Eine Seniorin hat eine Maske an ihren Rollator gehängt.

Das Coronavirus setzt Alten- und Pflegeeinrichtungen besonders zu. Nachdem reihenweise Bewohner und Mitarbeiter erkrankt sind, bitten zwei Heimleiter öffentlich um Unterstützung - mit Erfolg.

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Die Pflege- und Altenheime trifft die zweite Corona-Welle besonders hart. Mitte November waren laut Regierungspräsidium Gießen 1.200 Bewohner infiziert - doppelt so viele wie im April, als die Pandemie zum ersten Mal einen Höhepunkt erreichte.

Im Seniorenheim Rosengarten in Bad Sooden-Allendorf (Werra-Meißner) ist die Situation inzwischen so vertrackt, dass Bürgermeister Frank Hix (CDU) am Montagabend bei Facebook und Instagram um Hilfe rief. Alle 26 Bewohner seien positiv getestet worden - und die 14 Mitarbeiter befänden sich ebenfalls in Quarantäne.

Die Situation sei "dramatisch", sagte er in einem Video. Der Betrieb könne nicht mehr aufrechterhalten werden. Für die bevorstehende Nachtschicht gebe es nicht genug Pflegekräfte.

"Überwältigt von der Solidarität"

"In Absprache mit der Inhaberin rufe ich daher dringend alle, die in irgendeiner Form mit Altenpflege oder Pflege zu tun haben und spontan einspringen können, dazu auf, sich bei uns zu melden", sagte Hix in dem Video. Mehr als 3.000-mal wurde der Aufruf inzwischen geteilt.

Etwa 100 Freiwillige, darunter einige Pflegefachkräfte, hätten sich inzwischen gemeldet, sagte Hix dem hr am Dienstagabend. Bereits drei Stunden nach seinem Aufruf veröffentlichte er eine zweite Videobotschaft, in der er sich "überwältigt und angetan" von der Solidarität der Menschen zeigte. Die Schicht für die Nacht auf Dienstag habe besetzt werden können, doch für die kommenden zwei bis drei Wochen fehlten noch immer Helfer, so der Bürgermeister.

Auch Lindener Seniorenheim fürchtet Massenausbruch

Ähnlich ist die Situation im Seniorenzentrum der Gesellschaft für diakonische Altenhilfe in Linden (Gießen). Nachdem vor etwa einer Woche eine Mitarbeiterin positiv getestet worden sei, hätten sich rasch etliche weitere Menschen im Heim angesteckt, sagte Mitarbeiter Christoph Pohl dem hr. Knapp 30 Bewohner und zehn Mitarbeiter seien inzwischen erkrankt. Das Heim habe daraufhin extra eine Facebook-Seite eingerichtet, um nach Hilfe zu rufen.

Momentan sei die Versorgung zwar noch gewährleistet. "Aber die Frage ist, wie lange noch", sagte Pohl. Nach einem Massenabstrich aller Bewohner und Mitarbeiter am Montag gehe man davon aus, dass bis Ende der Woche viele der gut 100 Bewohner und etliche Pflegekräfte in Quarantäne geschickt würden.

Schon vor der Corona-Krise habe das Heim unter dem Arbeitskräftemangel in der Pflege gelitten. "Unser Stellenanzeige bei der Agentur für Arbeit ist dauerhaft geschaltet", berichtete Pohl. Jetzt seien nicht einmal mehr über Zeitarbeitsfirmen Kräfte zu finden.

In Wiesbaden arbeiteten infizierte Pflegekräfte weiter

Im Wiesbadener Antoniusheim ging man vor kurzem einen anderen Weg: Positiv getestete Mitarbeiter ohne Symptome erhielten vom Gesundheitsamt die Erlaubnis, weiter zur Arbeit zu kommen - mit FFP2-Maske, Schutzkleidung und im eigenen Auto - und sich dort ausschließlich um ebenfalls infizierte Bewohner zu kümmern.

Aus Rücksicht auf die ohnehin schon angespannte Personalsituation in den Pflegeeinrichtungen habe das Wiesbadener Gesundheitsamt dies schon häufiger genehmigt, bestätigte Amtsleiterin Kaschlin Butt dem hr. Heimleiter Michael Portz betonte, die Mitarbeiter hätten dies freiwillig entschieden. Andernfalls hätten die Bewohner nicht mehr versorgt werden können.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 24.11.2020, 19.30 Uhr