Leer sind die Flure in einem derzeit geschlossenen Bordell im Frankfurter Bahnhofsviertel.

Seit einem Jahr sind in Hessen alle Bordelle wegen Corona geschlossen. Das legt die Annahme nahe, dass Prostitution insgesamt verboten ist. Ist sie aber nicht.

Vor ziemlich genau einem Jahr hat Nadine Maletzki ihr Bordell im Frankfurter Bahnhofsviertel zugesperrt. Seitdem ist das "Sex Inn" wegen der Corona-Beschränkungen geschlossen - wie alle Bordelle in Hessen. Doch Prostituierte gebe es im Viertel wie eh und je, sagt die Bordell-Chefin. Nur habn sich das Geschäft verlagert - vor allem in Hotels und Wohnungen: "Das ist der Ober-Hammer, was hier los ist", sagt sie. In einer Video-Botschaft an Volker Bouffier rechnet sie auf Youtube mit dem Corona-Regelwerk ab: "Das ergibt überhaupt keinen Sinn."

Betreiberin Nadine Maletzki steht vor ihrem derzeit geschlossenen Bordell "Sex Inn" im Frankfurter Bahnhofsviertel.

Was Maletzki stört: Die Corona-Verordnung (CoKoBeV) untersagt nur den Betrieb von "Prostitutionsstätten". Prostitution als solche wird aber gar nicht erwähnt. Fast ein Jahr lang rätselte die Branche, wie das zu interpretieren sei: Ist käufliche Liebe damit insgesamt verboten?

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„Somit Ist festzuhalten, dass laut Verordnung lediglich Prostitutionsstätten der Schließung unterliegen und nicht die Prostitution als solche“ Zitat von Frankfurter Ordnungsamt
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Das Frankfurter Ordnungsamt interpretierte die Verordnung anfangs als Komplett-Verbot. Im September vergangenen Jahres teilte es dem hr mit: "Nach der CoKoBeV ist die Ausübung der Prostitution derzeit in Hessen verboten". Doch kürzlich relativierte die Behörde die Vorschrift. "Somit ist festzuhalten, dass laut Verordnung lediglich Prostitutionsstätten der Schließung unterliegen und nicht die Prostitution als solche", teilt das Amt nun auf Nachfrage mit.

Ministerium ändert seine Rechtsansicht

Tatsächlich hat das Sozialministerium nach eigenen Angaben bereits Anfang März die Ordnungsämter über eine Änderung ihrer Rechtsansicht informiert. In dem Schreiben heißt es: "Die bisherige Rechtsansicht, dass die Verordnung ein umfassendes Prostitutionsverbot für jegliche sexuellen Dienstleistungen außerhalb der in der Verordnung und den Auslegungshinweisen genannten Einrichtungen regelt, wird unter Berücksichtigung der Rechtsprechung nicht aufrechterhalten." Das Verbot betreffe nur Prostitutionsstätten wie Bordelle, "Verrichtungsboxen", Stundenhotels, Terminwohnungen oder Straßenstrich.

Diese Auslegung ist auch neu für den Frankfurter Verein "Frauenrecht ist Menschenrecht", der in ganz Hessen Prostituierte berät. "Das bedeutet nun, dass Prostitution bei dem Freier in der Wohnung oder bei der Prostituierten in der Wohnung erlaubt ist", folgert die stellvertretende Geschäftsführerin Encarni Ramírez Vega.

Ordnungsamt sieht keine Möglichkeiten gegen Straßenstrich

Viele Prostituierte kümmern sich allerdings gar nicht um die Corona-Verordnung, sie arbeiten einfach weiter. Im Frankfurter Bahnhofsviertel ist es für jeden zu sehen: Schon ab Mittag füllt sich der Straßenstrich, viele Sex-Arbeiterinnen gehen mit Freiern in Hotels. Und auf einschlägigen Internet-Portalen bieten hessenweit hunderte Frauen und Männer erotische Dienstleistungen an - in Hotels oder in Privatwohnungen.

Zwei Prostituierte bieten im Bahnhofsviertel von Frankfurt ihre Dienste an.

Vieles davon ist klar illegal, unabhängig von der Corona-Verordnung. So ist gerade im Bahnhofsviertel Straßenprostitution schon immer verboten. Trotzdem brummt der Straßenstrich. Dagegen vorgehen könne man "nur durch eine dauerhafte Präsenz von Ordnungskräften", erklärt das Frankfurter Ordnungsamt auf hr-Anfrage. "Dies ist aber weder durch die Stadt- noch die Landespolizei möglich."

Damit will sich die Bordellbetreiberin Maletzki nicht abfinden. Sie hat Strafanzeige gegen Stadt Frankfurt erstattet. Denn die unternehme nicht genug gegen das illegale Treiben auf der Straße, während ihr Betrieb geschlossen bleibe. Dabei könnte sie im "Sex Inn" zumindest ein Hygiene-Konzept durchsetzen. Aber so ist es in Hessen derzeit geregelt: Käufliche Liebe ist erlaubt - aber nicht im Bordell.