Eine Puppe, die auf einem Kinderbett liegt.
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Jule Wolf wurde als Kind von ihrem Vater missbraucht, einem evangelischen Pfarrer. Seit 20 Jahren kämpft Wolf darum, als Opfer sexualisierter Gewalt anerkannt zu werden. EKHN-Kirchenpräsident Jung hat dafür jetzt einen wichtigen Schritt getan.

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Kirche Missbrauchsstudie

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Jule Wolf erzählt ihre Geschichte

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"Help" - so heißt die neue zentrale Anlaufstelle der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für Opfer sexuellen Missbrauchs. Betroffene haben eine solche Stelle immer wieder gefordert, am 1. Juli hat sie ihre Arbeit aufgenommen. Seit 1945 sind in der Evangelischen Kirche in Deutschland rund 600 Fälle bekannt geworden, in Hessen sind es nach Angaben der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) insgesamt 50 Fälle.

Eines der Opfer ist Jule Wolf. Die heute 54-Jährige wurde von ihrem Vater, einem evangelischen Pfarrer in Hessen, jahrelang sexuell missbraucht. Auch ein Küster verging sich an ihr. Jule Wolf ist ein Pseudonym, das sie benutzt, um sich und ihre Familie zu schützen.

Kirchenpräsident schenkt ihr Glauben

Wolf kämpft seit 20 Jahren darum, als Opfer sexualisierter Gewalt von der EKHN anerkannt zu werden. Sie hat - wie sie es nennt - jahrelang die "Bürokratie der Kälte" erfahren. Jetzt sieht es so aus, als würde dieser Kampf zu einem Ende kommen, denn der Kirchenpräsident der EKHN, Volker Jung, glaubt ihren Schilderungen.

Das sei ein unendlich befreiendes Gefühl, betont Wolf. Das angezweifelt werden im eigenen Erinnern sei für sie eine unerträgliche, kräftezehrende Situation gewesen, die nun nach 20 Jahren endlich beendet sei.

Volker Jung hatte mit Wolfs Eltern ein seelsorgerisches Gespräch geführt. In diesem Gespräch erklärte der Kirchenpräsident, dass er die Meldung der Tochter über den sexuellen Missbrauch durch den Vater und den Küster glaubt. Der Vater leugnet den Missbrauch bis heute.

EKHN zahlt 5.000 Euro Therapiekosten

Im Interview mit hr-iNFO bestätigt Volker Jung das Gespräch mit den Eltern. Die EKHN werde auch einen Teil der Therapiekosten übernehmen, insgesamt 5.000 Euro. Um ihre traumatischen Erlebnisse aufzuarbeiten, hat Jule Wolf in den vergangen 20 Jahren rund 30.000 Euro ausgegeben. Auch wenn sie das Geld der Kirche als nicht angemessen bezeichnet, ist es für sie das vorläufige Ende eines jahrzehntelangen Kampfes.

Was Wolf jedoch weiter umtreibt, ist die Tatsache, dass der Kirchenpräsident ihr Leid zwar persönlich anerkenne, nicht aber die Kirche als Institution. Volker Jung erläutert die Problematik, die dahinter steht: "Mit der Anerkennung ist eine Beschuldigung verbunden, die juristisch nicht nachweisbar ist."

Keine juristische Aufarbeitung

Wolfs Vater leugnet den sexuellen Missbrauch, seine Tochter bezeichnet er als geistig verwirrt. Juristisch ist ihm der Missbrauch nicht nachzuweisen. Strafrechtlich sind die Taten verjährt. Eine juristische Aufarbeitung ist deshalb ausgeschlossen. Für die 54-Jährige ist das eine schwierige Situation. Der Kirchenpräsident glaubt ihr zwar, Opfer sexuellen Missbrauchs zu sein, öffentlich erkennt die Kirche die Tat nicht an, da sie dem Täter strafrechtlich nicht nachzuweisen ist.

Darüber hinaus kritisiert Wolf die "formale Kälte" der Kirche. In einem Schreiben heißt es wörtlich: "Abschließend überweisen wir Ihnen 5.000 Euro und bedauern die Höhe Ihrer Therapiekosten, die Sie hatten." So stelle sie sich die Anerkennung des Leids nicht vor, erklärte Wolf, schon gar nicht von Seiten einer christlichen Kirche.

EKHN arbeitet an sorgsamem Umgang

Kirchenpräsident Jung bedauert den formalistischen Brief und verspricht, in Zukunft noch sorgsamer mit den Opfern sexueller Gewalt umzugehen. Er wünscht sich, dass Opfer noch mehr in die Aufarbeitung einbezogen und dass Betroffenennetzwerke ausgebaut werden. Es sei Aufgabe der Kirche, dem gerecht zu werden. Daran müsse die EKHN weiter arbeiten.

Jule Wolf sagt, dass sie zufriedener ist, als noch vor einigen Jahren. Aber sie wird weiter kämpfen und sich dafür einsetzen, dass die Kirche ihre Verantwortung annimmt und mit Missbrauchsopfern respektvoller und solidarischer umgeht, als sie es viele Jahre lang erleben musste.

Sendung: hr-iNFO, 9.7.2019, 7.45 Uhr