Minimalistin Esther Stark steht vor ihrem Kleiderschrank

Tausende Dinge umgeben uns zu Hause. Doch immer mehr Menschen trennen sich von Überflüssigem und beschränken sich aufs Wesentliche. Esther Stark beschreibt für hessenschau.de ihren minimalistischen Lebensstil.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Esther Stark aus Münzenberg setzt auf einen minimalistischen Lebensstil

Lebensstil Minimalismus
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Minimalismus scheint in Hessen immer mehr Menschen zu begeistern. Auch Esther Stark aus Münzenberg in der Wetterau: Die 35-jährige Projektleiterin ist seit über vier Jahren "Minimalistin". Sie hat einen Stammtisch gegründet, schreibt einen Blog und betreibt einen Youtube-Channel. Im Interview mit hessenschau.de erklärt sie ihren Lebensstil.

hessenschau.de: Frau Stark, was ist genau Minimalismus?

Esther Stark: Minimalismus ist für mich, dass ich meine materiellen Gegenstände erst mal auf das reduziere, was ich wirklich brauche, was mich glücklich macht. Alles andere kann gehen. Das bedeutet aber auch, nachhaltiger zu leben und nach dem Ausmisten nicht alles neu zu kaufen. Und es bedeutet, wenn wir weniger Zeit damit verbringen, Dinge zu pflegen, zu reparieren, sie wieder loszuwerden, dass wir dann mehr Zeit für uns und die Familie haben. Auch mehr Zeit für Hobbies, für das, was uns Spaß macht. Das sollte aber nicht zu einem Wettbewerb ausarten. Frei nach dem Motto: ich habe weniger, deshalb bin ich besser.

hessenschau.de: Was war denn der Grund für Sie, Minimalistin zu werden?

Esther Stark: Ich habe früher zu den Konsumjunkies gehört und gemeint, mir mit "Shopping gegen Frust" was Gutes zu tun. Dann habe ich gemerkt, dass ich mir selber was vorgemacht habe. Ich hatte viel Zeug in meiner Wohnung und es hat mich genervt, dass es unordentlich war. Zum Putzen habe ich ewig gebraucht, jedes Deko-Teil musste hochgehoben werden. Im Internet habe ich dann etwas über "Ausmisten" und Entrümpeln" gefunden. Als ich damit angefangen habe war das wirklich befreiend, da fiel Ballast von meinen Schultern.

hessenschau.de: Was war Ihr erster Schritt zu einem minimalistischen Leben?  

Esther Stark: Ich habe mit meinen Kleiderschränken angefangen. Das waren zwei mal zwei Meter Klamotten. Zwei Schränke waren voll und ich wollte mir schon den dritten kaufen. Da habe ich mir überlegt, welche Sachen ziehe ich eigentlich wirklich gerne an? Ich habe dann rigoros ausgemistet, Sachen verkauft und bestimmt fünf große Müllsäcke voller Kleidung gespendet. Dann bin ich von Zimmer zu Zimmer gegangen und habe konsequent ausgemistet, was ich nicht wirklich brauche, Schrank für Schrank, Schublade für Schublade.

hessenschau.de: Wie entscheiden Sie, was Sie wirklich brauchen?

Esther Stark: Wenn ich zum Beispiel ein Kleidungsstück monatelang nicht getragen habe, dann weiß ich, das mag ich auch nicht, das kann weg. Bei Alltagsgegenständen ist es anders: Wenn ich einen Gegenstand so etwa drei bis sechs Monate lang gar nicht benutzt habe, dann brauche ich das auch nicht und dann kommt es weg. Allerdings habe ich auch mein Nudelholz deswegen ausgemistet. Als ich Pizzateig machen wollte, fehlte es. Ich habe dann kein neues gekauft, sondern den Teig mit einer Wasserflasche gerollt. Und wenn ich zum Beispiel einmal im Jahr ein Raclette-Set brauche, dann frage ich meine Eltern, ob ich mir ihres leihen.

hessenschau.de: Was sagen Freunde und Familie zu Ihrem Lebensstil?

Esther Stark: Mit einer Freundin habe ich ausgemistet, die fand das super. Auch mein Freund sagt, es ist cool, weniger zu haben. Man muss sich um weniger kümmern und findet seine Sachen einfacher. Meine Mutter dagegen denkt, ich hätte seit ein paar Jahren einen Spleen und wolle mich von allem trennen. Sie gehört aber zu einer Generation, die viel aufhebt, weil es früher nicht so viel gab. Bevor meine Mutter oder meine Großeltern etwas aussortieren, denken sie, vielleicht kann man das noch mal brauchen. Dabei kriegen wir heute eigentlich alles was wir brauchen um die Ecke.

hessenschau.de: Fragen Sie sich beim Einkaufen wirklich immer, brauche ich das jetzt oder nicht?

Esther Stark: Wenn Kleidung kaputt ist, dann kaufe ich schon was Neues. Aber sehr bewusst und gezielt. Ich versuche so gut es geht, Secondhand zu kaufen, um Ressourcen zu sparen. Bei neuen Sachen überlege ich, brauche ich davon eins oder doch zwei? Ich bezahle dann auch lieber mehr Geld für bessere Qualität.   

hessenschau.de: Sie müssten ja jetzt eigentlich mehr Geld übrig haben, wenn Sie weniger konsumieren. Was machen Sie damit?

Esther Stark: Das lege ich erstmal an die Seite. Was ich damit mache weiß ich noch nicht. Vielleicht mal wieder ein Sabbatjahr oder eine Weltreise. Oder ich arbeite nur noch Teilzeit, um mehr das zu tun, was ich mag.  

hessenschau.de: Was muss man machen, wenn man Minimalist werden möchte?

Esther Stark: Es kommt drauf an, ob man alleine lebt oder in einer Familie. Habe ich eine Familie, würde ich in einem ersten Schritt auf meine eigenen Sachen achten und klein anfangen. Zum Beispiel Kugelschreiber ausmisten. Dann kann man sich weiter steigern und größere Sachen angehen. Erst ganz zum Schluss würde ich mir Sachen vornehmen, an denen man hängt, die einen emotionalen Wert haben. Man sollte sich auch Zeit nehmen und nicht alles auf einmal an einem Wochenende ausmisten. Bei mir war das erste Ausmisten wirklich stressig, auch emotional. Mit der Zeit wird das aber immer einfacher.

hessenschau.de: Wie sieht Ihr Kleiderschrank heute aus?

Esther Stark: Es ist vermutlich immer noch zu viel drin. Aber es passt im Moment alles auf etwa einen Meter Breite. Aktuell sind nur meine Lieblingsteile drin, in denen ich mich wohlfühle. Ich überlege immer, wie ich das noch optimieren kann. Außerdem habe ich mal ausprobiert, wie lange man hinkommt, ohne zu waschen und ohne etwas mehrfach anzuziehen. Nach 28 Tagen war ich doch recht erstaunt, wie lange ich mit den T-Shirts auskam, das hätte sogar noch weiter gehen können. Bei den Jeanshosen dagegen wurde es etwas knapp.

hessenschau.de: Und wenn Ihnen mal jemand etwas schenken will?

Esther Stark: Das ist schwer (lacht). Was man mir schenken kann sind Erlebnisse, etwa Konzerte. Ich schreibe oft Wunschlisten, meistens klappt das ganz gut.

Die Fragen stellte Benjamin Müller.

Sendung: hr4, 20.8.2019, 7.20 Uhr