Ein Arzt behandelt eine Long-Covid-Patientin, die auf einer Liege liegt.

Ein Jahr nach ihrer Corona-Infektion leidet eine junge Frau aus Frankfurt noch immer an den Langzeitfolgen. Hier blickt sie zurück auf Monate voller Schmerzen und kleine Schritte der Besserung.

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21-Jährige berichtet über ihre Long Covid-Erkrankung

Junge Frau, die an Long Covid erkrankt ist.
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Das Wort "Schmerzen" fällt im Gespräch mit Sofie Jankuhn so oft wie kein anderes. Sie erinnert sich an die Zeit, in der sie die Hoffnung auf ein normales Leben schon fast aufgegeben habe. Monatelang sei jeder Tag geprägt gewesen von "Schmerzen am ganzen Körper", erzählt sie mit Tränen in den Augen.

Es war Anfang Januar dieses Jahres, als die Frankfurterin merkte, dass irgendetwas nicht stimmt. Bei einem Spaziergang begannen plötzlich ihre Knie und Fußgelenke anzuschwellen und zu schmerzen, wie sie berichtet: "Mein ganzes Bein tat auf einmal nur noch weh. Ich war außerdem völlig aus der Puste, als wäre ich einen Marathon gelaufen, dabei war es nur ein kurzer Spaziergang. Das kannte ich so nicht von mir." Sofia Jankuhn war damals gerade mal 20 Jahre alt.

"Alles tat die ganze Zeit weh"

Im Dezember 2020, vor rund einem Jahr also, infizierte sich die junge Frau mit Corona. Die Krankheit verlief milde mit leichten Grippe-Symptomen, die vorgeschriebene zweiwöchige Quarantäne schien das Schlimmste daran zu sein. Bald fühlte sie sich besser.

Doch im Januar folgte der Rückschlag. Die Beschwerden in den Beinen, die sie erst nicht zuordnen konnte, waren erst der Beginn einer monatelangen Tortur voller Schmerzen, Medikamente und Verzweiflung. Sofie Jankuhn fühlte sich ununterbrochen erschöpft bei allem, was sie machte. "Ich saß eines Tages auf der Couch. Mein Esstisch war zwei Meter entfernt, und ich schleppte mich mit letzter Kraft dorthin. Meine Mutter hatte für mich gekocht. Allein den Löffel in die Hand zu nehmen und zu essen, hat für Schweißausbrüche gesorgt. Alles tat weh, und ich war völlig außer Atem", erzählt sie und deutet auf ihren Hals, als fühlte sie die Schmerzen jetzt noch.

Long-Covid-Patientin Sofie Jankuhn auf ihrem Bett mit einer Schachtel voller Medikamente

Nach etlichen Arztbesucher wurde bei der heute 21-Jährigen Long Covid diagnostiziert. Sie wurde mit Schmerzmittel versorgt. Doch eine Chance auf Heilung war ungewiss.

"Wieder auf meine Mutter angewiesen"

Jedenfalls war Sofie Jankuhn plötzlich unselbstständig wie ein kleines Kind. "Ich konnte mich nicht mehr alleine versorgen, war wieder auf meine Mutter angewiesen", erzählt sie. Sie hatte eben ihre erste eigene Wohnung in Frankfurt bezogen und ein Psychologiestudium begonnen. Es sollte doch gerade der Weg in die Selbstständigkeit werden. Plötzlich scheiterte sie daran, allein zu duschen oder aufzustehen.

Sie zog zurück zu ihrer Mutter und legte ihr Studium auf Eis. Oft war sie ans Bett gefesselt. Vor allem ihre schmerzenden Nerven in Füßen und Beinen machten ihr schwer zu schaffen. "Es fühlte sich so an, als wären tausende Ameisen in den Beinen. Die geringste Berührung brannte wie Feuer."

"Es war lange keine Besserung in Sicht"

Dazu kam quälende Langeweile. Sicher, Sofie Jankuhn hatte nun sehr viel Zeit für noch mehr Hörbücher. Hin und wieder besuchten Freunde sie, weil sie einfach nicht fähig war, ihr Bett oder gar das Haus zu verlassen. Die Zweifel an einer Heilung ihres Zustands wuchsen.

