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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Jugendliche holen Lebensmittel aus Müllcontainern und bekochen Klima-Aktivisten

Müllcontainer voller weggeworfener Lebensmittel an einem Gießener Supermarkt

Was Supermärkte wegwerfen, danach tauchen Gießener Schüler: Die Mülltaucher holen nachts Essen aus dem Containern der Discounter. Am Freitag wollen sie so Klimaaktivisten auf einer Demo versorgen. Legal ist das allerdings nicht.

22 Uhr, Ladenschluss in Gießen. Für Paula* und vier andere Jugendliche geht es jetzt erst los. Sie sind sogenannte Mülltaucher. Mit Fahrradanhängern, großen leeren Einkaufstaschen und Stirnlampen radeln sie los. Die Jugendlichen gehen nachts an die Müllcontainer von Supermärkten, Gemüsehändlern und Bäckern und holen raus, was ihrer Meinung nach noch essbar ist.

Und das sei so gut wie alles, meint Paula. "Es wird viel weggeschmissen, und in den Tonnen findet man immer wieder Gemüse, Obst oder Fertigprodukte, die manchmal noch nicht mal abgelaufen sind."

"Wir retten Lebensmittel"

Oft sei das Mindesthaltbarkeitsdatum zwar überschritten, aber die Sachen seien noch völlig genießbar, meint Paula. "Einmal haben wir fast 20 Flaschen Saft gefunden, ein anderes Mal eine ganze Tüte voller Kekse." Oft finde man viel mehr, als man tragen könne.

Besonders hinter Bäckerei-Filialen seien die Tonnen manchmal randvoll mit Backwaren, bei einem Obst- und Gemüsegroßhändler gebe es manchmal komplette Container voller Bananen. Paula sagt: "Es ist logisch, dass solches Essen nicht weggeschmissen, sondern gegessen werden sollte."

Die Jugendlichen sammeln das Essen für die große Klima-Demo am Freitag, sie nennen das Lebensmittel retten. Weltweit wollen Klimaaktivisten auf die Straße gehen, in Gießen sind und 800 Demonstranten angemeldet.

Auf ihrer Tour werden die Mülltaucher schnell fündig: Nach einem Besuch bei Penny und Rewe zeigt die 17-Jährige Lene* den Inhalt einer großen Plastiktüte, auch der Fahrradanhänger ist inzwischen voll. "Wir haben Aprikosen, Falafel und Grießbrei gefunden." Und zur großen Freude von Lene auch Schokoladentafeln fürs Brot. "So was geht bei Demos immer gut weg", erklärt sie.

Rentner und Aktivisten vor Gericht

Das Problem: Rechtlich gesehen begehen Mülltaucher Hausfriedensbruch oder sogar Diebstahl. In der Praxis stellen Staatsanwälte die Ermittlungen gegen Mülltaucher zwar oft ein, doch nicht immer. Anfang des Jahres wurden zwei Mülltaucherinnen aus Bayern wegen "besonders schweren Diebstahls" zu einer Geldstrafe von 2.400 Euro verurteilt. Ihre Petition mit dem Titel "Containern ist kein Verbrechen!" unterzeichneten seitdem fast 150.000 Menschen.

Nach dem Containern transportieren Gießener Aktivisten die aus den Müllbehältern geholten Lebensmittel ab

Mülltaucher haben ganz unterschiedliche Motive: Manche containern aus Überzeugung, weil sie ein Zeichen setzen wollen gegen Verschwendung, Wegwerfgesellschaft und Umweltverschmutzung. Andere tun es aus der Not heraus, etwa Rentner oder Arbeitslose. So wurde 2017 etwa in Aachen ein mittelloser Rentner zu 200 Euro Geldstrafe verurteilt, nachdem er dabei erwischt worden war, wie er im Müll eines Supermarkts nach Essen durchsucht hatte.

Containern bleibt verboten

Auch die hessischen Justizbehörden befassen sich mit dem Phänomen. Ein Sprecher des Justizministeriums teilte mit, dass erst im Juni dieses Jahres auf der Justizministerkonzerenz der Länder über das Containern diskutiert worden sei. Das Ergebnis: Die Justizminister wollen an der aktuellen Rechtslage nichts ändern. Ihrer Meinung nach müsse man stattdessen die Lebensmittelverschwendung von vornherein vermeiden.

Die Justizminister schlagen vor, den Händlern die Abgabe von unverkäuflichen Lebensmitteln zu erleichtern, etwa an Tafeln. In diesem Zuge sollen auch rechtliche Vorgaben untersucht werden, zum Beispiel in Bezug auf Steuer oder Lebensmittelhygiene.

"Das schlechte Gewissen sollten die Supermärkte haben"

Der Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels lehnt das Containern grundsätzlich ab und "erst recht dessen Legalisierung". Der Verband weist darauf hin, dass die weggeworfen Lebensmittel nicht den Hygienevorschriften genügen würden, außerdem könnten sich in den Tonnen Lebensmittelabfälle befinden, die aus Warenrückrufen stammen, weil sie beispielsweise mit Fremdkörpern wie Glas- oder Metallsplitter verunreinigt sind.

Der Verband weist außerdem darauf hin, dass weitaus mehr Essen in Privathauhalten weggeschmissen werden. "Und über die Legalisierung des Containerns im Hausmüll wird ja auch nicht diskutiert - und das zu Recht, weil es ebenso unsinnig wäre".

Die jugendlichen Mülltaucher sind fest davon überzeugt, mit dem Containern etwas Gutes zu tun. Angst vor strafrechtlichen Konsequenzen haben sie nicht, sagt Paula. Und ein schlechtes Gewissen habe sie auch nicht, wenn sie das Essen aus der Tonne mitnehme. "Ich glaube, der Supermarkt sollte eher der Umwelt und allen hungernden Menschen gegenüber ein schlechtes Gewissen haben. Und nicht ich, wenn ich es raushole", sagt sie.

Weitere Informationen

Die Hälfte aller Lebensmittel landet im Müll

Laut dem Bundeszentrum für Ernährung landen in Deutschland fast zwölf Millionen Tonnen Lebensmittel jedes Jahr im Müll. Laut UN sind es weltweit mehr als eine Milliarde Tonnen. Das meiste wird in Privathaushalten weggeworfen, gefolgt von dem, was bereits in der Produktion und Verarbeitung verloren geht. Im Einzelhandel werden jährlich rund 550.000 Tonnen Lebensmittel entsorgt. Der Grund sind lange Öffnungszeiten und volle Regale bis zum Ladenschluss, vor allem leicht verderbliche. frische Lebensmitteln werden am nächsten Tag nicht mehr angeboten. Hinzu kommen beim Transport beschädigte Produkte und Lebensmittel, deren Mindesthaltbarkeits- oder Verbrauchsdatum abgelaufen ist.

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*Namen der Redaktion geändert

Sendung: hr4, hessenschaureport, 19.09.2019, 15.30 Uhr