Familie steht am Auto auf einem vollen Parkplatz mit einer Leinwand

Eigentlich ist es das Ende der Zurückhaltung: Doch statt gegenseitiger Besuche und opulenter Mahlzeiten feierten Muslime in Marburg das Zuckerfest diesmal nach strikten Abstandsregeln im Autokino. Im vorangegangenen Fastenmonat Ramadan hatten die Corona-Einschränkungen aber durchaus ihre Vorteile.

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hessenschau vom 24.05.2020
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Wie jedes Jahr in der Nacht vor dem Zuckerfest hat Muminah Al-Soufi kein Auge zugetan. Viel zu groß war die Aufregung, viel zu viel war zu tun. Für das feierliche Ende des islamischen Fastenmonats Ramadan hat sie die ganze Nacht lang Vorbereitungen getroffen und bergeweise Maamoul und Ras gebacken: Kekse mit Datteln und Pistazien, die es traditionell zum Zuckerfest gibt.

Doch ansonsten ist dieses Jahr nichts so wie normal: Statt gemeinsam mit vielen Freunden und Verwandten ausgiebig zu frühstücken, zu feiern und zu beten, isst Familie Al-Soufi am frühen Sonntagmorgen zu Hause in Marburg etwas im kleinen Kreis. Dann macht sie sich auf in Richtung Marburger Autokino, wo eine Corona-konforme Zuckerfest-Alternative stattfindet.

Neue Kleider, die keiner sieht

Rund 150 Autos, meist gut besetzt, finden sich vor einer Leinwand auf dem Messeplatz ein. Das traditionelle Gebet zu "Eid Mubarak", die Gesänge und die Ansprache des Iman auf der Bühne sind aus der Entfernung kaum zu hören. Über das Autoradio soll man sie besser verstehen können, aber Familienvater Mohammed Al-Soufi braucht ein bisschen, bis er schließlich die richtige Frequenz findet.

So lange plaudert Muminah mit der Familie im Nebenauto. "Es ist wunderbar, überhaupt feiern zu können, aber es fehlt schon das Gemeinsame, das man sonst hat", sagt sie. Auch an den ständigen Sicherheitsabstand müsse sie sich immer noch gewöhnen. Auf der Rückbank sitzen die Kinder mit ein paar mitgebrachten Knabbereien und Getränken. Ein Ballonkünstler kommt vorbei und reicht ihnen ein paar wurstige Luftballon-Tierchen herein.

Bitte sitzen bleiben

"Salaaam!", hallt es zwischendurch über den umfunktionierte Messeplatz. An manchen Stellen steigen Besucher aus ihren Wagen, begrüßen sich aus der Ferne oder per Ellenbogen-Check. Aber Pulkbildung und Herumlaufen sind unerwünscht, darauf weisen die Mitarbeiter vom Autokino und Helfer der islamischen Gemeinde immer wieder hin: Die Leute sollen möglichst im Auto sitzen bleiben.

Auch Familie Al-Soufi bleibt unter sich. Alle sind traditionell von Kopf bis Fuß neu eingekleidet und besonders herausgeputzt, aber Muminahs prächtiges rosafarbenes Gewand, die neuen Sneaker und perfekt abgestimmten Klamotten der Kinder wird heute wohl kaum jemand sehen können.

Fasten fiel durch Corona manchen leichter

Die beiden Töchter der Familie, acht und zehn Jahre alt, haben dieses Jahr das erste Mal mitgefastet - völlig freiwillig, wie die Mutter betont. Es habe einerseits Spaß gemacht, andererseits sei es auch schwer gewesen, erzählen die Mädchen. "Blöd ist, dass ich dann immer Durst habe", berichtet die eine. Jetzt freue sie sich besonders, wieder zur gewohnten Zeit schlafen zu gehen. Und natürlich auf die Spielsachen und das Geld, die sie am Ende der Fastenzeit von ihren Familienangehörigen geschenkt bekämen.

Ihr 14-jähriger Bruder hat bereits ein paar Jahre Ramadan-Erfahrung und erzählt: Dieses Jahr sei ihm das Fasten sogar leichter gefallen, weil keine Schule war. Die Familie sei oft die ganze Nacht wach geblieben, habe bis Sonnenaufgang gegessen und vor allem viel getrunken - und dann habe man sich noch mal hingelegt und bis mittags geschlafen.

Die aktive Fastenzeit sei dadurch tagsüber nicht so lange gewesen wie sonst, wenn man morgens ganz normal arbeiten oder zur Schule gehen müsse. "Jetzt wird es aber natürlich etwas schwerer, wieder den Rhythmus umzustellen", sagt Muminah.

Organisatoren "positiv überrascht"

Hamdi El Farra, Vorstandsmitglied der Islamischen Gemeinde in Marburg, äußert sich "positiv überrascht" von der Veranstaltung. Normalerweise kämen zum Eid-Gebet bis zu 1.500 Menschen in eine Marburger Turnhalle. Er sei nun froh, dass überhaupt etwas stattfinden konnte und so viele gekommen seien. Die Feier zum Ende des Ramadan sei sehr wichtig, aber ebenso wichtig sei natürlich, dass man sich derzeit an die Regeln halte, so El Farra. Die Teilnehmer seien in dieser Hinsicht "sehr kooperativ" gewesen.

Auch Schaker Hussein vom Marburger Autokino ist zufrieden mit dem Ablauf. Die Teilnehmer hätten sich im Großen und Ganzen an die Regeln gehalten und auch auf Hinweise von Seiten des Veranstalters reagiert. So sei es inzwischen zwar nicht mehr grundsätzlich verboten, dass Menschen die Autos verlassen dürfen, dennoch habe man darauf geachtet, dass es nicht zu viele seien und sich keine Gruppen bilden.

"Im Rahmen des Vertretbaren"

Völlig kontaktlos sei es auf der Bühne zwar nicht abgelaufen, etwa als es eine Art Tombola gegeben habe, so der Veranstalter. Aber das sei seiner Ansicht nach "im Rahmen des Vertretbaren" gewesen. Als Organisator freue er sich grundsätzlich darüber, dass im gerade neu eröffneten Marburger Autokino nun nicht nur Filme laufen, sondern auch kulturelle und religiöse Veranstaltungen stattfinden können. Demnächst solle es auch einen Pfingstgottesdienst geben.

Ganz am Ende sollte dann übrigens doch noch ein kleines bisschen Gemeinschaftsgefühl aufkommen: Die hinten als letztes hereingefahrenen Autos durften als erste vorne herausfahren - also komplett über den Messeplatz kurven, vorbei an allen geparkten Autos und so zumindest aus der Ferne einmal allen zuwinken.

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Zuckerfest in Corona-Zeiten

Das Fest des Fastenbrechens wird am Ende des islamischen Fastenmonats Ramadan gefeiert. Weil sich der Termin am Mondkalender orientiert, findet das Zuckerfest jedes Jahr zu einem anderen Zeitpunkt statt. Viele Muslime kaufen oder backen für diesen Tag Süßwaren. Sie kaufen neue Kleidung, auch die Wohnung wird häufig komplett aufgeräumt und gereinigt. Am Tag selbst finden normalerweise gemeinsame Festgebete, Essen und Besuche beieinander statt. In Hessen mussten dieses Jahr viele Feiern ausfallen, nur vereinzelt gab es Veranstaltungen, etwa in der Moschee der Ahmadiyya-Gemeinde in Nidda (Wetterau). Eine geplante Großveranstaltung in Hanau wurde noch kurzfristig abgesagt.

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Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 24.05.2020, 19.30 Uhr