Ein Auszug aus der Bergpredigt mit der Seligpreisung der Barmherzigkeit

Jan Klementowski war Diakon in Oberursel, jetzt ist er arm. Vom Bistum Limburg und Bischof Bätzing fühlt er sich unbarmherzig fallen gelassen. Dagegen setzt er seit Jahren Himmel, Hölle und Vatikan in Bewegung.

Ein Sozialfall ist Jan Klementowski seit fast einem Jahr. Seinen Hartz-IV-Satz darf der 62-Jährige sich mit ein paar Trauerreden nur ein wenig aufbessern. Eine elende Lage, in die der Diplom-Theologe nicht geraten wäre, hätte er nicht sein Amt als katholischer Diakon im Taunusstädtchen Oberursel aufgegeben, erfolgreich um die Entlassung aus dem Klerikerstand ersucht und sich ein neues Glück als geschiedener Seelsorger ohne Weihe erhofft.

Man könnte meinen: selbst schuld. "Ich bin auch schuld", sagt Klementowski. Aber das ist vielleicht nicht die ganze Wahrheit und womöglich nicht einmal die halbe.

Und so liefert sich der ehemalige Diakon, Ende der 80er Jahre aus Polen nach Deutschland übersiedelt, seit Jahren eine wohl beispiellose Auseinandersetzung mit dem Bistum Limburg und dessen Bischof Georg Bätzing.

Post für Franziskus

Den Vatikan hat der Mann auch eingeschaltet, wie ein dicker Stapel mit nummerierten Brief-Kopien belegt. An die 30 Schreiben sind es jetzt, ein Ende nicht in Sicht. Vor einigen Wochen ging Post an Papst Franziskus, es war nicht die erste.

"Das reicht hinten und vorne nicht, aber ich kann mit wenig auskommen", sagt Klementowski über seine wirtschaftlichen Verhältnisse. Ums Geld geht es wohl am wenigsten. "Ich kann den Menschen noch etwas geben. Aber das wird überhaupt nicht gesehen und das tut mir weh. Deshalb kämpfe ich so."

Post für Tebartz-van Elst

Mit der Anzeige eines Sündenfalls begann für den Theologen ein beruflicher Niedergang, der es bei jedem anderen Arbeitgeber allenfalls zur peinlich berührten Irritation gebracht hätte - und der auch in der katholischen Kirche nicht alternativlos war. "Seit nunmehr zweieinhalb Jahren hat mein Mann ein Verhältnis mit einer Frau in Polen", schreiben Klementowskis damalige Frau und die zwei Kinder im März 2013 an den "sehr geehrten Herrn Bischof".

Der Bischof heißt zu dieser Zeit, wenn auch nicht mehr lange, Franz-Peter Tebartz-van Elst. Aber die tief gekränkte Familie meint den eigenen Mann und Vater, wenn sie fordert: "Warum darf er weiterhin am Altar stehen, das Evangelium verkünden, die Kommunion austeilen, wo er doch in schwerer Sünde lebt …?"

Harte Regeln und ein Rosenkrieg

Anders als die in der Weihe-Hierarchie über ihnen stehenden Pfarrer dürfen katholische Diakone auch verheiratet ihren Dienst in der Gemeinde versehen: Wortgottesdienste zelebrieren, taufen und beerdigen, Jugendarbeit verrichten, ins Altenheim gehen. Diese Assistenz für den Pastor - und das oft als erster seelsorgerischer Ansprechpartner - hat Klementowski viele Jahre geleistet.

Er wusste, worauf er sich auch privat einließ. Der Dienst stelle "an die persönliche Lebensführung Anforderungen, die über das für einen jeden Christen geltende Maß hinausgehen", heißt eine zentrale Regel. Ehe ohne Trauschein ist tabu, Scheidung ein ernsthaftes Problem, eine zweite Ehe ausgeschlossen. Und ein Rosenkrieg wie der zwischen ihm und seiner Frau ist der Amtskirche ein Ärgernis - erst recht, wenn es sich herumspricht.

