Graffito unter der Frankfurter Friedensbrücke zum Gedenken an die Opfer des Anschlags von Hanau

Neun Menschen starben vor einem Jahr durch sinnlosen Hass. Wenn wir uns anstrengen, kann Hanau die Gesellschaft zum Besseren verändern.

Ein Jahr ist es her, dass eine klaffende Wunde mitten in Hanau gerissen wurde. Vor einem Jahr verließen neun Menschen hier ihr Zuhause zum letzten Mal. Seit einem Jahr müssen ihre Angehörigen ihr Leben ohne ihre Mutter, ihren Sohn, ihren Bruder, ihren Vater, ihre Freunde verbringen. Sie wurden ihnen entrissen, ermordet, aus einer rassistischen Gesinnung heraus.

Weitere Informationen

Gedenkveranstaltung im Livestream

Um 18 Uhr findet am Freitagabend eine Gedenkfeier für die neun Opfer des rassistischen Anschlags statt. Der hr überträgt die Veranstaltung ab 17.45 Uhr in einem hessenschau extra im Fernsehen und im Livestream auf hessenschau.de.

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Ein Jahr ist es her, und doch ist die Wunde frisch. Für die Familien, die Angehörigen wird sie das vielleicht immer bleiben. Aber auch die Wunde in unserer Gesellschaft ist nach wie vor frisch.

Videobeitrag

Video

zum Video Trotz aller Unterschiede gemeinsam gegen die Extremisten

hr-Redakteur Nasir Mahmood
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Vor einem Jahr sagte ich, dass es mich leider nicht überrascht hat, dass die Spalter und Hetzer wieder jemanden gefunden hatten, der mit ihrer ideologischen Waffe ausgestattet loszog. Jemand, der ihre menschenfeindliche Ideologie bis in die letzte Konsequenz verfolgte und vermeintliche Ausländer ermordete.

Wir reden jetzt häufiger über Rassismus

Auch heute empfinde ich leider immer noch so. Natürlich, es hat sich etwas verändert: Viele Menschen in Hanau und in Deutschland haben Anteilnahme gezeigt. Sie haben gezeigt, dass es so nicht weiter gehen kann. Sie haben versucht, die Wunde zu verarzten.

Und ja: Wir reden jetzt auch häufiger über Rassismus, im Extremen oder im Alltag. Die regelmäßige Ausgrenzung und Verletzung, die Menschen - bloß aufgrund ihrer Hautfarbe, ihres Aussehens oder ihres Glaubens - erleiden, sind sichtbarer geworden.

Man darf nicht Morde gegeneinander aufrechnen

Aber es gibt sie noch immer, zahlreich: Menschen, denen es zu anstrengend ist, sich zu ändern. Die sich wünschen, alles bliebe, wie es ist. Die es einfach lästig finden, dass Menschen etwa keine rassistischen Begriffe mehr im Alltag hören möchten.

Die gleich zumachen, wenn jemand, der so aussieht wie ich, sich gegen Rassismus wehrt. Die sich Aufklärung in den Weg stellen. Die den Vorwurf äußern, Engagement gegen Rassismus sei ein Weg, sich Vorteile zu erschleichen, ein Geschäftsmodell gar. Anstatt dass sie zuhören und sachliche, berechtigte Hinweise annehmen.

Und es gibt auch sie noch: Spalter und Hetzer, die den Schorf von der kaum verheilten Wunde reißen. Die im gleichen Tenor weitermachen. Die Gedenkstätten schänden. Die meinen, man könne Terroranschläge und Morde gegeneinander aufrechnen. Anstatt dass sie verstehen, dass ein Anschlag nicht einen anderen Anschlag sticht. Denn anders als bei einem Spiel gibt es nur Verlierer, wenn der Einsatz Menschenleben sind.

Eine immerwährende Anstrengung

Und wieder sage ich: Genau das ist es, was Terroristen und Hassprediger jeglicher Couleur erreichen wollen. Sie wollen uns spalten und gegeneinander ausspielen.

Wir sind also noch lange nicht über den Berg. Es verlangt eine Anstrengung, vielleicht sogar eine immerwährende Anstrengung, uns gegen hasserfüllte Extremisten zu vereinen, trotz unserer Unterschiede.

Ferhat Unvar, Mercedes Kierpacz, Sedat Gürbüz, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtović, Kaloyan Velkov, Vili Viorel Păun, Said Nesar Hashemi, Fatih Saraçoğlu.

Sie haben ihr Leben durch sinnlosen Hass verloren. Aber wir können ihrem Tod Bedeutung verleihen. Und vielleicht können wir eines Tages auf die Narbe einer verheilten Wunde blicken und sagen: Hanau hat uns verändert.