Symbolbild: Ein Kreuz liegt auf einer offenen Buchseite, auf der das Wort "Missbrauch" hervorgehoben ist.

Bei der Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs setzt die katholische Kirche neben Experten nun auch auf Betroffene. Die können sich in den Bistümern in Hessen melden. Der Limburger Bischof Bätzing will Kommunikation auf Augenhöhe und einen Kulturwandel in der Kirche.

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Die katholische Kirche will bei der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals nun auch verstärkt Betroffene einbeziehen. Das kündigte der Limburger Bischof Georg Bätzing am Donnerstag an. Bei der Initiative will das Bistum Limburg mit dem Bistum Fulda und dem benachbarten Bistum Mainz, dessen Gebiet auch in Hessen liegt, zusammenarbeiten.

Ziel ist es, dass alle drei Bistümer zusammen einen Betroffenenbeirat einrichten. "Es geht darum, Betroffene zu Akteuren zu machen und das strukturell abzusichern", sagte Bätzing. So sollen diese wahrgenommen werden und bei der Missbrauch-Aufarbeitung sowie bei Fragen zur Prävention mitwirken.

Mit dem Betroffenenbeirat wolle man zu einem "Kulturwandel in der Kirche beitragen", sagte Bätzing, der auch Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) ist. Betroffenenbeiräte gibt es auch schon in anderen Bistümern in Deutschland und bei der DBK.

Kommunikation auf Augenhöhe versprochen

Die hessischen Bistümer hatten vor kurzem einen Aufruf veröffentlicht, um Mitwirkende für den Beirat zu finden. Beim Bistum Limburg haben sich den Angaben zufolge bisher drei Interessenten gemeldet. Das Gremium soll letztlich aus neun Personen bestehen.

Die Betroffenen sollen laut Bätzing "auf Augenhöhe" mit Experten und den Vertretern der Bistümer an der Aufarbeitung der Fälle und an der Prävention mitwirken. Ihnen wurde zugesichert, unabhängig arbeiten und sprechen zu können.

Bis zum 28. März können sich Interessierte, die mindestens 18 Jahre alt sein müssen, bei den Bistümern schriftlich per Post melden. Es geht um ein zunächst für drei Jahre übernommenes Ehrenamt, das mit einer Aufwandsentschädigung verbunden ist, wie die Bistümer erklärten.

Die Auswahl erfolge dann durch ein Gremium, das sich aus Betroffenen, Mitarbeitern von unabhängigen Beratungsstellen sowie Fachleuten aus den Bereichen Psychologie, Medizin, Pädagogik, Justiz und Verwaltung der beteiligten Bistümer zusammensetze. Dem Beirat komme ein Initiativrecht und ein Anhörungsrecht zu, außerdem werde er eine Geschäftsstelle erhalten, erläuterte Bätzing.

Missbrauch aus der Perspektive Betroffener sehen

Menschen, die im kirchlichen Bereich Missbrauch erlitten haben, sind eingeladen, beim Beirat mitzuwirken und die Aufarbeitung kritisch zu begleiten. "Wir können Missbrauch in der Kirche nur aus der Perspektive der Betroffenen angemessen aufklären und verhindern", erklärten die Bischöfe Bätzing, Peter Kohlgraf (Mainz) und Michael Gerber (Fulda) laut Mitteilung.

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Mitglieder der Deutschen Bischofskonferenz nehmen am Eröffnungsgottesdienst der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz im Fuldaer Dom teil.
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Ihnen sei klar, dass es für Betroffene eine Zumutung sein könne, sie um Unterstützung zu bitten. "Viele Menschen haben großes Unrecht und Leid durch Vertreter der Kirche aus unseren Diözesen erfahren müssen. Das ist uns sehr bewusst. Aber man sei überzeugt, dass bei der Aufarbeitung in den Diözesen die Perspektive der Betroffenen leitend sein müsse.

Das Bistum Limburg, sagte Bischof Bätzing am Donnerstag, gehe konsequent die Aufträge und Aufgaben an, die aus der 2018 vorgelegten Missbrauchsstudie und einem eigenen Aufarbeitungsprojekt entstanden seien. Derzeit ist in der Diözese ein eigens eingesetzter Beauftragter damit beschäftigt, mehr als 60 Maßnahmen einzuführen und umzusetzen. Diese wurden während des Projektes "Betroffene hören - Missbrauch verhindern" erarbeitet.

Missbrauchs-Prävention läuft

Zu den 60 Maßnahmen zählen unter anderem ein Beschwerde-Management, eine kirchliche Verwaltungsgerichtsbarkeit und eine unabhängige Ombudsstelle für Kinder und Jugendliche. Die Umsetzung der Maßnahmen begann laut dem bischöflichen Beauftragten Caspar Söling Anfang des Jahres.

Bätzing betonte mit Blick auf die Missbrauchsstudie des Bistums Limburg: "Wir wollen die Offenlegung von Taten, Beschuldigten und Betroffenen, und wir wollen die Offenlegung von Verantwortlichen mit ihren Namen - und das haben wir getan." Nur durch Transparenz und das Vorzeigen von Ergebnissen könne man "neues Vertrauen gewinnen".

Auswirkungen zum Skandal um sexuellen Missbrauch unter dem Dach der katholischen Kirche gibt es derzeit auch im Limburger Nachbar-Bistum Köln. Dort ist Kardinal Rainer Maria Woelki massiv in die Kritik geraten, weil er ein seit Monaten fertiges Gutachten über den Umgang der Bistumsspitze mit Missbrauchsfällen nicht veröffentlichen lässt.

Der Kölner Erzbischof begründet dies mit "methodischen Mängeln". Er beauftragte eine neue Untersuchung, deren Ergebnisse am 18. März vorgestellt werden sollen.

"Kann ich denen glauben?"

Bischof Bätzing sagte, dass die Entwicklungen in Köln auch negative Auswirkungen auf die Bemühungen in Limburg habe: Er spüre, dass in der öffentlichen und innerkirchlichen Wahrnehmung sowie unter Betroffenen die Frage aufkomme: "Machen die das ehrlich, kann ich denen glauben?" Mit diesem Misstrauen habe man auch im eigenen Bistum zu kämpfen.

Bätzing betonte, dass die Kirche nur durch Transparenz und das Vorzeigen von Ergebnissen vorankommen und neues Vertrauen gewinnen könne. Er spreche mit Blick auf die Ereignisse im Erzbistum Köln nicht als DBK-Vorsitzender, sondern "als Nachbar" des Erzbistums.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 18.02.2021, 16.45 Uhr