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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Mein Hanau - und der rassistische Anschlag

Trauernde über die Opfer des Anschlags auf dem Hauptfriedhof Hanau

Hanau steht für den schlimmsten rassistischen Anschlag - und für Menschen, die sich um ein friedliches Miteinander wie vor dem 19. Februar 2020 bemühen. Beobachtungen des hr-Regionalkorrespondenten.

Hanau ist meine Stadt. Ich bin hier geboren und aufgewachsen und berichte von hier als Regionalkorrespondent für den hr über den Main-Kinzig-Kreis. Wie ich das Jahr seit dem Anschlag in Hanau erlebt habe, erzähle ich hier:

hr-iNFO-Redakteur Heiko Schneider im Gespräch zu Hanau

"Vor dem 19. Februar - wenn mich da jemand gefragt hätte: Könntest du dir vorstellen, dass es so was in Hanau gibt oder dass du persönlich davon betroffen bist? Ich hätte geantwortet: Nein, niemals!"

Das sagt Ajla Kurtović, die Schwester des vor einem Jahr ermordeten Hamza Kurtović. Genau wie sie dachte ich auch. Und viele andere Menschen hier.

Man kennt sich - anders als in einer richtigen Großstadt

Und es ist auch kein Wunder. Oberbürgermeister Kaminsky nennt Hanau seit Jahren liebevoll "Hessens größte Kleinstadt". Mit bald 100.000 Einwohner wird sie dann offiziell zur Großstadt. Aber: Hier lebt man nicht wie in einer Großstadt. Manche Viertel haben dörflichen Charakter. Man kennt sich.

Und: Hanau ist migrantisch geprägt, schon seit Jahrhunderten. Hier leben Menschen aus gut 180 Nationen friedlich miteinander. Dann kam der 19. Februar 2020.

Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) bei einer Gedenkveranstaltung (Archiv).

Damals war ich der erste Reporter vor Ort - ein Freund von mir, Anil Kilincarslan, hatte mich angerufen. Er war in einer Shisha-Bar in der Hanauer Innenstadt zum Fußballschauen, gleich neben dem ersten Tatort. Er begründet das im Rückblick so: "Das war einfach reflexartig. Weil ich einfach auch sicher sein wollte, dass man dem konsequent nachgeht und auch wahrheitsgemäße Angaben bekommt."

Vieles war unklar in der Tatnacht

Das war anfangs gar nicht so einfach. Die Polizei bestätigte erst nur, dass es Schüsse gab. Die Situation in der Innenstadt: unübersichtlich. Blaulicht, Polizei, Krankenwagen. Blut und Patronenhülsen auf dem Gehweg vor der Shisha-Bar Midnight. Mehrere Zeugen, mehrere Versionen des Geschehenen. Am Himmel: Hubschrauber.

Das gleiche am zweiten Tatort im Stadtteil Kesselstadt. Es gab Gerüchte in Sozialen Medien über Clan-Kriminalität und weitere Tatorte. Ich fuhr sie alle ab.

Erst am nächsten Tag wurde klar: In der Innenstadt erschoss der rassistische Attentäter drei Menschen: Sedat Gürbüz, Fatih Saraçoğlu und Kaloyan Velkov. In Kesselstadt sechs weitere: Vili-Viorel Păun, Gökhan Gültekin, Mercedes Kierpacz, Ferhat Unvar, Said Nesar Hashemi und Hamza Kurtović.

Oberbürgermeister Kaminsky sagte daraufhin vor Reporterinnen und Reportern aus aller Welt: "Diejenigen, die hier in Hanau ermordet wurden, waren keine Fremden!"

Hanau stand zusammen

Und das war in den Stunden und Tagen danach hier in Hanau deutlich zu spüren: Immer wieder kamen Menschen an die Tatorte, legten Blumen nieder, zündeten Kerzen an. Mehrere tausend Menschen versammelten sich auf dem zentralen Marktplatz für Trauerveranstaltungen, Tausende liefen bei Trauermärschen und Demonstrationen gemeinsam durch die Stadt. Hanau stand zusammen. Überall in der Stadt hingen Plakate: brennende Kerzen auf schwarzem Hintergrund. In weißer Schrift stand da: "Wir sind alle gleich".

