionsrat der Stadt Frankfurt dem Hausprojekt vor. Und die Gemeinschaft ließe die Menschen dort gewähren, obwohl das illegal sei. Anwohner hätten sich bereits über "lagernde Personen" beschwert.

Das Schreiben, das der Präventionsrat dem NiKa zukommen ließ, ist versehen mit einer Liste von Paragraphen und den damit verbundenen Strafen: Auf das Gewährenlassen von Drogenkonsum stünden beispielsweise bis zu fünf Jahre Haft.

Der Präventionsrat geht davon aus, dass der Bordstein Privatfläche ist und nicht Teil des öffentlichen Raums. Damit hätte die Hausgemeinschaft die Verantwortung für Personen, die sich dort aufhalten.

Es geht um Aufwertung und Süchtige

An diesem Nachmittag ist der Bordstein vor dem Hausprojekt-Büro im Erdgeschoss leer. Nur ein paar vereinzelte Zigarettenstummel finden sich auf dem Pflaster. Sonst zeugt wenig davon, dass hier Menschen "lagern" würden. Die Süchtigen haben sich an anderer Stelle in der Niddastraße versammelt.

Moritz Krawinkel, ein Bewohner des Hausprojekts, nimmt sie in Schutz: Was nach einem simplen Konflikt um wenige Meter Bordstein klingt, steht in Wahrheit für vieles, was derzeit im Frankfurter Bahnhofsviertel passiert, wie er sagt. Für ihn geht es um Aufwertung auf der einen Seite und Süchtige, die auf der anderen Seite immer öfter in den Fokus geraten - und weg sollen.

Das Frankfurter NiKa-Haus - es sind keine Menschen zu sehen.

Hausprojekt-Bewohner: "Neue Eskalationsstufe"

"Dass Briefe in diesem Ton verschickt werden, dass Süchtige, die seit Jahren das Bild des Bahnhofsviertels prägen, nun noch einen weiteren Platz verlieren sollen, das ist schon eine neue Eskalationsstufe", meint Krawinkel. Dabei sei nicht einmal klar, ob der Bordstein tatsächlich zum Haus gehöre.

"Im Bahnhofsviertel können Abhängige und Wohnungslose immerhin noch von Sozialarbeitern angesprochen werden", sagt Krawinkel. Wenn sie auf andere Plätze der Stadt auswichen, ginge das viel schwerer. Er sieht das Schreiben vor allem in einem begründet: "Die vielen neuen Anwohner und neuen Geschäfte, die haben weniger Verständnis für die Süchtigen."

Nach Meinung des Bewohners will die Stadt die Süchtigen loswerden. "Nur löst das das Problem nicht, wenn man die einfach aus den Augen haben will. Sie sind ja weiter abhängig."

Gastronomen fordern mehr Präsenz

In der Tat, in den letzten Jahren hat sich das Bahnhofsviertel stark gewandelt. Eine der Straßen, in der der Wandel am sichtbarsten ist, liegt nur zwei Straßen von der Niddastraße entfernt: die Kaiserstraße. Wo noch vor einigen Jahren improvisierte "Handy, Uhren, Koffer"-Läden und Outletstores ihre Waren anboten, ist die Straße heute von Hotspots der Frankfurter Ausgehszene gesäumt. Da der Burgerladen, dort das Steakhaus, daneben die auf Hochglanz polierte Streetfoodkette.

Wohnungslose und Süchtige sieht man auf der Kaiserstraße nur wenige und wenn, dann vor allem am Kopf der Straße: dem Kaisersack. An der Ecke schiebt ein Mann ein sehr teuer aussehendes Rad in einen Hauseingang. Viele Passanten und Ausgehwillige sind in den letzten Wochen ins Bahnhofsviertel zurückgekehrt.

Es sind vor allem Gastronomen aus dieser Straße, die sich in einem Schreiben an die Stadt über die in ihren Augen unhaltbaren Zustände beklagt haben. Die Sicherheit im Bahnhofsviertel sei nicht mehr gewährleistet, meinen sie. Was sie fordern: mehr Polizei. "Wenn sich die Polizeipräsenz nicht erhöht, wird sich das Bahnhofsviertel langfristig zum Schlechteren wandeln", sagte Kanwal Gill vom Restaurants eatDOORI.

Münchner Straße Bahnhofsviertel Frankfurt wieder gut besucht

An der Niddastraße treffen sich viele Süchtige

Zurück zur Niddastraße. Auf einem Streifen von vielleicht 15 Metern, zwischen einem Bauzaun und einer Straßenecke, stehen oder sitzen inzwischen an die 70 Süchtige. Einer davon ist Alkan, der seinen echten Namen nicht in den Medien lesen will. Er ist schon seit 25 Jahren abhängig. Gerade hat er sich einen Schuss gesetzt, er hat ein paar Anläufe gebraucht, um noch eine Vene zu finden. Er wischt das Blut, das beim Spritzen auf die Straße getropft ist, sorgfältig auf.

"Klar würde ich lieber in den Konsumraum gehen, da ist viel ruhiger", sagt Alkan. "Es ist kein gutes Vorbild, das in der Öffentlichkeit zu machen." Er sei deswegen extra hinter das Auto gegangen. Doch die Schlange vor dem Konsumraum sei ihm einfach zu lang. "So viel Zeit hat man nicht immer", sagt der Abhängige.