Aber Klementowski erlebt die Ehe nun einmal als tief unglücklich, fühlt sich zu seiner Jugendliebe hingezogen. Nachdem der heimliche Kontakt nach Polen herausgekommen ist, will der zu dieser Zeit 55-Jährige "reinen Tisch" machen, wie er damals denkt. Also die Scheidung. Das Zerwürfnis mit den Kindern ist nicht mehr zu kitten. Und im Beruf, der eine Berufung ist: Da wird Klementowski, wie er es heute bewertet, legal aber unbrüderlich über den Tisch gezogen.

Ohne Warnung

Klementowski hört als Diakon im Bistum auf - nach Gesprächen mit seinen Vorgesetzten, zu denen als damaliger Personalchef auch der Prälat Helmut Wanka gehört. Der unter Tebartz-van Elst bei Mitarbeitern gefürchtete Mann wird sich später als einer der Hauptverantwortlichen für die Vertuschung sexuellen Missbrauchs im Bistum öffentlich erklären müssen.

Von der Personalvertretung steht dem Noch-Beschäftigten niemand eng zur Seite. Vor den Risiken warnt ihn keiner. Im Gegenteil: Der Ex-Diakon bekommt schriftlich, dass aufzuhören "der richtige, gleichzeitig auch ein sehr bedauerlicher Schritt" sei. Klementowski, unter Stress, hält es für die Befreiung. Es ist der erste Schritt in den freien Fall.

Ein Hüne macht sich klein

Aber noch ist der Theologe hoffnungsvoll. Er bekommt ja ein sehr gutes Zeugnis und das verbriefte Versprechen mit auf den Weg, dass "Sie in den Suchbewegungen, die mit den Veränderungen ihrer hauptamtlichen Tätigkeit entstehen, von unserer Seite her alle Formen der Unterstützung erfahren."

Also schreibt der Ex-Diakon Bewerbung um Bewerbung an Gott und die Welt im Bistum, will Religionslehrer oder Caritas-Sozialarbeiter werden. Die Arbeit als Trauerredner ist viel weniger einträglich als gedacht. Der hünenhafte Kerl macht sich klein, nennt sich den "gefallenen Diakon", bittet, ja bettelt fast, doch wieder zurück in den Schoß der Kirche und des Bistums zu dürfen. Er zitiert den Papst zum Zusammenhang von Arbeit und Würde. Und er macht selbst Vorschläge, gerne dorthin zu gehen, wo es weh tut. Er könnte in der Obdachlosen-Seelsorge helfen, Armenbegräbnisse übernehmen.

Jan Klementowski

Antworten aus Limburg lassen oft lange auf sich warten, Zusagen enthalten sie nie. Christliche Grüße oder "Gottes Segen" fehlen selten - und als Demütigung Erfahrenes auch nicht. Der Personalchef des Bistums etwa wirft dem arbeitslosen Seelsorger unverblümt vor, dass jener unbedingt in einem sozialen Beruf arbeiten wolle. Ob denn die Arbeitsagentur keine anderen Jobs angeboten habe.

Bätzing will kein Ärgernis

Und der, auf den Klementowski am meisten gesetzt hat, setzt ihm nach seinem Empfinden am meisten zu: Oberhirte Bätzing. Vom Ex-Diakon an das anfängliche Hilfeversprechen des Bistums erinnert, macht der Bischof klar: Einen aus dem Klerus ausgeschiedenen Mann kann er bei sich nicht gebrauchen. Er solle sich selbst etwas suchen, könne sich ja auf freie Stellen bewerben - am besten aber außerhalb des Bistums, "um ein Ärgernis vor Ort zu vermeiden", wie das im Kirchendeutsch heißt.

Spätestens jetzt packt Klementowski der heilige Zorn. "Ich bin arm und schwach geworden", schreibt er nach Rom, berichtet von seinem Hartz-IV-Antrag und beschwert sich über Bätzing. Der empfängt den mit dem Mut der Verzweiflung kämpfenden Ex-Diakon nun zwar persönlich, Einfühlungsvermögen kann der Vatikan aber nicht anordnen.

Bätzing scheint dem erfolglos Jobsuchenden eine Karriere als Beispiel genannt zu haben, die im Apparat ganz reibungslos verlaufen ist - seine eigene. "Nicht jeder kann wie Sie nur mit einer Bewerbung durch das ganze Leben gehen", wird ihm Klementowski jedenfalls anschließend schreiben.

