Ein Priester hält einen Rosenkranz und eine bischöfliche Erklärung zu den Missbrauchsfällen durch Jesuiten-Pater in der Hand

Nach Missbrauchs-Vorwürfen gegen einen Priester, die bis in die 90er-Jahre reichen, zieht das Bistum Limburg Konsequenzen. Der noch aktive Geistliche wird von Bischof Bätzing in seinem Dienst stark eingeschränkt.

Vor rund einem halben Jahr hat die katholische Kirche eine Studie zum sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch Kirchenangehörige vorgestellt. Jetzt geht das Bistum Limburg zum ersten Mal seit dieser Veröffentlichung gegen einen noch aktiven Priester vor. Man werde den Dienst des Pfarrers "weiter einschränken", erklärte das Bistum auf hr-iNFO Anfrage. Die Einschränkung werde vor allem den Umgang mit "jungen Menschen" betreffen.

Nach hr-iNFO-Informationen könnte das bedeuten, dass der Mann nicht mehr wie bisher als Seelsorger und Hochschul-Dozent arbeiten darf. Auch das Halten von Gottesdiensten wäre ihm verboten.

Bereits 2010 Vorwürfe gegen den Priester

Derzeit ist der Priester außerhalb des Bistums Limburg in einem anderen Bundesland tätig. Dorthin war der Mann gezogen, nachdem schon 2010 Missbrauchsvorwürfe gegen ihn laut geworden waren. Damals allerdings blieben staatsanwaltschaftliche Ermittlungen und eine kirchenrechtliche Untersuchung ohne Folgen.

Das Bistum Limburg, zu dem der Priester nach wie vor gehört, hatte seine Arbeit nach den Vorwürfen dennoch mit Auflagen belegt. Kinder- und Jugendarbeit wurden ihm untersagt, das Halten von Gottesdiensten mit Ministranten im Kindes- und Jugendalter nur unter Bedingungen gestattet.

Neue Hinweise nach Missbrauchsstudie

Nach der Veröffentlichung der Missbrauchsstudie im September des vergangenen Jahres haben sich erneut Betroffene beim Bistum Limburg gemeldet - zum Teil mit bislang unbekannten Vorwürfen. Diese neuen Hinweise führen nun auch dazu, dass Bischof Georg Bätzing in diesem konkreten Fall "weitere Einschränkungen für den Dienst" vornehmen wird.

Einer der beiden Betroffenen, mit dem der hr in Kontakt steht, der aber anonym bleiben will, begrüßt die angekündigte Maßnahme des Bischofs. Allerdings würden Schritte gegen die Person des Geistlichen nicht ausreichen. Die Kirche müsse sich vielmehr personell und organisatorisch so aufstellen, dass solche Taten in Zukunft verhindert werden.

Das sind die Vorwürfe im aktuellen Fall

Der Fall, um den es jetzt geht, reicht zurück bis in die frühen 90er-Jahre. Damals engagiert sich der Priester in der kirchlichen Jugendarbeit im Bistum Limburg. Er ist beliebt bei den jungen Leuten auf dem Land, gilt als unkonventionell und modern. Die Jugendlichen empfinden es als Privileg, mit dem jungen Geistlichen zusammen zu sein, zu feiern. Sie suchen seine Nähe, und der Pfarrer nutzt laut Aussagen von Zeugen immer wieder die Gelegenheit, herauszufinden, wie weit er gehen kann.

Sein Interesse gilt den Jungen, von denen sich bis heute mehrere als Opfer sexueller Übergriffe sehen. Die Rede ist von regelmäßigen Dusch- und Saunagängen mit minderjährigen Jungen, von Küssen auf den Mund. Häufig ist Alkohol mit im Spiel. Auch zum gemeinsamen Onanieren mit einem 16-Jährigen soll es gekommen sein.

