Blick in ein Klassenzimmer vom Flur durch die Tür

Die Regelschule kann für Autisten der richtige Ort sein – oder der falsche. Eltern müssen oft um eine angemessene Betreuung ihrer Kinder kämpfen, die Schulen sind unterschiedlich gut aufgestellt. Betroffene berichten.

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Für Mütter und Väter autistischer Kinder ist der Raum K3 im Bürgerzentrum in Eschborn-Niederhöchstadt ein wichtiger Ort. Dort tauschen sie in einer Selbsthilfegruppe regelmäßig ihre Erfahrungen aus. Die sind oft ähnlich, wenn es um den Schulbesuch ihrer Kinder geht. Die Eltern berichten von überforderten und desinteressierten Lehrern oder von Behörden, die mauern, wenn unterstützende Maßnahmen zu zahlen sind.

"Es ist ein Kampf", sagen die Eltern, die aus dem Main-Taunus-Kreis und der näheren Umgebung hier zusammenkommen. "Es ist ein Kampf." Dieser Satz fällt in Raum K3 immer wieder.

Ohne Diagnose in die Schule – das ging nicht lange gut

Alexandra Heinz beschreibt die Herausforderungen, die 42-Jährige lebt in der Wetterau. Als ihr heute neunjähriger Sohn Felix eingeschult wurde, war seine Autismus-Erkrankung zwar vermutet, aber noch nicht festgestellt worden. Das blieb nicht ohne Folgen. "Er ist ohne Diagnose in die Schule gekommen", berichtet Heinz. Sechs Wochen lang ging das gut. "Bis dann die Grundschullehrerin auf uns zukam und meinte: Das geht gar nicht mehr. Er liegt unterm Tisch, er macht, was er will, es läuft überhaupt nicht mehr."

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Die Vereinten Nationen haben den 2. April zum Welt-Autismus-Tag ausgerufen. Seit 2008 wird er jährlich begangen.

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Für Felix' Eltern begann eine Ochsentour. Es dauerte Monate, bis seine Behinderung anerkannt war; und weitere Monate, bis nach einem missglückten ersten Versuch die passende sogenannte Teilhabe-Assistentin gefunden war. Solche Begleiter sind für viele autistische Schüler unverzichtbar. Sie stemmen den Mehraufwand, den Lehrkräfte im Schulalltag sonst oft nicht leisten können. Felix musste fast das gesamte erste Schuljahr ohne Begleitung auskommen. Entsprechend groß war die Belastung für ihn – und für seine Eltern. "Zwischendurch lief's dann immer so, dass wir ihn regelmäßig abholen mussten, weil's in der Schule nicht mehr ging", sagt Heinz. An Ausflügen habe ihr Sohn nicht teilnehmen dürfen. "So haben wir uns erst mal durchgewurschtelt."

Die Schulen sind unterschiedlich gut vorbereitet

Inzwischen ist Felix in der vierten Klasse und kommt gut zurecht. Aber der Weg dorthin war dornenreich. Viele aus der Eschborner Selbsthilfegruppe haben Ähnliches hinter sich wie Familie Heinz. Dass die Inklusion für autistische Schüler nicht überall funktioniert, weiß auch Jörg Dammann. Das Land Hessen hat für die Beschulung dieser Kinder Fachberater ernannt. Der Schulleiter aus Rüsselsheim ist einer davon. "Die Schulen sind sehr unterschiedlich vorbereitet", sagt Dammann. Es gebe gute Beispiele, Schulen, "die eine inklusive Kultur entwickelt und sich sehr gut auf diese Schülerschaft eingestellt haben". Und es gebe Schulen, die sich dieser Entwicklung noch nicht so weit geöffnet hätten.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found So kann Autisten in der Schule geholfen werden

Kinderhände, die Spielzeuge zur Förderung der Konzentation in den Händen halten.
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Autisten verarbeiten Informationen und Reize anders. Einige Mediziner sprechen von einer Wahrnehmungsstörung, andere lehnen die Bezeichnung ab. Das autistische Spektrum ist riesig, kein Fall gleicht dem anderen. In der Grundschule Süd-West in Eschborn sind viele Formen der Inklusion, auch die von Autisten, lange geübte Praxis. Schulleiter Hajo Rother fühlt sich der Herausforderung gewachsen: "Von uns wird kein Kind dieser Schule verwiesen aufgrund von individuellen Unterstützungs- und Förderbedarfen. Das haben wir immer durchgehalten."

"Nachteilsausgleich" bei autistischen Schülern

Schüler mit Autismus können besondere Schwächen haben – zum Beispiel beim Lesen und Schreiben. Dann greift der sogenannte Nachteilsausgleich. Ein autistischer Schüler, der langsamer liest, bekommt zum Beispiel mehr Zeit für die Klassenarbeit. Kinder mit Asperger-Syndrom, einer milden Form des Autismus, kommen in der Regelschule oft gut zurecht.

Aber es gibt auch Fälle, die eine Klassen- oder Schulgemeinschaft stark belasten. "Wenn Schüler so eingeschränkt gruppenfähig sind, dass sie lange weinen oder schreien, weil sie die Situation nicht aushalten, dann ist es schon auch eine Herausforderung", sagt der Rüsselsheimer Autismus-Schulberater Dammann.

Differenzierte Schullandschaft als Grundlage

An weiterführenden Schulen kollidiert das dann mit einem Anspruch, den Dammann in eine Frage packt: "Wie kriegt man das mit dem Klassenunterricht zusammen, damit die anderen Schüler das üblicherweise geforderte Pensum auch bewältigen können?" Vor allem Gymnasien tun sich mit der Aufnahme autistischer Schüler schwer.

"Inklusion überall" sei nicht die Lösung, findet der Eschborner Grundschulleiter Hajo Rother. Nötig sei eine andere, eine differenzierte Schullandschaft. "Wir müssen weiterführende Regelschulen entwickeln, die als sogenannte Standortschulen, Schwerpunktschulen oder Schulen mit besonderer Ausstattung fungieren."

"Ein Kind ohne Gebrauchsanweisung"

Davon ist nicht nur Hessen weit entfernt. "An vielen Schulen wird erwartet, dass sich autistische Schüler anpassen, wenn sie normal oder überdurchschnittlich intelligent sind", sagt Irina Shcherbak. "Dabei müsste es genau umgekehrt sein, die Schulen müssten auf diese Kinder besonders Rücksicht nehmen."

Shcherbak hat die Selbsthilfegruppe, die sich in Eschborn-Niederhöchstadt in Raum K3 trifft, gegründet. Für ihren autistischen Sohn sei die Schulzeit hart gewesen. "Das A-Wort war damals verboten. Er wollte das unter keinen Umständen hören." Natürlich seien diese Kinder eine Herausforderung, betont Shcherbak. "Auch für die Familie. Wir haben eben ein Kind ohne Gebrauchsanweisung bekommen." Im vergangenen Sommer hat ihr Sohn übrigens ohne Gebrauchsanweisung Abitur gemacht. Mit einem Notendurchschnitt von 1,9.