Sprechen, lachen, niesen: Wissenschaftler der TH Mittelhessen haben erforscht, wie sich Corona-Viren in Büros verbreiten. Die Schlussfolgerung ist einfach, aber unbequem.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found So hilft die Mund-Nase-Maske in geschlossenen Räumen

Brillenträger mit Corona-Maske
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Hatschi – und schon ist der Raum voll. Aerosole sind kleinste Partikel, die kein Mensch mit bloßem Auge sehen kann: Ein mittelgroßes Aerosolteilchen ist rund 2000 mal kleiner als ein Punkt in einer Tageszeitung. Trotzdem können die Partikel das Corona-Virus über die Luft übertragen, wenn die niesende Person infiziert ist.

Das hat sich inzwischen herumgesprochen. Und auch, dass ein Mund-Nase-Schutz die Ausbreitung von infektiösen Tröpfchen zumindest teilweise verringern kann, wird inzwischen von vielen Wissenschaftlern unterstützt. Doch Medizininformatiker der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) haben nun erforscht: Wie genau verteilen sich die Miniteilchen tatsächlich beim Sprechen, Niesen oder Lachen, etwa in einem geschlossenen Raum wie einem Büro? Und was bringen Stoffmasken, Faceshields und Co?

Abstrakten Vorgang sichtbar machen

Die THM-Professoren Henning Schneider und Keywan Sohrabi haben die Ausbreitung von Aerosolen in einem nachgebauten Büroraum mit Messgeräten und Lasertechnik untersucht und in Computersimulationen dargestellt. "Für viele Menschen ist das ein abstrakter Vorgang, den wir leichter verständlich machen wollten", erklären die Medizininformatiker.

Die Forschungsgruppe hat dabei vor allem den Effekt von Niesen und Husten untersucht. "Wenn keine Maske getragen wird, werden diese Partikel weit mehr als die üblichen 1,5 Meter Abstand in den Raum verteilt", sagt Schneider.

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In bis zu acht Meter Entfernung habe man Aerosole gemessen. Besonders für kleine Büros, in denen mehrere Personen sitzen, leite man aus der Studie ab, dass ein Mindestabstand von 1,5 Metern nicht für ausreichenden Schutz sorgt. "Wir empfehlen deshalb, auch in Innenräumen einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen", sagt Schneider.

Aerosole bleiben bis zu einer halben Stunde in der Luft

"Aerosole bilden eine Wolke, die die Eigenschaft hat, nach einer gewissen Zeit im Raum abzusinken", erklärt Schneider. Kurz nach dem Niesen seien die Partikel in Gesichtshöhe im ganzen Raum verteilt. "Wenn dann jemand den Raum betritt, wird er unweigerlich diese Partikel einatmen." Teilweise blieben sie bis zu einer halben Stunde in der Luft.

Auch bei besonders lautem Lachen konnten die Wissenschaftler – ähnlich wie beim Singen – eine starke Ausbreitung feststellen. "Aber beim Sprechen in normaler Lautstärke und ohne besonders feuchte Aussprache sinken die Partikel nach etwa einem Meter langsam zu Boden", erklärt Henning Schneider. Dafür reichten die Mindestabstände demnach aus.

Ventilatoren können wahre Virenschleudern sein

Die Forscher untersuchten außerdem, welchen Einfluss geöffnete Fenster, Bewegung im Raum oder Ventilatoren auf die Partikel in der Luft haben. "Wenn absoluter Stillstand im Raum ist, bleiben sie sehr, sehr lange", erklärt Sohrabi. Durchzug mit geöffneten Fenster und Türen, eingebaute Lüftungen Menschen, die sich bewegen oder gestikulieren – all das verursache Verwirbelungen. "Das kann dafür sorgen, dass sie schneller zum Boden absinken."

Einen besonders negativen Effekt stellten die Forscher jedoch bei Tischventilatoren fest, die besonders im Sommer in so manchem Büro surren: Sie können offenbar wahre Virenschleudern sein, weil sie die Aerosole noch viel stärker und schneller im Raum verteilen, erklärt Sohrabi. "Es sei denn, sie stehen direkt am offenen Fenster und befördere die Luft aus dem Raum nach draußen." Das sei sogar die beste Möglichkeit, um die Partikel schnellstmöglich aus dem Raum zu bekommen.

Welche Gesichtsbedeckung hilft?

Gesichtsbedeckungen haben laut der Studie sehr unterschiedliche Effekte auf die Aerosole: Eine Baumwollmaske verhindert demnach Studie die Ausbreitung über eineinhalb Meter hinaus und führt dazu, dass die Partikel schneller absinken. FFP-Masken, die auch den Träger schützen und eine höhere Dichte besitzen, hätten ebenfalls eine gute Wirkung, allerdings könne bei ihnen ein Teil der Aerosole nach oben ausweichen, weil Platz zwischen Nase und Wangen ist.

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Diese Erkenntnis hat die Forscher überrascht. "Es kommt also explizit darauf an, wie eng die Maske am Gesicht anliegt." Gesichtsvisiere lenkten die Aerosole vor allem nach unten und seitlich nach hinten ab. Bei einem Abstand von mehr als eineinhalb Metern seien sie eine gute Alternative – bestenfalls in Kombination mit einer Baumwollmaske. Allerdings schränken die beiden Projektleiter ein: Das ist die für den Träger anstrengendste Variante und über einen längeren Zeitraum niemandem zuzumuten.

"Ich kann so eine Maske nicht die ganze Zeit tragen"

Die Forscher sind sich bewusst, dass der Gedanke, im Büro dauerhaft einen Mund-Nasenschutz zu tragen, bei vielen Menschen Unwohlsein hervorruft. "Viele Leute sagen: Ich kann so eine Maske nicht die ganze Zeit tragen", sagt Keywan Sohrabi. Allerdings habe man festgestellt, dass sich dieses Empfinden vor allem im Kopf abspiele. "Die physiologischen Einschränkungen sind bei einem einfachen, nicht zu dicht gewebten Baumwolltuch doch eher minimal", meint der Professor.

Im Gesundheitswesen etwa sei es schon seit Jahrzehnten üblich, dass etwa OP-Personal über viele Stunden lang einen Mundschutz trägt, so Sohrabi. "Trotzdem sind die Leute hochkonzentriert und können gut ihren Job machen." Für viele sei die Maske aber noch neu und werde deshalb als befremdlich wahrgenommen. "Wir müssen für Akzeptanz werben und noch Überzeugungsarbeit leisten, dass man damit sich und andere schützen kann", sagt er.

Die Forscher wollen in den nächsten Wochen erarbeiten, welche Masken optimal geeignet seien, im Verhältnis von Tragekomfort und Schutzwirkung.

Sendung: hr4, 22.07.2020, 12.15 Uhr