Die Corona-Pandemie schlägt auf die Psyche. Angst und Einsamkeit belasten vor allem Menschen mit psychischen Vorerkrankungen. In die Akut-Stationen der Kliniken kommen schwerere Fälle.

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Schild: Klinik für Psychiatrie
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Die Akut-Psychiatrien in Hessen sehen einen ähnlichen Effekt wie zuvor die Herz-Kliniken: Zu Beginn der Pandemie scheuten viele aus Angst vor Ansteckung den Gang zum Arzt oder ins Krankenhaus. Nun kommen viele doch, weil der Leidensdruck zu groß geworden ist.

Michael Franz, ärztlicher Direktor des Vitos-Klinikums Gießen-Marburg, berichtet von mehr Patienten, "die sich gegen eine Behandlung gewehrt hatten und nun stark in der Krise sind.“ Betroffen seien vor allem Patienten mit Angststörungen, Depressionen oder Psychosen, aber auch Suchtkranke. Auch das Frankfurter Markus-Krankenhaus bestätigt, nicht die Zahl, aber der Schweregrad der Fälle habe zugenommen.

Eine Vielzahl von Ängsten

Die Pandemie wirke wie Dünger für psychische Erkrankungen, berichten die Kliniken: das tägliche Trommelfeuer beunruhigender Nachrichten, die Ängste vor Ansteckung und Erkrankung. Dazu kommen Kontaktsperren, die ohnehin kontaktarme Menschen in die totale Vereinsamung treiben können.

Gerade sensible Menschen könnten leicht in eine depressive Stimmung geraten, sagt Dieter Braus, Leiter der Psychiatrie an den Horst-Schmidt-Kliniken in Wiesbaden. "Wenn der Corona-Ticker wieder eine schreckliche Zahl vermeldet, dann kommen die ersten Symptome: Grübeln, Ängste, Schlafstörungen."

Problem Therapielücke

Auf der anderen Seite klafft im Moment eine Therapie-Lücke. Ambulante Angebote wie Tagesstätten stehen derzeit nicht wie gewohnt zur Verfügung, und nicht alle Patienten nutzen stattdessen telefonische Beratung. Im Klinikum Frankfurt-Höchst hat man außerdem beobachtet: "Patienten haben ihre Dauermedikation nicht eingenommen, weil sie Angst hatten für ein neues Rezept zum Arzt zu gehen." In der Folge können Erkrankungen aus dem Ruder laufen.

Und doch git es Wege, die Corona-Krise auch psychisch einigermaßen unbeschadet zu überstehen. Die Horst-Schmidt-Kliniken haben sogar ein "Covid-19-Basisprogramm für seelische Gesundheit" entwickelt. Es enthält 13 praktische Tipps. Gleich der erste lautet: "Keine mediale Corona-Überforderung, 30 Minuten Nachrichten am Tag reichen."

Seriöse Nachrichten gegen Angst

Der Psychiatrie-Chef der Klinik Hohe Mark in Oberursel (Hochtaunus) schränkt allerdings ein: Seriöse Nachrichten zu konsumieren, könne durchaus auch sinnvoll sein. Etwa, um irrationalen Ängsten entgegenzuwirken.

Medien-Diät allein reicht in schweren Fällen ohnehin nicht aus. Wer Anzeichen einer Depression, Angststörung oder anderer Erkrankung an sich feststellt, sollte vor allem eins tun: Hilfe suchen. Beratungsangebote finden sich unter anderem auf dem Internetportal der Hessischen Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung.

Sendung: hr-iNFO, 19.05.2020, 10.20 Uhr