Frühe Vorwürfe bleiben ohne Folgen

Anfang der 2000er-Jahre wechselt der Priester in eine andere Gemeinde in Hessen. Hier werden zum ersten Mal Vorwürfe laut, die auch das Bistum Limburg erreichen. Der Mann wahre nicht die nötige Distanz gegenüber Jugendlichen. Es folgt eine Untersuchung des Bistums, die die Vorwürfe allerdings nicht bestätigt. Die Staatsanwaltschaft wird damals nicht eingeschaltet. Der Vorfall bleibt für den Priester ohne Folgen.

Im Jahr 2010 holt den Priester die Vergangenheit ein. Eines der Missbrauchsopfer aus den 90er-Jahren zeigt die Vorfälle beim Bistum Limburg an. Nach mehr als 15 Jahren. Prompt räumt der Geistliche die Vorwürfe - zumindest in Teilen - in einer "Selbstanzeige" gegenüber dem Bistum ein.

Fälle strafrechtlich verjährt

Der damalige Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst stellt daraufhin Strafanzeige. Staatsanwaltschaftliche Ermittlungen werden allerdings bald wieder eingestellt. Die Fälle aus den 90er-Jahren sind strafrechtlich verjährt. Und was die späteren Vorwürfe wegen mangelnder Distanz gegenüber Schutzbefohlenen angeht, kommt die Staatsanwaltschaft Frankfurt zu dem Schluss, dass die Ermittlungen "keine konkreten Hinweise auf sexuelle Übergriffe des Beschuldigten" ergeben hätten.

Auch ein jetzt eingeleitetes kirchenrechtliches Verfahren spricht den Pfarrer frei. Es läge kein Anhaltspunkt für eine Straftat nach Kirchenrecht vor. Aus juristischer Sicht ist der Priester ein unbescholtener Mann.

Im Bistum Limburg allerdings haben die Anschuldigungen Konsequenzen: Bischof Tebartz-van Elst suspendiert den Priester, kurz bevor er eine neue Stelle als leitender Pfarrer in einer hessischen Gemeinde antreten soll. Von dem eigentlichen Grund, den Missbrauchsvorwürfen, erfährt die überraschte Gemeinde nichts.

Als rund um den Rückzug erste Gerüchte auftauchen, verneint ein Bistums-Sprecher jeglichen Zusammenhang. Rückblickend verteidigt das Bistum heute sein Vorgehen. Zum fraglichen Zeitpunkt seien die Untersuchungen der Vorwürfe gegen den Geistlichen noch nicht abgeschlossen gewesen. Und auch im kirchlichen Recht gelte die Unschuldsvermutung. Das habe man beachten müssen.

Fall für Bistum Limburg noch nicht abgeschlossen

Nach den Vorfällen wechselt der Priester den Wohnort in ein anderes Bundesland, ein anderes Bistum. Er bleibt aber weiter Kleriker des Bistums Limburg, das ihn auch weiter bezahlt. Er studiert, beginnt eine Lehrtätigkeit. Bald engagiert er sich auch wieder als Priester in seiner neuen Heimat.

Für das Bistum Limburg aber ist der Fall längst nicht abgeschlossen. Zunächst muss das Bistum die zwischenzeitliche Suspendierung aufheben. Die "Beugestrafe" war voreilig und somit zu Unrecht verhängt worden. Aber: die Verantwortlichen im Bistum Limburg sehen rund um den Einsatz des Pfarrers nach wie vor Risiken und erteilen ihm Auflagen für seine Tätigkeit. Über diese Auflagen wird umgehend auch jenes Bistum informiert, in dem der Geistliche jetzt lebt und arbeitet.  Aus seinem neuen kirchlichen Umfeld heißt es, Beschwerden über "das persönliche Verhalten" des Geistlichen lägen nicht vor.

Trotzdem geht das Bistum Limburg jetzt erneut gegen den Priester vor. Nach mehr als zwei Jahrzehnten will Bischof Georg Bätzing offensichtlich einen Schlussstrich unter den Fall ziehen. Ein Fall, der fast schon in Vergessenheit geraten war und durch die Missbrauchsstudie der Kirche noch einmal zu einer besonders heiklen Angelegenheit für das Bistum geworden ist.

Sendung: hr-iNFO, 12.04.2019, 6.00 Uhr