Festnahme des mutmaßlichen Serienbrandstifters

Eine Serie von Brandstiftungen bei alternativen Wohnprojekten im Rhein-Main-Gebiet sorgte Ende 2018 für Schlagzeilen. Ein 46-Jähriger wurde auf frischer Tat geschnappt. Der Frankfurter ist weiter auf freiem Fuß – obwohl es weitere Verdachtsfälle gibt.

Am späten Abend des 21. Dezember 2018 sitzt Steffen B. am Hanauer Busbahnhof und wartet darauf, dass die Polizei ihn festnimmt. Er tut es, weil man ihm gesagt hat, dass er warten soll. Kurze Zeit später sind die Beamten zur Stelle und durchsuchen ihn. Sie finden eine Flasche Brennspiritus und mehrere Feuerzeuge.

Es müssen surreale Szenen gewesen sein, die sich an diesem Dezemberabend in Hanau abgespielt haben. Kurz zuvor hatte es in einem Nebenraum des Autonomen Zentrums Metzgerstraße 8 gebrannt. Mehrere Besucher des Zentrums haben - so schildern sie es später - Steffen B. aus dem Zimmer stolpern sehen.

Man ist in diesen Dezembertagen besonders aufmerksam in der Metzgerstraße 8 . Seit September hatte es bereits in mehreren autonomen Kulturzentren und alternativen Wohnprojekten im Rhein-Main-Gebiet gebrannt - in Schwalbach, Hanau und Frankfurt. Nach dem Feuer in Hanau verfolgt ein Besucher Steffen B., holt ihn am Busbahnhof ein und fordert ihn auf zu warten. Steffen B. tut das.

Erneute Festnahmen

Einen Tag später ist Steffen B. wieder frei. Seitdem gilt er als Hauptverdächtiger für die Brandserie. Die Staatsanwaltschaften in Hanau und Frankfurt ermitteln gegen ihn. Doch Steffen B. bleibt auf freiem Fuß, auch wenn er in der Zwischenzeit zwei weitere Male in unmittelbarer Nähe von Bränden gefasst wurde.

Nach Informationen von hessenschau.de wurde Steffen B. - dessen richtigen Namen wir aus Rücksicht auf die laufenden Ermittlungen nicht nennen - jeweils im Juli und Oktober von Polizeibeamten in unmittelbarer örtlicher und zeitlicher Nähe zu zwei mutmaßlich absichtlich gelegten Bränden angetroffen und festgenommen. Das belegen unter anderem Aussagen von Augenzeugen, die anonym bleiben möchten. Polizei und Staatsanwaltschaft dürfen aus datenschutzrechtlichen Gründen die Identität des Verdächtigen nicht preisgeben.

Rückkehr an alten Tatort

Demo gegen Rechts

In den Pressemitteilungen der Polizei ist jeweils nur davon die Rede, dass ein "46-Jähriger" als Tatverdächtiger festgenommen wurde. So auch am 26. Juli, als es gegen 22 Uhr in einem Hinterhof an der Höhenstraße im Frankfurter Nordend brennt. Irgendjemand hat Textilien und Papier in Brand gesteckt. Das Feuer breitet sich auf ausgetrocknete Sträucher aus. Die Feuerwehr verhindert, dass es auf Mülltonnen oder Gebäude übergreift.

Erneut sehen Zeugen einen Mann vom Tatort fliehen, erneut können sie ihn stellen. Es ist nicht das erste Mal, dass es in dieser Ecke brennt. Unmittelbar an den Tatort grenzt ein Gebäude des Vereins "Lila Luftschloss" - einer Frauen-Wohnbaugemeinschaft. Dort hatte es schon im Dezember 2018 einmal gebrannt. Auch hier steht der Verdacht im Raum, dass B. den Brand gelegt haben könnte.

Rauchgeruch und Ruß

Knapp drei Monate später, in der Nacht auf den 21.Oktober, brennt es im Frankfurter Stadtteil Seckbach gleich an mehreren Stellen: Eine Hecke in einem Kleingartenverein, nicht weit davon entfernt zwei Mülltonnen. Eine Hausfassade wird beschädigt. Kaum hat die Feuerwehr die Flammen gelöscht, brennt einige Straßen weiter ein stillgelegtes Auto.

