Anna und Dutt stehen vor einem der umgebauten Busse auf dem besetzten Parkplatz in Frankfurt

Eine Gruppe junger Leute will einen brach liegenden Platz in Frankfurt in ihr neues Zuhause verwandeln. Hinter dem Plan stehen Not, Protest, und Leidenschaft für das einfache Leben. Wie lange sie bleiben dürfen, weiß niemand.

Wenige Schritte entfernt vom alten Ostbahnhof in Frankfurt, direkt am Eingang zum ungepflasterten Parkplatz, steht ein Klapp-Schild. Darauf, in weißer Kreideschrift, ein "Herzlich Willkommen". Eine offene Einladung an alle, ob Nachbarn, Pendler auf dem Weg zur Bahnstation oder Passanten, die sich dafür interessieren, was da gerade auf der kleinen Brachfläche zwischen Bahngleisen und Straße vor sich geht.

Eine Gruppe von rund zehn jungen Menschen hat den Platz besetzt. Zwischen ihren Wohnmobilen und umgebauten Transportern steht eine kleine Feuertonne, umringt von quadratischen Tischen und weißen Plastikstühlen. Die Besetzung sei eine recht spontane Aktion, erzählt Anna, auch wenn die grobe Idee dafür schon länger da gewesen sei. "Wir haben diesen Platz schon ein paar Wochen im Auge gehabt und gedacht, hier ist seit sehr langer Zeit gar nichts mehr passiert und der ist total zugemüllt."  

Auf dem geschotterten Platz stehen mehrere umgebaute Busse und Wohnmobile. In der Mitte ist eine Plane gespannt, unter der die Gruppe sitzt.

Den Müll haben sie aufgesammelt, das zurückgelassene und ausgeschlachtete Autowrack mit bunten Graffitis aufgehübscht. Ein bis zwei Tage würde es höchstens dauern bis sie wieder fahren müssen, dachte die 24-Jährige. Inzwischen leben sie, ihr Freund und ihre Mitstreiter dort seit fast zwei Wochen.

Aus der Not heraus

Hätte man sie Anfang Januar gefragt, ob sie im Bus auf einen Wagenplatz ziehen will, sie hätte das wohl eher verneint, erzählt Anna. Doch nun sei ihre Wohnsituation prekär. Den Job in der Veranstaltungsbranche ist sie in der Corona-Krise schnell los, nun lebt sie von Hartz IV. Ihr kleines WG-Zimmer, für das pro Monat rund 470 Euro fällig waren, könne sie sich nicht mehr leisten. "Es ist schon sehr happig. Das sind so elf Quadratmeter, eigentlich in einer Singlewohnung mit zwei kleinen Zimmern, kleinem Bad und einer zwei Quadratmeter großen Küche mit zwei Herdplatten."

Das Problem, das Wohnen in Frankfurt nicht mehr bezahlen zu können, verbinde die Gruppe. "Wohnraum in Frankfurt ist total knapp, durch Corona hat sich das in vielen Fällen verschärft." Ein paar aus der Gruppe hätten ihren Job verloren, so wie sie. Andere arbeiten noch oder sind an der Uni, so wie der 29 Jahre alte Soziologie-Student, der sich selbst "Dutt" nennt. Sein Nebenjob bei der Messe Frankfurt liegt seit Beginn der Pandemie auf Eis. Die erste versprochene Hilfe für Studenten vom Land war nach wenigen Stunden vergriffen, Dutt ging leer aus. Auch bei ihm ist das Geld knapp. "Das ist mit das zentrale Thema hier: Wir sind alle ungefähr in dieser Lage, dass wir keinen wirklich guten Ort haben, wo wir bezahlbar leben können."