Eine Karriere, eine Bewerbung

Ob der Bischof dieses Treffen tatsächlich mit den nicht eben in der Nachfolge Christi stehenden Worten begonnen hat: "Sie persönlich sind an allem schuld" - es ist nicht zu verifizieren. Das Bistum will zur ganzen Sache nichts sagen, das halte man bei Personalangelegenheiten stets so.

Klementowski aber muss sich sagen lassen, dass alles doch juristisch sauber und von ihm selbst unterschrieben abgelaufen sei. Und auf seinem Weg in die Sozialhilfe kann er beobachten, dass seine Kirche und Bätzing auch anders können. Andere müssen, arbeits- und kirchenrechtlich wohl korrekt, erst gar nicht um eine versorgte Rückkehr auf ihren Platz in der Kirche kämpfen, weil sie blieben oder man sie bleiben ließ. Ein Diakonskollege zum Beispiel, der Büroleiter von Bätzing war, bis Kinderpornos bei ihm entdeckt werden. Per Strafbefehl zu einer Geldbuße verurteilt, wird er 2019 in die Verwaltung des Ordinariats versetzt und fünf Jahre für sein Amt als Diakon gesperrt.

Der Skandal-Bischof Tebartz-van Elst ist glänzend versorgt in Rom gelandet. Mancher Mitläufer seiner unseligen Ära bleibt ganz unbehelligt. Dem Tebartz-Kritiker Patrick Dehm dagegen, laut Arbeitsgerichtsurteil zu Unrecht gekündigter Ex-Leiter des Hauses der Begegnung in Frankfurt, verwehrt Bätzing die gewünschte rehabilitierende Rückkehr. Der Fall sei mit Urteil und Abfindung doch juristisch abgeschlossen. Die Frau, die als Kinder-, Jugend- und Familiendezernentin unter Tebartz den von oben angeordneten Rauswurf Dehms mitabwickelt, ist Beate Gilles: Als erste Frau ist sie inzwischen auf dem Posten einer Generalsekretärin der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, ausgewählt von deren Vorsitzendem Bätzing.

Die andere Kirche hilft

Drei vergleichsweise gute Jahre bei der Amtskirche hat der Ex-Diakon aus Oberursel zwischendurch übrigens doch noch - allerdings bei der evangelischen. Da sie ihn schätzt und die Notlage sieht, vermittelt die evangelische Pfarrerin Cornelia Synek dem Katholiken einen befristeten Projektvertrag in ihrer Gemeinde in Oberursel. "Über so einen Mitarbeiter freue ich mich doch", sagt die Seelsorgerin, die inzwischen im Ruhestand ist.

Den Mann, der in seiner Arbeit "so viel Liebe und Empathie für die Menschen" an den Tag lege, begreift Synek vom Bistum "hart und brutal abgestraft". Das Personalrecht bei den Kollegen von der anderen Konfession sei einfach ein Anachronismus, Privates und Berufliches so zu verquicken nicht mehr zeitgemäß.

Chance nicht genutzt?

Dass sich im Bistum doch noch etwas für ihn regen könnte, glaubt der Ex-Diakon selbst nicht mehr. Warum also nicht endlich aufgeben? Er denkt nicht daran, im Gegenteil.

Gerade hat einer seiner Unterstützer ein anklagendes Schreiben nach Limburg geschickt, mit Justiz und Öffentlichkeit gedroht. Auch Klementowskis eigener Ton ist mit den Jahren härter und bitterer geworden. Der jüngste Brief nach Rom enthält sogar einen theologischen Seitenhieb auf den Bischof.

Mit Rache habe das nichts zu tun, sagt der 62-Jährige. Sein Fall verdeutliche doch beispielhaft: Bätzing und sein Stab hätten das Wichtigste am Christentum, so wie es in der Bergpredigt stehe, nicht verstanden. "Ich will, dass die Welt erfährt, wie Sie wirklich sind. Ich war für Sie eine Chance, barmherzig zu handeln. Sie haben sie nicht genutzt."