Einen Tag später gibt die Frankfurter Polizei erneut bekannt, einen "46-Jährigen" festgenommen zu haben. "Rauchgeruch" und Ruß an seiner Kleidung hätte die Aufmerksamkeit der Polizeibeamte erregt. Vielleicht wussten die Beamten aber auch schon, nach wem sie suchen mussten. Immerhin lebt Steffen B. in Seckbach.

Staatsschutz ermittelt

Café Exzess in Frankfurt-Bockenheim

Insgesamt wird gegen Steffen B. mittlerweile in nicht weniger als 13 Fällen wegen des Verdachts der versuchten oder vollendeten Brandstiftung ermittelt. Neben den erwähnten Fällen zählen dazu unter anderem:

  • Der Brand im Wohnprojekt Knotenpunkt Schwalbach. Dabei wurden die Gebäude des Projekts derart schwer beschädigt, dass sie vorübergehend unbewohnbar wurden. Der Sachschaden betrug 200.000 Euro
  • Mehre Brände im Autonomen Zentrum "Au" und im alternativen Wohnprojekt "Assenland" in Frankfurt-Rödelheim im Zeitraum vom 13. bis 15. November 2018
  • Zwei Brände im alternativen Kulturzentrum "Exzess" in Frankfurt-Bockenheim an zwei aufeinander folgenden Abenden im Dezember 2018.
  • Der Brand eines Bauwagens auf dem Gelände des alternativen Wohnprojekts Schwarze 79 in Hanau

Da es sich dabei ausschließlich um Liegenschaften handelt, die von links-alternativen Gruppen genutzt werden, ermittelt sowohl in Frankfurt als auch in Hanau der Staatsschutz. Nur die jüngsten Brandstiftungen in Frankfurt-Seckbach werden in der allgemeinen Abteilung bearbeitet.

Ob psychischer Zwang oder politische Überzeugungen hinter den Taten stehen - oder am Ende beides - ist noch Gegenstand der Ermittlungen. Allerdings machte das Mietshäuser Syndikat Hessen bereits Anfang 2019 bekannt, dass Steffen B. kein Unbekannter sei. Mehrfach habe B. versucht, alternativen Wohnprojekte zu schaden, indem er Jahresbilanzen nach kleineren Formfehlern durchforstete und diese den Behörden angezeigt hätte. Davon betroffen waren auch mindestens zwei Projekte, bei denen es im Herbst 2019 brannte.

Unverständnis bei Betroffenen

Trotz der Vorgeschichte und der erneuten Brandstiftungen befindet sich Steffen B. nach wie vor nicht in Untersuchungshaft. Die Bewohner der betroffenen Projekte fänden das unverständlich, sagt Rechtsanwalt Markus Künzel. Der Frankfurter Jurist vertritt das Autonome Zentrum Metzgerstraße aus Hanau.

Dass B. nicht spätestens im August 2019 - nachdem es beim Projekt "Lila Luftschloss" gebrannt hatte - in Untersuchungshaft genommen wurde, sei zumindest merkwürdig. "Es sind längst genug Taten, um eine Wiederholungsgefahr als gegeben zu sehen. Man fragt sich schon, was es da noch braucht", sagt Künzel.

Voraussetzungen für Untersuchungshaft nicht erfüllt

Bei den zuständigen Staatsanwaltschaften gibt man sich beim Thema Untersuchungshaft schmallippig. Auf die Frage, welche Gründe gegen Untersuchungshaft sprechen, antwortet die Hanauer Staatsanwaltschaft gar nicht. Die Frankfurter Ankläger verweisen darauf, dass die Untersuchungshaft einen dringenden Tatverdacht und einen Haftgrund verlangt. "Diese Voraussetzungen liegen im hiesigen Verfahren zur Zeit nicht vor", heißt es auf Anfrage von hessenschau.de

Also keine Wiederholungsgefahr? Rechtsanwalt Künzel kann sich die Haltung der Ermittler nicht erklären. "Die Frage, die ich mir stelle ist: Wie lange kann man sich so eine Serie angucken, bevor man schützend eingreift?" Die Verunsicherung bei seinen Mandanten sei groß, betont er. Und sie wird es wohl noch eine Weile bleiben. Wann und ob es überhaupt es zu einer Anklage gegen Steffen B. kommt, können beide Staatsanwaltschaften derzeit noch nicht absehen.