Auf einem bunten Banner steht die Forderung "We need homes to stay at home"

Daran schließt sich auch die zentrale Forderung der Gruppe an, die auf einem bunten Banner am Bauzaun prangt: "We need homes to stay at home." Für Dutt heißt das: "Dass wir einen Ort brauchen, wo man auch in der Krise mal zuhause bleiben kann, wenn es tatsächlich einen Lockdown gibt." Sich von einer WG zur nächsten zu hangeln, um dort zu übernachten, gehe dann natürlich nicht. An genehmigten Wagenplätzen, auf denen sie legal stehen könnten, mangele es. Einen gebe es in Frankfurt, aber dort herrsche seit Jahren ein Einzugsstopp.

Freiheit und Gemeinschaft

Doch nicht nur Not und Protest hat die Gruppe, die sich vorher nur lose über gemeinsame Freunde kannte, hierher geführt. Das Leben im Wagen ist für sie alle nicht neu, sie schätzen die Freiheit und die Gemeinschaft. "Wenn du im vierten Stock in einem Mietshaus wohnst, kennst du deine Nachbarn nicht, du hast gar keinen Kontakt zu deinem Umfeld", findet Dutt, der schon seit drei Jahren in seinem Bus lebt. Auch für Anna ist das ein wichtiger Punkt: "Man kann auf so einem Platz eine ganz andere Community aufbauen als in einer WG oder einer normalen Nachbarschaft."

Diese Community soll offen sein, auch die Nachbarschaft rund um den Platz im Ostend gehört für sie dazu. Gemeinsam mit Anwohnern und Interessierten wollen sie aus der tristen Fläche einen Raum für alle schaffen, zusammen etwas gestalten. Bisher, erzählen die beiden, hätten sie nur positive Rückmeldungen bekommen. "Hier kommen alle vorbei und sind super happy, dass wir was mit dem Platz machen. Von Duschen bis Wäsche waschen wurde uns schon alles angeboten, was wir brauchen können", erzählt Dutt. So willkommen habe er sich mit dem Bus noch nirgendwo in Frankfurt gefühlt.

Am Eingang zum besetzten Parkplatz steht ein Schild mit Corona-Regeln und ein Waschbecken für Besucher bereit

Auch Obdachlose aus der nahe gelegenen Unterkunft im Ostpark seien schon vorbeigekommen. "Die leben dort auf sieben Quadratmetern zu zweit. Das ist total ätzend für sie." Wenn sich der Platz perspektivisch halten könne, würden sie sofort ausziehen, berichtet Dutt von den Gesprächen mit ihnen.

"Werden uns nicht querstellen"

Doch ob sie bleiben können, ist noch völlig unklar. Darauf bestehen wollen sie nicht, sagt Dutt. "Gegenüber der Polizei haben wir klar gemacht, dass wenn es eine Räumungsandrohung von Eigentümer geben sollte, wir uns nicht querstellen und auf die Barrikaden steigen, sondern darüber reden und im Zweifelsfall runterfahren." Anfangs hieß es, das Gelände gehöre der Deutschen Bahn.

Inzwischen scheint klar, dass es vor kurzem von einer Hotelkette gekauft wurde. Mit der will die Gruppe jetzt in Kontakt treten. "Im Idealfall würden wir natürlich gerne mit denen verhandeln, dass die vielleicht auch sagen, wir fangen in fünf Jahren an zu bauen, bis dahin stört Ihr uns nicht". Auch über eine kleine Miete für den Platz könne man mit der Hotelkette reden, meint Dutt.

Planungssicherheit fehlt

Doch noch macht die Unsicherheit weitere Planungen schwierig. Wenn sie bleiben können, brauchen sie eine bessere Infrastruktur - gerade mit Blick auf den nahenden Herbst und Winter. Ein Kompostklo haben sie inzwischen, Wasser dürfen sie sich schräg gegenüber aus dem Neuen Frankfurter Garten holen - ebenfalls ein Nachbarschaftsprojekt, organisiert von einem gemeinnützigen Verein.

Trotzdem bemühen sie sich aktuell um einen eigenen Wasseranschluss auf dem Platz. Als nächstes möchte die Gruppe ihre improvisierte Küche ausbauen und wetterfest machen - doch das lohnt sich nur, wenn sie nicht bald schon wieder weichen müssen.