Coronavirus-Modell

Die Fallzahlen sinken, doch die ansteckenderen Sars-CoV-2-Varianten drohen den positiven Trend binnen weniger Wochen umzukehren. Was bedeutet das für die ersehnten Lockerungen der Lockdown-Regeln?

Der verschärfte Lockdown seit Mitte Dezember wirkt, die Infektionszahlen sinken. Kurz vor Weihnachten hatte Hessen noch bei einer Inzidenz von fast 200 gelegen - mit einem Spitzenwert von 369 im Odenwaldkreis. Jetzt ist das Ziel einer Inzidenz unter 50, also weniger als 50 Neufälle je 100.000 Einwohner in einer Woche, zumindest in Sichtweite.

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Bund und Länder einigten sich im Mai vergangenen Jahres auf die Grenze von 50. Eine Überlegung war, dass bei dieser Inzidenz Gesundheitsämter noch hinterherkommen, Ansteckungen zu verfolgen und Ausbrüche zu isolieren. Doch schon das ist nicht für alle Gesundheitsämter realistisch.

Wissenschaftler wie die Virologin Melanie Brinkmann und der Physiker Dirk Brockmann fordern deshalb deutlich ehrgeizigere Ziele: Sie schlagen auf Basis ihrer Berechnungen vor, sich an einer "No-Covid-Strategie" zu orientieren. Das Ziel müsse zumindest regional sein: null Neufälle. Sie schlagen vor, den Lockdown bis mindestens Mitte März zu verlängern.

Auch Lothar Wieler, Chef des Robert-Koch-Instituts, ließ Sympathien für das Ziel möglichst niedriger Inzidenzen erkennen. "Es gibt hunderte Gründe, warum wir niedrige Inzidenzen brauchen", sagte Wieler am Freitag in der Bundespressekonferenz.

Die Mutationen sind längst verbreitet

Ein Grund dafür sind die gefährlicheren Mutationen des Coronavirus - vor allem die Variante aus Großbritannien. Diese Mutante mit dem Namen B.1.1.7 ist deutlich ansteckender und breitet sich, wie eine britische Studie zeigt, deutlich schneller aus als die ursprüngliche Sars-CoV-2-Form. Der R-Wert, das Maß für die Ausbreitung des Virus, müsse unter gleichen Bedingungen etwa ein Drittel höher angesetzt werden, sagt der Berliner Virologe Christian Drosten.

Deutschlandkarte; weitflächig blau eingefärbt

Zu den Virus-Mutationen stellte RKI-Chef Wieler am Freitag erstmals Daten vor. Sie zeigen: Die gefährlicheren Varianten sind längst in der Fläche angekommen - auch in Hessen. Die Karte zeigt zwar regionale Unterschiede, aber aufgrund der noch vergleichsweise niedrigen Zahl von Fällen sind die eher dem Zufall geschuldet. Die Verbreitung ist flächendeckend. Das RKI schätzt den Anteil des Virus an den Neuinfektionen derzeit auf knapp sechs Prozent.

Das neue Virus verdrängt die bekannte Variante

Mit diesen Informationen lässt sich grob abschätzen, wie die gefährlichere Virus-Variante sich auswirken könnte: Wenn der Lockdown zunächst über den 14. Februar hinweg fortgesetzt würde, bliebe der R-Wert für das normale Virus, wie er ist - in Hessen derzeit bei etwa 0,8.

Die ansteckendere Variante würde aber tatsächlich nicht zurückgedrängt. Man müsste mit einer zunehmenden Zahl von Menschen rechnen, die sich mit dem neuen Virus infizieren und den Rückgang der Inzidenz abbremsen. Wo wir im Kampf gegen das Virus Boden gutmachen, droht B.1.1.7 diese Gewinne zunichte zu machen.

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Allerdings: Niedrige Inzidenzen würden es den Gesundheitsämtern wieder ermöglichen, Fälle zu verfolgen und zu isolieren und so auch die neuen Virus-Varianten in den Griff zu bekommen.

B.1.1.7 ist ein Grund, nicht zu früh zu lockern

Was eine zu frühe Lockerung auslösen könnte, verdeutlicht eine weitere grobe Schätzung: Wenn Bund und Länder am kommenden Mittwoch beschließen, Kontaktbeschränkungen ab Mitte Februar wieder zu lockern, bekommt das Virus wieder mehr Raum. Der R-Wert der alten Variante könnte auf 0,95 steigen - ein Wert wie im November. Da B.1.1.7 sich aber deutlich aggressiver verbreitet, setzt sich diese Variante durch - und sorgt schon nach wenigen Wochen wieder für exponentielles Wachstum.

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Quellen und Methoden

Wie wir die Effekte der Mutation berechnet haben: Mit den Zahlen des RKI haben wir die aktuelle Zahl an Neuinfektionen aufgeteilt - 94 Prozent herkömmliches Virus, sechs Prozent B.1.1.7 - und haben für jede Gruppe mit dem R-Wert ausgerechnet, wie viele Infektionen eine Woche später zu erwarten sind. Quellen für die Eckwerte der Berechnung waren:


Darüber hinaus haben wir auf Berechnungen des Covid-Simulators der Universität des Saarlandes zurückgegriffen und die Zahlen der Wissenschaftler verwendet, um unsere Berechnung auf Plausibilität zu überprüfen. Die Berechnung des Coronavirus-"Wildtyps" erfolgte mit den dort vorgegebenen Rahmendaten (R in Hessen derzeit bei 0,80341), die Berechnung der Mutante B.1.1.7 mit einem um ein Drittel erhöhten R-Wert.

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Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 05.02.2021, 19.30 Uhr