Die Bildkombination zeigt Portraits von Kai Moritz - damals und heute.

Kai Moritz will nicht länger schweigen. Jahrelang wurde er als Kind von seinem Pflegevater missbraucht, einem katholischen Priester, wie er sagt. Im Bistum Limburg soll man frühzeitig von dem Fall gewusst haben, doch Konsequenzen gab es nicht.

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zum Video Missbrauchs-Opfer bricht sein Schweigen

hs
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Wenn im Vatikan auf Einladung des Papstes Kirchenvertreter aus aller Welt zum Anti-Missbrauchsgipfel kommen, sollen auch die Opfer und ihre Geschichten in den Vordergrund rücken. Viele Opfer wurden in der Vergangenheit zu wenig gehört. Doch selbst wenn Fälle gemeldet wurden, wurden Hinweise oft vertuscht und Taten gedeckt. Darauf weist auch ein Fall im Bistum Limburg hin.

Irgendwann im vergangenen Herbst fasst Kai Moritz einen Entschluss. Er will, dass sein Fall öffentlich wird. Er meldet sich bei einer der Missbrauchsstellen der katholischen Kirche und erzählt seine Geschichte. Dass er von einem Pfarrer des Bistums Limburg von 1986 bis 1993 sexuell missbraucht worden sei. Und dass das Bistum Limburg schon frühzeitig Hinweise gehabt habe, denen aber nicht nachgegangen wurde.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found "Ich will, dass das aufgeklärt wird"

Kirche Missbrauchsstudie
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Auf Einladung von Papst Franziskus beraten die katholischen Bischöfe seit Donnerstagmorgen im Vatikan über Konsequenzen aus den Missbrauchsskandalen der Kirche. Teilnehmer der viertägigen Konferenz sind die Vorsitzenden von mehr als 110 Bischofskonferenzen aus aller Welt.

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Mitte Dezember geht bei der zuständigen Staatsanwaltschaft Marburg eine Strafanzeige ein. Während die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren einleitet, prüft das Bistum Limburg seine kircheninternen Akten. Ohne Erfolg, selbst in der Personalakte des mutmaßlichen Täters finden sich keine Hinweise auf einen Missbrauch. Wurden Hinweise ignoriert oder vertuscht?

Die Geschichte von Kai Moritz

Für Kai Moritz beginnt das Leiden im Alter von zehn Jahren. Nach dem Tod seiner alleinerziehenden Mutter kommt der Junge zu einem Cousin, der katholischer Pfarrer in Mittelhessen ist. Der Pfarrer wird sein Pflegevater. Vor allem aber wird er zu seinem Peiniger. "Es begann mit ersten körperlichen Berührungen, Streicheln über Küsschen-Geben bis es dann über die Monate zur tatsächlichen Penetration kam, auch verbunden mit Schmerzen", erzählt Moritz im hr-Interview.

Damals schweigt der Junge. Aus Scham und aus Angst vor seinem Pflegevater, vom dem er sich abhängig fühlt. Rund sieben Jahre dauert das Martyrium. Nach dem Abitur zieht Kai Moritz aus der hessischen Provinz nach München. Es folgen Zivildienst, Schauspielausbildung und schließlich der Entschluss, im Alter von 20 Jahren die erlittene Gewalt nicht länger für sich zu behalten.

Er vertraut sich der besten Freundin seiner verstorbenen Mutter an. Das sei 1996 oder 1997 gewesen, erinnert sich Moritz. Das Bistum Limburg erfährt von dem Missbrauchs-Vorwurf, es kommt zu einem Gespräch mit dem damaligen Personalverantwortlichen des Bistums. "Mir wurde eine psychologische Betreuung angeboten, die ich auch bekam."

"Auf die Anzeige zu verzichten, war ein Fehler"

Auf eine Anzeige verzichtet der 20-Jährige damals. "Mir wurde klar signalisiert, dass ich mir das gut überlegen soll. Ich würde mich doch sicher nicht dem Vorwurf aussetzen wollen, ein Leben zerstört zu haben." Der Pflegevater könne mit so einem Stigma nicht mehr als Gemeindepfarrer arbeiten. "Ich hätte ihn anzeigen müssen, es war ein Fehler es nicht zu tun", sagt Moritz heute.

Als die katholische Kirche im September 2018 die sogenannte Missbrauchs-Studie veröffentlicht, hat Kai Moritz das Gefühl, "ein Stück weit seine eigene Biografie zu lesen". Der 42-jährige Schauspieler beschließt, seinen Fall öffentlich zu machen. Er zeigt den Missbrauch sowie den Vorwurf der Vertuschung an.

Strafrechtlich sind die Vorwürfe verjährt

Die Staatsanwaltschaft Marburg leitet Ermittlungen ein. Gleichzeitig veröffentlicht das Bistum Limburg nicht nur die erhobenen Vorwürfe, es überprüft auch die kircheninternen Akten. Das Ergebnis: In den Akten findet sich kein Hinweis auf die Missbrauchstaten. Auch Vermerke über die von Moritz geschilderten Gespräche fehlen.

Inzwischen steht fest: Die Missbrauchstaten und auch der Vorwurf der Vertuschung sind verjährt und werden juristisch nicht weiter verfolgt. Das Bistum will den Fall allerdings nicht auf sich beruhen lassen. Ein externer Jurist soll die mögliche Vertuschung überprüfen. Aus diesem Grund äußern sich aktuell weder der ehemalige Personalverantwortliche noch der des Missbrauchs beschuldigte Pfarrer gegenüber dem hr.

Persönliches Gespräch mit Bischof Bätzing

Der Priester lebt inzwischen im Ruhestand im Bezirk des Bistums Bamberg. Ihm ist bis auf weiteres die Ausübung "jeglicher priesterlicher Dienste" untersagt. Außerdem droht ein kirchenstrafrechtliches Verfahren. Mögliche Höchststrafe: Entlassung aus dem Klerikerstand.

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Kinder spielen vor einer Kirche
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Kai Moritz hat sich vor einigen Tagen mit dem Limburger Bischof Georg Bätzing getroffen. Es sei ein gutes Gespräch gewesen. "Bischof Bätzing hat gesagt: 'Ich glaube ihnen das und ich will, dass das aufgeklärt wird.' Diese offenen Worte haben mir gut getan."

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Bistümer legen Namen von 266 potenziellen Tätern vor

Die Bistümer Limburg, Fulda und Mainz haben der Justiz am Donnerstag Unterlagen zu Missbrauchsfällen und Listen mit insgesamt 266 potenziellen Tatverdächtigen übergeben. Die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt prüft nun, ob Ermittlungsverfahren eingeleitet werden. Das Bistum Fulda übersandte eine Liste mit 32 Personen. Die Diözese Limburg nannte 35 und Mainz 199 Namen. Es handele sich dabei sowohl um Priester als auch um Mitarbeiter kirchlicher Einrichtungen. Die Akten enthielten sämtliche in den Bistümern dokumentierten Fälle, teilte ein Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft mit. Zudem Fälle, in denen Tatverdächtige bereits gestorben sind, die verjährt, strafrechtlich nicht relevant oder Ermittlungsverfahren bereits eingeleitet worden sind.

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