Kirche Missbrauchsstudie

Zum ersten Mal missbraucht wurde sie im Kindergartenalter. Von ihrem eigenen Vater, einem evangelischen Pfarrer. Auch der Küster missbrauchte sie. Jahrelang kämpfte Jule Wolf um die Anerkennung als Opfer. Nun endlich reagiert die Kirche.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Missbraucht vom Vater, dem Gemeindepfarrer

Kleriker werfen einen Schatten an die Wand mit Jesuskreuz
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Das Thema Missbrauch erschüttert die katholische Welt. Doch auch in der evangelischen Kirche hat es Fälle von sexuellem Missbrauch gegeben. Nach Recherchen von hr-iNFO gab es in der hessen-nassauischen Kirche seit 1945 insgesamt 50 Fälle von sexualisierter Gewalt. In der kurhessischen Kirche sind es drei Fälle sowie 13 weitere Verdachtsfälle. Inzwischen räumt auch die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau ein, Fehler gemacht zu haben.

Missbrauch jahrelang selbst verdrängt

Fehler, wie im Fall von Jule Wolf. Sie wurde von ihrem Vater, einem evangelischen Pfarrer in Hessen, jahrelang sexuell missbraucht. Seit 19 Jahren kämpft sie darum, dass die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau sie als Opfer anerkennt. Jule Wolf ist ein Pseudonym, das sie benutzt, um sich und ihre Familie zu schützen.

Weitere Informationen

Wie die evangelische Kirche mit sexuellem Missbrauch umgeht

Die Story, hr-iNFO, 12.12.2019, 19.30 Uhr

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Jule Wolf wird 1965 in Südhessen geboren. Sie ist die Jüngere von zwei Geschwistern. Die Familie lebt in einem Pfarrhaus mit großem Garten. Als ihr Vater sie das erste Mal missbraucht, geht sie noch in den Kindergarten. Ihr Vater ist ein angesehener Mann, ein evangelischer Pfarrer, ein aufgeklärter Intellektueller, bekannt aus den Medien, u.a. durch Beiträge zur Sexualerziehung.

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Ich liege auf meinem Bett. Ich bin nackt. Es ist hell im Zimmer. Mein Vater sitzt auf der Bettkante. Er streicht mir über meine Seiten, meinen Hals, meine Brust. Reibt zwischen meinen Beinen. (…) Ich kann nichts sagen, als er fragt, ob es mir gefällt. Ich habe meinen Körper verlassen. Zitat von Jule Wolf
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Dass er seine Tochter sexuell missbraucht hat, weiß die Öffentlichkeit nicht. Auch nicht, dass der Küster, der kirchliche Gehilfe des Vaters, sich an ihr verging. Selbst Jule Wolf, heute 53 Jahre alt, hat den Missbrauch jahrzehntelang verdrängt. Erst mit Mitte 20 erinnert sie sich. Auslöser ist der sexuelle Missbrauch an einem fünfjährigen Mädchen, in einer Einrichtung, in der Jule damals arbeitet.

Viele Missbrauchsopfer kennen das. Jahrelang verdrängen sie die Erinnerungen. Das Trauma der Kindheit ist wie eine fest verschlossene Schublade, die plötzlich wieder aufgeht. Ausgelöst durch Bilder, Gerüche oder Situationen, die der Missbrauchssituation ähnlich sind.

Keine Reaktionen von der Kirche

Jule bittet damals einen befreundeter Pfarrer die Übergriffe zu melden. Doch sein Brief  bleibt ohne Folgen. Keine Reaktion von Seiten der Kirche. Keine Untersuchung des Falls. Nicht einmal eine Nachfrage beim mutmaßlichen Opfer.

Mitte der 1990er Jahre beginnt Jule ihre Erinnerungen in einer Therapie mühevoll aufzuarbeiten, niederzuschreiben und als Buch zu veröffentlichen. Der Titel "Tochterfrau nannte er mich. Geschichte eines Missbrauchs". Noch heute lebt die 53-Jährige mit Folgeschäden, die ihr Leben beeinflussen: Beziehungsunfähigkeit, Schlaf- und Essstörungen - all das führt Jule Wolf auf den Missbrauch zurück. Ein Missbrauch, von dem die Kirche schon vor 20 Jahren erfährt.

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Warum muss ich an meinen Vater denken, wenn ich mit jemand schlafe? Warum habe ich dem einen Mann ins Bett gekotzt? Warum werde ich dann immer steif und starr? Verlasse meinen Körper? Zitat von Jule Wolf
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Jahre später schreibt Jule Wolf selbst an die Kirche. Nimmt die öffentliche Debatte um den Missbrauch am Canisius Kolleg, dem Berliner Elite Gymnasium, an dem Schüler offenbar systematisch von zwei ehemaligen Lehrern missbraucht wurden, zum Anlass und meldet 2010 selbst die Übergriffe ihres Vaters der Missbrauchsbeauftragten der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.

In dem Brief schreibt sie: "Ich habe meinen Vater, den Pfarrer, nicht nur als Kind in der Rolle des Vaters erlebt. Der sexuelle Missbrauch begann spätestens in der Vorschulzeit. Die Mehrheit der Übergriffe, an die ich mich erinnere, fanden während meiner Grundschulzeit bis zur Pubertät statt".

Disziplinarverfahren gegen Vater eingestellt

Jule Wolf möchte Gerechtigkeit. Sie kämpft darum, dass die Evangelische Kirche sie als Opfer sexueller Gewalt anerkennt. Doch drei Jahre nach dem Brief an die Missbrauchsbeauftragte wird das innerkirchliche Disziplinarverfahren gegen ihren Vater eingestellt. Er leugnet den Vorwurf, es steht Aussage gegen Aussage.

Doch Jule Wolf kämpft weiter. Auch wenn der sexuelle Missbrauch durch den Vater und den Küster inzwischen juristisch verjährt ist. Im Juni dieses Jahres spricht sie mit Volker Jung, dem Kirchenpräsidenten der EKHN. Für sie geht es um die Aufarbeitung der Taten und die Anerkennung als Betroffene. Hatte die Kirche nicht zuletzt genau das versprochen, einen anderen Umgang mit Betroffenen?

Jung: Kirche muss sich an Seite der Opfer stellen

Ja, sagt Kirchenpräsident Jung und gesteht Fehler in der Vergangenheit ein. Im Interview mit hr-iNFO verspricht er, in Zukunft sorgsamer mit Opfern sexueller Gewalt umzugehen. Kirche müsse sich in Zukunft noch intensiver an die Seite der Opfer stellen, sagt er. Dass im Umgang mit Opfern dennoch Fehler passieren, das könne er auch in Zukunft nicht ausschließen.

Aber: "Was wir als Institution tun können, um das zu vermeiden, nämlich Standards setzen und auch entsprechend dieser Standards auszubilden, das werden wir versuchen zu tun", verspricht der Kirchenpräsident.