Harald Wiester als 15-Jähriger

Der 52-jährige Harald Wiester ist als Jugendlicher in evangelischen Pfadfindercamps von einem Jugendleiter mehrfach sexuell missbraucht worden. Der Pfadfinderverband zeigt sich betroffen und kennt weitere Missbrauchsfälle.

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hs
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Ein Foto von Harald Wiester Anfang der 1980er Jahre in Südhessen. Aufgenommen bei einem evangelischen Pfadfindercamp. Der damals 15-Jährige steht neben seiner Mutter, trägt einen orangefarbenen Lendenschurz, lächelt und hält stolz eine Holz-Bastelei in die Kamera.

Das Foto lässt nicht erahnen, was der Junge damals tatsächlich erlebte. Hinter den Kulissen missbrauchte ihn ein damals 40-jähriger Jugendleiter. Über ein Jahr lang, mehrere Dutzend Mal. "30, 40, 50 Mal, immer wieder", erinnert sich der heute 52-jährige Wiester.

Zu oraler Befriedigung in Parks gezwungen

Beim ersten Missbrauch war Wiester 14 Jahre alt. Abends sei ihm von einem Pfadfindergetränk mit Rotwein schlecht geworden. Der Junge übergibt sich in seinem Schlafsack. Der Jugendleiter kümmert sich um ihn, der 14-Jährige darf auf seiner Couch schlafen. Am nächsten Morgen vergeht sich der Jugendleiter zum ersten Mal an ihm.

Die Monate danach und bei anderen Pfadfindercamps missbraucht ihn der Jugendleiter immer wieder, nennt Wiester seinen "Liebling",  besucht ihn zu Hause und zwingt ihn zu oraler Befriedigung in Parks.

Wiester vermutet, dass der Jugendleiter auch andere Jugendliche missbrauchte. Doch das Schweigen gebrochen hat bisher nur Harald Wiester. "Diese traumatischen Missbrauchserfahrungen haben mich mein Leben lang begleitet, mein Beziehungen, mein Studium und mein Berufsleben", sagt er.

Pfadfinderverband will Missbrauchsfälle aufarbeiten

Der evangelische Pfadfinderverband (VCP) zeigt sich von Wiesters Fall betroffen. Sieben weitere Missbrauchs-Betroffene sind dem Verband bislang bekannt. Kürzlich sei beschlossen worden, die Missbrauchsvorfälle großflächig aufzuarbeiten. "Die Zahl der Betroffenen dürfte deswegen weiter steigen", vermutet ein Sprecher. Es gehe darum zu erkennen, ob es eine Systematik hinter den Missbrauchsfällen gegeben habe.

Bei seiner Aufarbeitung steht der Pfadfinder-Verband noch am Anfang. Es fehle an finanzieller und personeller Unterstützung, sagt VCP_Bildungsreferent Jakob Hoffmann. Mit welchen Mitteln die Evangelische Kirche Deutschland (EKD) den Verband unterstützen wird, sei noch unklar. Geplant sei jedenfalls eine enge Zusammenarbeit mit der EKD. Bislang könnten sich Betroffene aus den Pfadfinder-Reihen an eine Hotline der Evangelischen Kirche wenden, die Betroffene von sexualsierter Gewalt betreut. Außerdem will der Pfadfinderverband bei seiner Aufarbeitung eng mit Betroffenen wie Harald Wiester zusammenarbeiten.

Sexueller Missbrauch auch in anderen Pfadfinder-Bünden  

Lebensläufe wie den von Harald Wiester kennt Annemarie Selzer aus Witzenhausen viele. Sie arbeitet in einem Arbeitskreis, der sich mit der Aufarbeitung und Prävention von sexueller Gewalt in Jugendbewegungen beschäftigt.

Ihr sind einige Betroffene bekannt. Sie kennt aber auch Täter, wie etwa einen ehemaliger Gymnasiallehrer und Pfadfinder-Führer aus Kassel, der zu seiner Zeit als "Jungs-Begrapscher" galt. Der Mann ist inzwischen verstorben. Nach seinem Tod war bekannt geworden, dass er Jugendliche anal vergewaltigte. Für seine Taten verurteilt wurde der Mann nie.

Auch Harald Wiesters Peiniger wurde bis heute nicht für seine Taten zur Rechenschaft gezogen. Inzwischen sind die Vorfälle allerdings verjährt. 2014 rief ihn Wiester zum ersten Mal an und sprach ihn auf das an, was damals passierte, fragte ihn, ob er sich an der Aufarbeitung beteiligen wolle. Der inzwischen 80-Jährige wehrte ab und sagt "Einen Teufel werde ich tun".

770 bekannte Missbrauchsfälle in Evangelischer Kirche

Die Missbrauchsvorfälle waren diese Woche auch Thema bei der Synode der Evangelischen Kirche (EKD) in Dresden. Dort hat die EKD Bilanz ihres "11-Punktes-Planes" gezogen, der zur Aufklärung sexueller Gewalt bereits vor einem Jahr verabschiedet worden war. Auch Harald Wiester war als Betroffener vor Ort.

Von der EKD heißt es,  derzeit seien 770 Missbrauchsfälle dokumentiert. Die bereits eingeplanten Mittel von 1,3 Millionen für Aufklärung und Prävention stockte die EKD um eine Million Euro auf. Von einem Sprecher der EKD heißt es, das Geld werde unter anderem in Regionalstudien investiert, die in Zusammenarbeit mit den 20 Landeskirchen geplant seien. Hierfür liefen zurzeit die Ausschreibungen. Mit ersten Ergebnissen ist nach Angaben der EKD im Jahr 2022 zu rechnen.

Von den Ergebnissen erhoffe sich die EKD etwa "Aufschlüsse über täterschützende Strukturen in der Evangelischen Kirche". Auch der evangelische Pfadfinderverband  (VCP) hat die Einladung erhalten, sich an eine der Regionalstudien zu beteiligen.

Vielen Betroffenen reicht das nicht aus. Sie wünschen sich eine bessere Vernetzung aller Betroffener, wollen nicht länger Bittsteller sein, sondern aktiv an der Aufarbeitung mitarbeiten und fordern eine Diskussion über Entschädigungszahlungen.

Betroffener Wiester arbeitet an Aufarbeitung mit

Entschädigungszahlungen hält auch Harald Wiester für angemessen. Eine konkrete Summe will er nicht fordern, sondern betont, dass er sich freue, endlich aktiv an der Aufarbeitung mitarbeiten zu können. Der Evangelischen Kirche und auch dem evangelischen Pfadfinderverband wolle er mit seiner Geschichte nicht schaden, sondern ein "Motor für den Aufarbeitungsprozess" sein, sagt er.

Noch immer ist Wiester Mitglied der evangelischen Kirche. Ein Austritt habe niemals zur Diskussion gestanden. Schließlich sei er evangelisch sozialisiert worden. 

Weitere Informationen

Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder

Der Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder e.V.  (VCP) ist der größte evangelische Pfadfinderverband Deutschlands und hat 47.000  Mitglieder. In Hessen hat der Verband nach eigenen Angaben 2.000 Mitglieder und 30 Pfadfinderstämme. Schwerpunkte der Arbeit liegen in Kinder-und Jugendarbeit und der Organisation von Zeltlagern. Der VCP ist ein eigenständiger Verein und Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft Evangelischer Jugend (aej). Über die aej ist der VCP förderfähig durch die Evangelische Kirche Deutschland.

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Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 15.11.2019, 19.30 Uhr