Telegram-Gruppe einer Sekte

In der Corona-Pandemie fühlen sich manche Menschen verunsichert und einsam. Das versuchen religiöse Sekten für sich zu nutzen und ködern im Internet neue Mitglieder. Zwei Aussteigerinnen berichten.

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zum Video Wie Sekten in Corona-Zeiten Mitglieder suchen

hessenschau vom 16.02.2021
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Emma und Lotte wollen in ihrer Stadt in Mittelhessen neue Leute kennen lernen. Zu ihrem Schutz haben wir ihre Namen geändert. Denn beide sind an eine Sekte geraten, die es vor allem auf junge Studierende abgesehen hat: Die Sekte Shinchonji aus Südkorea.

"Lotte" und "Emma"

Deren Mitglieder müssen viel Geld an die Organisation zahlen. Dafür wird ihnen versprochen, nach dem Weltuntergang als einzige gerettet zu werden. Davon erfahren die Angeworbenen aber zunächst nichts.

Denn die Sektenmitglieder missionieren verdeckt. Sie legen sich Internet-Profile an - sei es beim sozialen Netzwerk Instagram, beim Messaging-Dienst Telegram oder bei Dating-Apps wie Bumble. Dort geben sie sich als junge Leute auf der Suche nach Gleichgesinnten aus.

Möglichst Einzelpersonen mit wenigen Kontakten

Nach kurzem Hin- und Herschreiben laden sie die Angeworbenen zu Online-Videoseminaren ein. Aber statt dort mit Gleichgesinnten zu diskutieren, wird schnell klar, worum es wirklich geht: Die Neuen sollen selbst weitere Mitglieder anwerben.

Auch Emma und Lotte sollten über Instagram mit einer eigens eingerichteten Seite andere junge Menschen anschreiben. "Uns wurden ein paar Vorgaben gegeben, dass wir nur Leute anschreiben dürfen, die nicht so viele Follower haben und nur Einzelpersonen", erzählt Emma.

Sektenexperte: Mehr Hilfesuchende seit Corona

Aber auch andere Gruppen nutzen die Einsamkeit und Unsicherheit vieler Menschen während der Pandemie aus, weiß Sektenexperte Oliver Koch vom Zentrum Oekumene in Frankfurt. Zu ihm kommen seit Corona deutlich mehr Hilfesuchende:

"Es spielt natürlich schon in die Hand von solchen problematischen Gruppierungen, die einfache Antworten auf komplizierte Lebensfragen anbieten", erklärt Koch. "Und das ist für viele natürlich erstmal reizvoller, als sich mit unterschiedlichen Fallzahlen auseinandersetzen zu müssen und damit, was aus wissenschaftlicher Sicht der richtige Weg ist."

Oliver Koch, Sektenexperte

Sekten haben sich an Corona-Lage angepasst

Die Zeugen Jehovas stellen Videos ins Internet und verteilen Briefe, in denen Corona ein Vorbote für den Weltuntergang genannt wird. Scientology versucht mit einer vermeintlichen Informationskampagne über Hygieneregeln, verunsicherte Menschen zu sich zu ziehen. Sie veröffentlichen Videos mit den bekannten Hygienetipps. Wer dann auf der Seite weiter nach unten scrollt, kann sich direkt für ein Online-Seminar anmelden.

Der Hessische Verfassungsschutz warnt auf hr-Nachfrage davor, "dass die Scientology Organisation mitunter versucht, die Corona-Pandemie für sich zu nutzen". Man sehe die Gefahr, dass Menschen in der Pandemie-Situation - zum Beispiel durch Internet-Aktivitäten der Scientology-Organisation - unter deren Einfluss geraten könnten.

Emma und Lotte werden misstrauisch, als die Sekte anfängt, Geld von ihnen zu fordern. Sie schaffen den Ausstieg, haben die Zeit dort aber bis heute noch nicht ganz verarbeitet: "Wenn ich mir vorstelle, dass ich Freunde, Bekannte dorthin mitgeschleppt hätte, ohne zu wissen wohin, dann hätte ich mir einfach große Vorwürfe gemacht", sagt Lotte.

In Zukunft wollen beide kritischer sein, mit wem sie sich einlassen.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 16.02.2021, 19.30 Uhr