Entwurf einer "niederländischen Kreuzung"

An einem Verkehrsschwerpunkt in Darmstadt entsteht die bundesweit erste fahrradfreundliche Kreuzung nach niederländischem Vorbild. So funktioniert das Konzept.

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Die Kreuzung Landgraf-Georg-Straße/Pützerstraße/Teichhausstraße in Darmstadt
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Fahrradfreundlich will Darmstadt sein und eine "einladende und sichere Infrastruktur" für alle Menschen bieten, die gerne Radfahren wollen. So steht es in der vor knapp zwei Jahren verabschiedeten Radstrategie der Stadt. Für viele Fahrradfahrer klingt das nach Zukunftsmusik. Wer schon einmal die vielbefahrende Rheinstraße stadteinwärts geradelt ist und sich im Berufsverkehr zwischen Lkw und rechtsabbiegenden Autos hindurchgeschlängelt hat, kann eher von Panikattacken berichten. Doch es tut sich was in der Stadt.

Bundesweit einzigartiges Modellprojekt

Um der Vision vom Fahrradparadies einen Schritt näher zu kommen, haben Stadt und die Bürgerinitiative "Radentscheid Darmstadt" ein bundesweit einzigartiges Modellprojekt auf den Weg gebracht: Eine der meist befahrenen Kreuzungen im Stadtgebiet wird zu einer sogenannten "niederländischen Kreuzung" umgebaut. "Das Projekt erprobt als Modellvorhaben einen für Deutschland neuen Ansatz des Kreuzungsdesigns, ist also ein bundesweit einmaliger Großversuch", sagte Oberbürgermeister Jochen Partsch (Grüne) am Mittwoch. Der Umbau der Kreuzung Landgraf-Georg-Straße/Pützerstraße/Teichhausstraße soll bis Ende 2024 abgeschlossen sein.

Satellitenaufnahme der Kreuzung Landgraf-Georg-Straße/Pützerstraße/Teichhausstraße in Darmstadt.

Die auch "geschützte Kreuzung" genannte Variante unterscheidet sich in Sachen Verkehrsführung grundsätzlich von der gängigen deutschen Kreuzung. Wo auf deutschen Kreuzungen der Radverkehr meist dichter an die Fahrbahnen für Autos herangeführt wird und auf sogenannten Fahrradweichen oft den Rechtsabbiegerverkehr kreuzt, setzt die seit den 1970er Jahren in den Niederlanden weit verbreitete Variante auf eine konsequente Trennung von Autoverkehr auf der einen und Rad- sowie Fußverkehr auf der anderen Seite.

Räumliche Trennung von Auto- und Radverkehr

Das geschieht durch Schutzinseln. Um sie zu umfahren, müssen die Autofahrer beim Abbiegen ihre Geschwindigkeit verringern. Zudem haben die Fahrer und Fahrerinnen die Radfahrenden jederzeit im Blick, es gibt keinen toten Winkel. Die Schutzinseln bieten zudem einen geschützten Wartebereich für Radfahrende, die die Straße überqueren wollen. Durch diese räumliche Trennung sollen vor allem die häufig mit Todesfällen verbundenen Unfälle zwischen rechtsabbiegenden Fahrzeugen - meist Lkw - und geradeausfahrenden Fahrrädern verhindert werden.

Die Schutzinseln zwingen Autos zum langsamen Abbiegen.

Bund fördert Projekt mit 1,75 Millionen

Für die Umsetzung des Projekts sind rund 2,2 Millionen Euro veranschlagt, wovon rund 1,75 Millionen durch den Bund finanziert werden. Die Anregung zu dem Modellprojekt stammt unter anderem von David Grünewald von der Initiative "Radentscheid Darmstadt". Der 30 Jahre alte Ingenieur kennt die niederländischen Kreuzungen von Radausflügen ins Nachbarland und ist begeistert: "Das macht das Radfahren sicherer und zugleich zugänglicher für Personen, die sich bisher nicht getraut haben", sagt Grünewald im Gespräch mit hessenschau.de. Die niederländische Kreuzung schlage in seinen Augen zwei Fliegen mit einer Klappe. Sie biete einerseits tatsächlich mehr Sicherheit, andererseits vermittele sie ein "subjektiv besseres Sicherheitsgefühl".

Auch Timm Schwendy, Autor des Rad-Blogs "Darmstadt fährt Rad", schwört auf das Konzept der geschützten Kreuzung. Sie biete "sicheren Verkehrsraum für jeden", ob jung oder alt, mutig oder zurückhaltend, mit dem Auto, dem Rad oder zu Fuß unterwegs.

Unfallforscher kritisieren Kreuzung

Doch es gibt auch Stimmen, die das Konzept der niederländischen Kreuzung kritisch sehen. Die Unfallforschung der Versicherer (UDV) etwa kritisiert die angeblich schlechte Sicht für Lkw-Fahrer an geschützten Kreuzungen. Bei Fahrversuchen will die UDV festgestellt haben, dass Lkw-Fahrer beim Abbiegen von hinten kommende Fahrräder nur für den Bruchteil einer Sekunde durch ihr Fenster sehen könnten, zudem würde der Abbiegeassistent nicht mehr zuverlässig funktionieren.

Der Verein FUSS e.V., der die Interessen von Fußgängern in Deutschland vertritt, führt in seiner Fachzeitschrift "mobilogisch" ebenfalls Bedenken gegen die niederländische Kreuzung ins Feld. Es werde oft vergessen, dass diese Bauform in vielen deutschen Dörfern und Städten nicht realisierbar sei. Gerade in Bergregionen, die es in den Niederlanden nicht gibt, fehle es schlicht an Platz.

Fahrradweiche an der auserwählten Darmstädter Kreuzung: Aktuell kreuzt der rechtsabbiegende Autoverkehr noch den Fahrradweg.

Blogger Schwendy kennt die Vorwürfe, sieht die niederländische Kreuzung gegenüber den herkömmlichen deutschen Varianten dennoch im Vorteil. Beim Prinzip der Fahrradweiche, wie es auf vielen großen deutschen Kreuzungen angewendet wird, sei der Radfahrende abhängig vom Verhalten und der Wahrnehmung der Auto- und Lkw-Fahrer. "Menschen machen Fehler", sagt Schwendy, "die Infrastruktur muss aber so angelegt sein, dass trotzdem Unfälle vermieden werden".

Bei der niederländischen Variante könnten auch Radfahrende aktiv dazu beitragen, Unfälle zu vermeiden. Vor allem in Innenstädten sei diese Variante an viel befahrenen Kreuzungen gut umsetzbar.

Hochschule wird Modellprojekt untersuchen

Ob sich die niederländische Kreuzung hierzulande durchsetzt, bleibt abzuwarten. Die Hochschule Darmstadt wird das Projekt wissenschaftlich begleiten. In einer Studie sollen bauliche Umsetzung, das Verhalten der Verkehrsteilnehmer und die Akzeptanz untersucht werden. Wenn die Ergebnisse positiv sind, dann spricht man vielleicht in Zukunft einmal nicht mehr von der niederländischen Kreuzung, sondern von der Darmstädter Variante.

Sendung: hr1, 6.4.2020, 6.30 Uhr