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Long-Covid-Patientin: "Ich hatte Angst, dass das für immer bleibt"

Motorischer Test während einer Long-Covid-Reha: Hand zeigt auf Zahlen auf einem Bildschirm
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Sofie Jankuhn nimmt seit Monaten mehrere Tabletten täglich: gegen die neuronalen Schmerzen, Entzündungshemmer, Beruhigungsmittel, Antidepressiva. Doch all die Medikamente linderten die Beschwerden zunächst kaum. "Es hat mir Angst gemacht, denn ich dachte irgendwann, dass das jetzt für immer so bleibt, weil keine Besserung in Sicht war", sagt sie, während sie ihre Kiste mit den Tabletten hervorholt, die sie noch immer nehmen muss.

"Sofie so zu sehen, war das Schlimmste"

Ihre Mutter Stefanie Juditzky war und ist täglich für ihre Tochter da, obwohl sie Vollzeit arbeiten geht. Sie begleitete sie zu allen Arztterminen. Tröstete sie, als sich ihr Zustand trotz der Medikamente und selbst nach einer speziellen Reha für Long-Covid-Patienten nicht besserte.

Stefanie Juditzky sagt: "Sofie so zu sehen, das war das Schlimmste für mich, weil da plötzlich einfach nichts mehr ging." Sie kann die Tränen beim Erzählen nicht zurückhalten. Nach einer kurzen Pause fährt sie fort: "Sofie ist unheimlich stark. Sie hat das besser verkraftet als ich."

Gelenkschmerzen, Nervenentzündungen, Schlafstörungen, Migräne, totale Erschöpfung (Fatigue-Syndrom) - das Spektrum einer Long-Covid-Erkrankung ist riesig, erklärt Neurologin Bettina Müller aus Frankfurt: "Leider weiß man noch zu wenig über die Erkrankung. Es gibt keine etablierten Studien zu Ursachen, Behandlungsmethoden oder die Garantie auf eine vollständige Heilung. Allerdings gibt es Ansätze, mit denen wir arbeiten."

Stromstöße sollten Nerven anregen

Neben Medikamenten verschreiben Ärzte Nahrungsergänzungsmittel wie Vitamin B, Vitamin D und Magnesium, um den Stoffwechsel anzukurbeln. Auch Reha-Therapien gibt es, mit deren Hilfe Patienten wieder leichter atmen oder sich bewegen können sollen. Sofie Jankuhn war während ihres Reha-Aufenthalts an ein Tens-Gerät angeschlossen, das mit Stromstößen die Nerven stimulieren sollte.

Wie viele Menschen bisher in Hessen an Long Covid erkrankten, dazu hat das Gesundheitsministerium nach eigenen Angaben keine Erkenntnisse. Long Covid ist anders als eine Corona-Erkrankung nicht meldepflichtig im Sinne des Infektionsschutzgesetzes.

"Als hätte man mir das Leben zurückgeschenkt"

Im Sommer, ein halbes Jahr nach den ersten Beschwerden, begann es Sofie Jankuhn langsam besser zu gehen, wie sie berichtet. Seitdem geht es bergauf. Ihr Körper funktioniert noch sehr langsam, aber sie genießt jeden Moment, der sich nach halbwegs normalem Alltag anfühlt. Sie kann wieder länger spazieren gehen ohne Schmerzen und ohne Kurzatmigkeit, mit der U-Bahn wohin fahren, sich auf einen Kaffee verabreden und sich mit Freundinnen und Freunden treffen. Jetzt strahlt sie: "Es ist ein unglaubliches Gefühl. Als hätte man mir mein Leben zurückgeschenkt."

Auch ihre Hoffnung hat Sofie Jankuhn wieder gefunden. Sie möchte nächstes Jahr ausziehen und ihr Studium fortsetzen. Und bald wieder ein normales Leben führen, frei von Schmerzen.

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