Schülerinnen und Schüler sitzen mit Mundschutz im Unterricht

Das Kultusministerium sieht aktuell keinen Bedarf, landesweit zum Wechselunterricht zwischen Zuhause und Schule zurückzukehren. Das fordern Lehrer-, Eltern- und Schülervertreter. Mögliche weitere Einschränkungen im Schulbetrieb will das Ministerium nicht nach festen Kriterien entscheiden.

In Hessen soll es trotz drastisch gestiegener Corona-Zahlen grundsätzlich erst einmal beim Präsenzunterricht unter Hygiene-Vorschriften in den Schulen bleiben.

Die Inzidenz, also die Zahl der Corona-Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen, sei weniger wichtig als die Frage, wie stark das Infektionsgeschehen den Schulbetrieb tatsächlich beeinträchtige, erklärte der Sprecher des hessischen Kultusministeriums, Philipp Bender, auf Anfrage.

Ein Anhaltspunkt sei zum Beispiel, wie viele Schüler oder Lehrer in Quarantäne sind. "Wenn uns an vielen Schulen irgendwann die Lehrkräfte fehlen, weil zu viele von ihnen in Quarantäne geschickt wurden, sodass die Unterrichtsorganisation im eingeschränkten Regelbetrieb überhaupt nicht mehr möglich sein sollte, dann müsste man überlegen: Macht es nicht Sinn, dort den Wechselbetrieb aufzunehmen?" Das sei aber im Moment nicht erforderlich, sagte Bender.

Seit Montag "eingeschränkter Regelbetrieb"

Seit Montag gelten in den hessischen Schulen schärfere Corona-Regeln: Ab Klasse 5 müssen Schüler und Lehrer auch im Unterricht Masken tragen. Und spätestens ab kommendem Montag (9. November) sollen Schüler der Klassen 1 bis 6 in konstanten Lerngruppen unterrichtet werden, um zu viele Kontakte zu vermeiden.

Damit sind die Schulen im "eingeschränkten Regelbetrieb" des Vier-Stufen-Plans, den die hessische Landesregierung Anfang September ausgegeben hat. So will das Kultusministerium schrittweise den Schulbetrieb einschränken, falls sich die Infektionslage anspannt:

  • Stufe eins: angepasster Regelbetrieb
  • Stufe zwei: eingeschränkter Regelbetrieb
  • Stufe drei: Wechselmodell (Wechsel von Präsenz- und Distanzunterricht)
  • Stufe vier: Distanzunterricht

Lehrer-, Eltern- und Schülervertreter fordern Wechselunterricht

Kritik kommt unter anderem von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Die Lehrergewerkschaft hatte schon vergangene Woche in einem offenen Brief zusammen mit dem Landesschulsprecher und dem Landeselternbeirat gefordert, zum Wechselunterricht überzugehen. Das sei nötig, damit die Schulen geöffnet bleiben können. Die GEW beruft sich dabei auf einen Leitfaden des Robert-Koch-Instituts (RKI) für Schulen.

Darin empfiehlt das RKI Kriterien, nach denen Behörden über Einschränkungen im Schulbetrieb entscheiden können. Unter anderem schlägt das RKI vor, ab einer Inzidenz auf Landkreisebene von über 50 die Klassen zu verkleinern - zum Beispiel durch Aufteilung oder Wechselunterricht. Dieser Wert war am Donnerstag in allen hessischen Landkreisen und kreisfreien Städten überschritten. Hessenweit lag die Inzidenz am Donnerstag laut RKI bei 151,9.

Zusätzlich nennt das RKI weitere Kriterien, die aus seiner Sicht für eine Verkleinerung der Klassen sprechen: unter anderem eine hohe Rate positiver Corona-Testergebnisse oder ein hoher Anteil von Fällen, deren Quelle nicht nachvollziehbar ist.

Kultusministerium: RKI-Empfehlung ohne Praxisbezug

Das Kultusministerium lehnt eine landesweite Rückkehr zum Wechsel zwischen Unterricht vor Ort und zuhause ab. "Das ist eine fachlich fundierte Position des RKI, aber es ist nicht wirklich angereichert mit dem, was viele Schulpraktiker im Alltag zu diesem Sachverhalt sagen", sagte Ministeriumssprecher Bender.

Ein Ziel der strengeren Corona-Regeln sei ja gerade, dass Schulen und Kindertagesstätten geöffnet bleiben. Seit dem Ende der Herbstferien können Schulen allerdings freiwillig beantragen, ab der achten Klasse einen Teil des Unterrichts ins Digitale zu verlagern.