Trauerfeier in Hanau für die Opfer vom 19. Februar 2020

Was in diesen Tagen aber auch deutlich wurde: Bis zu diesem Anschlag hatten viele Menschen in Hanau nie Erfahrungen gemacht mit Rassismus. Jetzt war da plötzlich Unsicherheit, Unruhe, Angst. Viele Hanauer mit Migrationshintergrund erzählten mir davon.

Ajla Kurtović sagte bei der Trauerfeier mit Bundespräsident Steinmeier und Bundeskanzlerin Merkel: "Ich wurde gefragt, ob ich Hass spüre. Nein, ich empfinde keinen Hass. Ich möchte an dieser Stelle deutlich machen, dass Hass den Täter zu seiner rassistischen Tat getrieben hat. Damit liegen Hass und Rassismus sehr nah beieinander. Ich will, dass wir uns alle von Hass abgrenzen. Das sind wir den Ermordeten schuldig, und das ist das Mindeste, was wir tun können."

Ajla Kurtovic, Schwester des ermordeten Hamza Kurtovic, spricht bei der Gedenkfeier für die Opfer des Anschlags von Hanau

Bald schon wurde auch hier Corona zu dem bestimmenden Thema. In dieser Zeit war bei den Angehörigen der Opfer eine Entwicklung spürbar: Sie wurden mehr und mehr eins - eine große Familie. Sie taten sich zusammen in der "Initiative 19. Februar". Die mietete in der Innenstadt ein leer stehendes Ladengeschäft an - und wandelte es um in eine Begegnungsstätte für die Angehörigen und Überlebenden.

Ein Begegnungsraum in der Stadt

Piter Minnemann, der den Anschlag in Kesselstadt überlebt hat, sagt: "Man kann einfach hier hinkommen und ist unter sich. Alle Themen werden besprochen, nicht nur bezüglich des 19. - hier wird auch viel geholfen. Und das brauchen wir, diese Hilfe."

Irgendwann war es nicht mehr nur noch Trauer, die die Angehörigen beschäftigte. Da waren offene Fragen. Sie studierten Ermittlungsakten und forderten Antworten - zum Beispiel Abdullah Unvar, Cousin des getöteten Ferhat Unvar: "Wie kann es sein, dass so ein Rechtsextremer legal Waffen kaufen kann? Rassisten müssen entwaffnet werden. Punkt."

Offene Fragen

Hätte der Anschlag verhindert werden können? Wenn ja, wer trägt die Verantwortung? Cetin Gültekin, Bruder des getöteten Gökhan Gültekin, fordert ganz klar Konsequenzen: "Wir fordern den Rücktritt des hessischen Innenministers Beuth, dem das bekannt war und der das bis heute schönredet."

Im Lauf des Jahres wurden diese Stimmen lauter. Aber einigen war anzumerken: Sie wurden müde, immer dieselben Fragen vorzutragen. Einmal erzählte mir Cetin Gültekin: "Es nervt manchmal, aber ich muss damit klarkommen, weil es geht um meinen Bruder. Und acht seiner Freunde."

Also machten sie weiter, allen voran Armin Kurtović, den sie hier nur "der Ermittler" nennen. Der Vater des ermordeten Hamza Kurtović macht der Polizei und der Landesregierung schwere Vorwürfe.

Gegen Ende des Jahres fanden sie mehr Gehör. Immer mehr Pannen rund um den Anschlag wurden bekannt: der unterbesetzte Polizei-Notruf; eine verschlossene Notausgang-Tür am zweiten Tatort; Details über den Vater des Attentäters, der offenbar ähnlich tickt wie sein Sohn, trotzdem nach wie vor nur als Zeuge gilt. Manche Angehörige berichten davon, dass sie Angst haben, wenn sie ihm in der Nachbarschaft begegnen.

Zum Jahrestag des Anschlags gibt es - trotz Corona - überall Aktionen, Veranstaltungen und Gedenken. Hanau steht für den schlimmsten rassistischen Anschlag in der Geschichte der Bundesrepublik. Hanau steht für mich aber auch ganz deutlich für Menschen, die kämpfen - für Aufklärung, gegen Rassismus, für eine offene Gesellschaft, die friedlich miteinander lebt.

Sendung: hr-iNFO, 18.02.2021, 18.35 Uhr