Der Limburger Bischof Georg Bätzing (l) spricht bei der Abschlusspräsentation des Projekts "Betroffene hören - Missbrauch verhindern".

Wie kann das Bistum Limburg sexuellen Missbrauch verhindern? Experten haben dazu in der Frankfurter Paulskirche Vorschläge präsentiert. Einige Forderungen von Opfern bleiben allerdings unerfüllt.

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Martin Schmitz war gerade einmal zehn Jahre alt, als sein Martyrium begann. Ein kleiner Junge, wie viele andere stolz darauf, in seiner Kirchengemeinde Messdiener sein zu dürfen. Doch dann der erste Übergriff. Der Täter ist eine Vertrauensperson - der Kaplan seiner Gemeinde. Schmitz erlebt sexualisierte Gewalt bis hin zur Vergewaltigung durch den Geistlichen. Eine Erfahrung, die - wie er selbst sagt - sein Leben geprägt und "vieles zerstört" hat.

An diesem Samstag berichtet Schmitz von seinem Schicksal in der Frankfurter Paulskirche. Im Publikum sitzen unter anderem der Limburger Bischof Georg Bätzing und Ingeborg Schillai, Präsidentin der Limburger Diözesanversammlung. Sie hören aufmerksam zu, denn das Schicksal von Schmitz ist alles andere als ein Einzelfall. Heute vertritt Schmitz die Betroffenen sexualisierter Gewalt im Projekt "Betroffene hören - Missbrauch verhindern" des Bistums, dessen Ergebnisse nun offiziell übergeben wurden.

"Beginn der Ehrlichkeit"

Fast ein Jahr lang haben 70 Wissenschaftler, Kirchenvertreter und Betroffene den Umgang mit sexuellem Missbrauch im Bistum Limburg analysiert. Auftraggeber des in neun Teilprojekte unterteilten Projekts ist das Bistum selbst. Schillai sprach am Samstag von einem "Beginn der Ehrlichkeit", nannte aber auch die Grenzen des Projekts: "Es wird nicht alles gut durch ein solches Projekt." Es mache keinen Missbrauch ungeschehen.

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Vorgeschlagen wurden unter anderem ein Beschwerdemanagement, verbunden mit einer Disziplinarordnung für Kleriker und ein größerer Einfluss von Frauen in den Kirchengremien. Auch eine Fachstelle für sexualisierte Gewalt und das Einrichten einer Ombudsstelle wurden als Möglichkeiten genannt.

Für die Umsetzung der Projektergebnisse soll vorerst für drei Jahre eine unabhängige diözesane Kommission eingerichtet werden, wie Bischof Bätzing berichtete. Zwei der sieben Mitglieder sollen aus dem Kreis der Betroffenen stammen.

Ingeborg Schillai, Präsidentin der Limburger Diözesanversammlung, und Bischof Georg Bätzing in der Frankfurter Paulskirche.

Täter werden anonym bleiben

Die aus der Sicht vieler von Missbrauch Betroffener gewünschte öffentliche Nennung der Täter und Vertuscher könne es aus juristischen Gründen nicht geben, sagte der Jurist Josef Bill zur Aufklärung von 46 erfassten Missbrauchsfällen. Die Klarnamen der Kleriker könnten nur dem Bischof als Auftraggeber des Projekts genannt werden.

"Wir haben bei unseren Untersuchungen ein unbeschreiblich großes Maß an Elend und Leid der oft schwer traumatisiert zurückgelassenen Betroffenen feststellen müssen", sagte Jurist Bill und kritisierte das "Ausmaß fehlender Sensibilität und Ignoranz" der Personalverantwortlichen der Kirche, die immer wieder Priester nach sexuellem Missbrauch von Kindern oder Jugendlichen in andere Gemeinden versetzten, statt sie auch juristisch zur Verantwortung zu ziehen.

Kritik von Missbrauchsopfer

Scharfe Kritik kam auch von direkt Betroffenen. Lisa Scharnagl, die von einem schweren sexuellen Übergriff an einer katholischen Schule im Bistum Limburg, berichtete, sagte demnach, die Diskrepanz zwischen der  "wirklich tollen Idee" des Projektes und dem tatsächlichen Umgang mit aktuell Betroffenen mache sie wütend.

Es habe sich keineswegs etwas geändert: "Hört auf zu glauben, dass das, worüber wir hier reden, in der Vergangenheit liegt", rief sie den Teilnehmern der Veranstaltung zu. Gelobt werden dürfe das Projekt erst dann, wenn es sichtbare Ergebnisse gebracht habe, forderte sie.

"Der heutige Beginn der Ehrlichkeit kommt zu spät für mich", sagt die 20 Jahre alte Lisa Scharnagl.

Sendung: hessenschau, 13.06.2020, 19.30 Uhr