Natürlich gebe es Schulen, die mit einem Wechselmodell gut klarkämen. "Wir haben aber auch sehr viele Schulen erlebt, die gesagt haben: 'Wir kriegen das nicht organisiert. Wir verlieren die Kinder, die zuhause unter anderem von den Eltern nicht so gut betreut werden'", berichtete Ministeriumssprecher Bender.

"Man kann die Kinder noch so toll digital ausstatten, wenn sie am Ende trotzdem Unterstützung beim Lernen brauchen. Und die bekommen sie am besten vor Ort in der Schule." Deshalb seien die Kriterien des RKI nur eine Richtschnur für das Kultusministerium.

Regional auch stärkere Einschränkungen möglich

Das Kultusministerium entscheidet grundsätzlich selbst, welche Corona-Stufe an den Schulen landesweit gilt. Gleichzeitig können die Gesundheitsämter in Absprache mit dem Ministerium in einzelnen Landkreisen die Stufe erhöhen, wenn die Infektionslage dort besonders angespannt ist. Am Mittwoch war das nach Angaben des Ministeriums in zwei Kreisen der Fall:

Der Lahn-Dill-Kreis und der Landkreis Limburg-Weilburg sind in Stufe drei übergegangen.

Der Lahn-Dill-Kreis begründete diesen Schritt auf Anfrage mit der stark gestiegenen Inzidenz, die zwischenzeitlich fast bei 150 lag. Kreissprecherin Nicole Zey sagte, es gebe derzeit an 30 von insgesamt 92 Schulen im Landkreis Corona-Fälle. Deshalb habe man sich dazu entschieden, "kurzfristig ein Wechselmodell durchzuführen, um der Lage an den Schulen möglichst frühzeitig entgegenzuwirken", sagte Zey. "Ziel ist es, ein komplettes Schließen der Schulen zu verhindern."

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108 Kommentare

  • Das Wechselmodell im Lahn-Dill-Kreis muss wieder aufgehoben werden! Wo sind die Zahlen, die diesen Schritt rechtfertigen?

    Die meisten Familien haben noch nicht realisiert, dass der "Distanzunterricht" nun zu 100 bewertet werden soll. Ich gehe davon aus, dass wir auf diese Weise bis zu 25 der Kinder schulisch verlieren werden. Zu "normalen' Zeiten war es für diese Kinder schon schwer genug, die geforderten Leistungen zu bringen. Nun ist es annähernd unmöglich.

    Diejenigen, die dieses Modell fordern, haben nicht die Schüler aus problembehafteten Elternhäusern im Blick. Sie sehen nur den eigenen Vorteil. Für gute mittelständische Familien mag es ja ganz kuschelig im Homeschooling sein. Mit Bildungsgerechtigkeit hat das nichts, aber auch GAR nichts zu tun!

    Darüber hinaus wird schulisches Lernen didaktisch und methodisch zu fast 100 auf das Abarbeiten von Arbeitsblättern reduziert.

  • Stufe 3, BEVOR der Unterricht ausfallen MUSS, weil Schüler und Lehrer sich unter Unterrichtsbedingungen, die keinen effektiven Schutz ermöglichen, angesteckt haben.
    WARUM muss "das Kind erst in den Brunnen gefallen sein", bevor das Schulamt präventiv schützende Regelungen (Stufe 3 - Gruppenteilung) veranlasst?!?

  • Absolute Augenwischerei was die Landesregierung treibt. Grenzt an Betrug die Meldungen. Eine Schülerin aus meiner Klasse ist nun in Quarantäne, weil ihr Bruder positiv getestet wurde. Sie wird allerdings nicht getestet. Woher weiß man, dass sie nicht auch das Virus in sich trägt und es evtl. jemandem in der Klasse weitergegeben hat?
    Die Klasse kommt ganz normal, wäre sie positiv getestet wären alle in Quarantäne- dies wird wohl nicht gewünscht!?
    Sinnvoll wären geteilte Lerngruppen, da könnte der Abstand eingehalten werden und der Unterricht wäre gesichert! Überall Abstand, Führungen an frischer Luft werden abgesagt, aber in der Klasse 25+ X Menschen im Raum sind o.k.? Dafür lüften bei Minusgraden?
    Schulgemeinden sind der Landesregierung nichts wert 200 Milliarden für die Wirtschaft, nicht mal 1 Milliarde für die Bildung- dafür nur Trumpsche Schummelei!!!

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