Tanja Heuser leidet unter ständigem Brummen in ihrer Wohnung.

Hör mal, was da brummt! Immer mehr Darmstädterinnen und Darmstädter beschweren sich über eine ungewöhnliche Lärmbelästigung. Die Behörden tappen bisher im Dunkeln.

Videobeitrag

Video

zum Video Mysteriöses Geräusch in Darmstadt

hs
Ende des Videobeitrags

Tanja Heuser aus dem Darmstädter Martinsviertel ist müde. Körperlich müde, weil sie kaum noch erholsamen Schlaf findet. "Ich habe im vergangenen Jahr 100 Nächte überhaupt nicht geschlafen. Und wenn ich es mal schaffe, fühle ich mich danach trotzdem wie gerädert", klagt die 46-Jährige. Müde mache sie auch, den Behörden nachzurennen, um endlich eine Lösung - oder wenigstens eine Erklärung - für ihr Problem zu finden: ein permanentes Wummern tieffrequenter Schallwellen in ihrer Wohnung.

"Wie das Abpumpen einer Spülmaschine"

Zum ersten Mal hört Heuser das Brummen und Wummern im März 2020. Zeitgleich mit dem ersten Lockdown. "Die Stadt war plötzlich still. Viele Leute waren Zuhause. Am Anfang dachte ich noch, da feiert jemand 'ne illegale Corona-Party und hat ordentlich den Bass aufgedreht. Ich hab sogar die Polizei gerufen, aber wir haben dann festgestellt: Hier feiert niemand." Die Polizisten hören nicht einmal, was Heuser hört.

Die Beamten ziehen ab, das Geräusch bleibt. Nun schon seit über einem Jahr. "Das klingt wie das Abpumpen einer Spülmaschine. In Dauerschleife. Manchmal sind ein, zwei Tage Pause, dann kommt es zurück." Heuser forscht ständig nach der Ursache. Finden konnte sie die Quelle bisher nicht. Dafür aber ein Dutzend Nachbarn, die das Brummen auch hören. "Das zeigt mir immerhin, dass ich nicht verrückt bin."

Tieffrequenter Schall - kein neues Phänomen

Dumpfe Brummtöne sind in Städten längst keine Seltenheit mehr. Immer wieder klagen Menschen über Belästigungen durch sogenannten tieffrequenten Schall: ein vibrierendes Geräusch, das sich äußern kann in Schwindel, Schlaflosigkeit, Migräne, allgemeinem Unwohlsein. Vergangenen April berichtete die Frankfurter Neue Presse über Fälle aus dem Frankfurter Stadtteil Bergen-Enkheim. Nun melden sich immer mehr Betroffene aus Darmstadt.

Das Problem mit tiefrequentem Schall: Nur wenige Menschen können die Geräusche unterhalb einer Frequenz von 100 Hertz hören beziehungsweise fühlen. Betroffene befürchten deshalb oft, nicht ernst genommen zu werden.

Darmstadt Luisenplatz

Ursachen: überall und nirgends

Dazu kommt, dass die Ursachen für die störenden Schallwellen nur selten gefunden werden. Diplom-Ingenieur Christian Fabris vom Bundesumweltamt in Dessau erklärt: "Allein im Wohnbereich gibt es so viele tieffrequente Geräuschquellen: Kühlschränke, Waschmaschinen im Schleudergang, Heizungsanlagen, Wärmepumpentechnik. Ursachen können überall da sein, wo Luft verwirbelt wird oder ein Motor läuft."

Zu den Privathaushalten kommen in den Städten noch Gewerbeflächen hinzu, Universitäten, und und und. Tieffrequente Schallwellen haben außerdem sehr langwellige Frequenzen, die weit reichen können. Heißt: Die Geräuschquelle kann durchaus mehrere Kilometer entfernt liegen und trotzdem ins Stadtgebiet strahlen.

Schnelle Abhilfe gibt es nicht

Karin Lübbe leitet das Umweltamt in Darmstadt. Die Behörde kümmert sich unter anderem um Immission und Emission im Stadtgebiet und damit auch um das Brummtonphänomen im Martinsviertel. Hoffnung auf schnelle Abhilfe kann sie den Betroffenen nicht machen: "Tieffrequenter Schall ist ein Problem, das wir nicht von heute auf morgen aus der Welt schaffen, das wissen wir aus anderen Städten." Im Fall Bergen-Enkheim seien die Messungen ohne Ergebnis geblieben. Die Quelle wurde nicht gefunden. Das bestätigt auch die Stadt Frankfurt auf Nachfrage.

Trotzdem betont Lübbe: "Wir nehmen jeden einzelnen Hinweis sehr ernst. Wir kooperieren eng mit dem Bauaufsichtsamt, haben das Regierungspräsidium ins Boot geholt. Die sind zuständig für die Gewerbeanlagen. Wir haben außerdem eine Karte angelegt, um zu sehen, wo kommt welcher Hinweis her? 30 Beschwerden sind bisher eingegangen. Und es zeigt sich: Die kommen aus dem gesamten Stadtgebiet, nicht nur aus dem Martinsviertel. Wir streben jetzt Messungen an mit dem hessischen Umweltministerium, mit denen wir der Quelle näher kommen wollen."

Der Alltag ist kaum noch zu bewältigen

Im Martinsviertel wird derweil wild spekuliert: Ist der Funkmast in der Gardistenstraße verantwortlich für den Schall? Die Telekom? Ein Teilchenbeschleuniger der Technischen Universität? Alles möglich, aber konkrete Anhaltspunkte fehlen bisher.

Warum sich die Hilfe der Behörden nun schon ein Jahr hinzieht, ist für Tanja Heuser derweil ein Rätsel: "Einmal waren Mitarbeiter des Umweltamtes da für eine Messung. Die konnten nichts feststellen. Sie wollten wiederkommen. Darauf warte ich noch heute."

Über 100 E-Mails habe sie an die Stadt geschrieben, an die Bürgerbeauftragte. "Ich kann im Alltag kaum noch funktionieren. Ich habe einen neunjährigen Sohn, für den ich da sein muss. Selbst der Kleine reagiert mit Migräne, schläft unruhig. Für uns Betroffene ist diese Dauerbeschallung regelrechter Psychoterror."

Statt zügig zu handeln, habe man Heuser unter anderem geraten, doch mal im Hotel zu übernachten. Auch der Gedanke eines Umzugs stand schon im Raum. "Das kommt für mich aber nicht in Frage. Das ist doch unser Lebensraum hier, unser Viertel, unser Zuhause." Sie wünscht sich stattdessen, "dass die Suche nach der Geräuschquelle endlich in die Gänge kommt. Dass die Stadt die Betroffenen wirklich ernst nimmt. Und zwar, indem sie tätig wird und uns das nicht nur sagt." Und sie wünscht sich, endlich mal wieder eine Nacht ruhig durchzuschlafen. Ohne permanentes Wummern im Ohr.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 26.04.2021, 19.30 Uhr