Nicht nur er, auch viele andere Abhängigen konsumieren hier öffentlich Heroin - obwohl sich der Konsumraum der Integrativen Drogenhilfe Frankfurt nebenan befindet. Manch einer hat dort allerdings Hausverbot. Und das kann schnell gehen: etwa wer dort nicht nur konsumiert, sondern Drogen verkauft. Gleiches gilt für die, die auf eine andere Person angewiesen sind, um sich noch einen Schuss setzen zu können. Auch das geht nicht.

Schlange vor dem Konsumraum

Die Abhängigen, die rein dürfen, stehen in einer Schlange vor der Drogenhilfe-Einrichtung. Der Aufenthaltsraum ist wegen Corona gerade geschlossen. Zwischenzeitlich mussten auch Konsumplätze wegen Corona verringert werden. Doch mittlerweile sei man wieder bei der regulären Kapazität der Heroinplätze, sagt Gabi Becker, die Leiterin der Integrativen Drogenhilfe, die den Raum betreibt.

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Weniger Drogentote

Der "Frankfurter Weg" steht für eine liberale Drogenpolitik mit Konsumräumen: Inzwischen gibt es nur noch etwa 20 bis 30 Drogentote pro Jahr in Frankfurt. Davor, mit einem Höhepunkt 1991, waren es bis zu 141 Tote im Jahr.

Ende der weiteren Informationen

Die Mitarbeiter der Drogenhilfe konnten beobachten, wie die Corona-Krise die Situation für Süchtige verschärft hat. "Die Zustände sind zum Teil furchtbar. Sowohl für die Süchtigen als auch die Anwohner", sagt Mitarbeiterin Angela Grünzel. Dies sei zwar schon seit Jahren der Fall, die Krise habe das Ganze aber offensichtlicher gemacht. Es seien auf einmal weniger Menschen im Bahnhofsviertel gewesen - und somit seien die Süchtigen und Wohnungslosen mehr aufgefallen.

Es habe auch weniger Möglichkeiten für die Abhängigen gegeben, das Geld für ihre Sucht aufzutreiben. "Betteln, oder Klauen, beides geht schlecht, wenn kaum wer auf der Straße ist."

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Unterwegs im Bahnhofsviertel mit der Stadtpolizei

Eine leere Flasche Lidocain - ein Heroin-Streckmittel
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Mehr Polizei löst nicht die Ursache des Problems

Mehr Polizei helfe da aber nicht, meint Grünzel. "Das löst ja nicht die Ursache des Problems." Was es ihrer Meinung nach bräuchte: mehr Unterbringungsmöglichkeiten für Süchtige und Wohnungslose. "In echten Wohnungen mit eigenem Bad und Küche und nicht in Massenunterkünften." Sie fordert zudem eine Entkriminalisierung der Drogen. "Sonst ist man direkt in dem Zirkel von Sucht und Kriminalität drin."

Leiterin Gabi Becker hat auch noch eine weitere Erklärung dafür parat, warum die Klagen von Anwohnern in der Corona-Zeit zugenommen haben: "Die Menschen hier haben sich während des Quasi-Lockdowns die frei werdenden Plätze genommen", sagt sie. Nun blieben sie oftmals weiter dort, auch wenn es davor nicht ihre klassischen Aufenthaltsorte waren.

Und Becker sagt auch: "Man muss auch verstehen, diese Menschen sind getroffen. Sie haben das alles mitbekommen, all die Aufforderungen Zuhause zu bleiben. Nur: Wo sollten sie hin?" Die Stadt Frankfurt hatte in der ersten Corona-Hochphase nur für infizierte Menschen und Menschen in Quarantäne zusätzliche Plätze in Hostels geschaffen.

Niddastraße als Ort des Rückzugs

Die paar Meter Bordstein gegenüber dem Konsumraum an der Niddastraße empfindet der abhängige Alkan als Rückzugsraum. Die Niddastraße ist neben der Taunusstraße und Teilen der Elbe- und der Moselstraße, einer der verbliebenen Orte der Wohnungslosen und Süchtigen geworden. Der südliche Teil des Viertels wurde in den letzten Jahren immer mehr aufgewertet. "Hier kommt ja fast niemand vorbei, schon gar keine Familien", sagt Alkan. 

Das 25hours Hotel mit angeschlossenem Bar-Restaurant im Bahnhofsviertel

Das könnte sich allerdings bald ändern: Denn nur einen Steinwurf entfernt hat vor wenigen Jahren das "25 hours Hotel" geöffnet. Hinter der fliederfarbenen Häuserfront mit auffälligem Schriftzug "Around the World in one day" gibt es Cocktails ab 13 Euro aufwärts in dem angeschlossenem Bar-Restaurant. Noch wirkt es in der abgelegenen Straße wie ein Fremdkörper, doch die Niddastraße wird von der Gentrifizierung sicher nicht verschont bleiben.

Die Bewohner des NiKa-Hauses zeigen schon jetzt sichtbar ihre Meinung zu dem Thema. An ihrer Hausfassade hängt ein riesiges Transparent. Die Botschaft darauf: "Nachbarschaft statt Ausgrenzung."

Sendung: hr-inFO, 31.07.2020, 16.25 Uhr