Trauergebinde nach dem Anschlag in Hanau

Alle fühlen sich betroffen - und alle Hanauer, gerade jene mit ausländischen Wurzeln, versuchen das Geschehene zu verarbeiten. Ein Stimmungsbild fast zwei Wochen nach dem Anschlag.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Wie Vereine und Verbände auf den Anschlag von Hanau reagieren

Trauergebinde nach dem Anschlag in Hanau
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Der Wochenmarkt auf dem Hanauer Marktplatz: satte Auslagen mit roten Äpfeln und grünen Salaten. Es riecht nach Käse, Oliven und frischem Brot. Nur wenige Schritte neben den Ständen, am Brüder-Grimm-Denkmal: unzählige Kerzen, Blumen, Fotos und Plakate. Hier fanden in den vergangenen Tagen Kundgebungen und Trauergebete für die Opfer des rassistischen Anschlags vom 19. Februar statt.

Was auffällt: Der Wochenmarkt ist schwächer besucht als sonst. Viele Kunden, die hier einkaufen, bleiben am Denkmal stehen, halten inne oder unterhalten sich über das, was vor fast zwei Wochen in ihrer Stadt passiert ist.

Menschen aus 180 Nationen und 36 Glaubensgemeinschaften

Ein Mann hält Blumen in der Hand. Er will sie ablegen, findet aber keinen Platz. "Ich will die anderen Sachen ja nicht überdecken", sagt er. Nach minutenlanger Suche findet er doch noch einen passenden Ort. Zwei Schritte daneben hat eine Frau ihre Einkaufstasche abgestellt und beugt sich über einen der Briefe, die zwischen den Fotos und Kerzen liegen. "Ich bin immer noch fassungslos", sagt sie: "Da lebst du hier jahrelang friedlich - und dann so was."

Dieser Satz beschreibt die Gefühlslage vieler Hanauer. Sie sind erschüttert - wegen der schrecklichen Tat und wegen des rassistischen Hintergrunds. Der Anschlag galt Menschen mit ausländischen Wurzeln. Davon gibt es in Hanau viele: Hier leben Menschen aus rund 180 Nationen und 36 Glaubensgemeinschaften. Viele dieser Menschen sprechen seit Tagen von Angst, Verunsicherung und Unruhe. Die Stimmung in der Community ist gekippt.

Beklommen in der Shisha-Bar

Das zeigt zum Beispiel ein Blick in die Shisha-Bar Palast: Das Licht ist gedimmt, die Wände leuchten in hellen Blautönen, im Raum verbreitet sich der Duft von Minze. Alles so wie immer - nur die Menschen fehlen. Normalerweise sei der Laden voll mit jungen Hanauern, doch seit jenem Mittwoch sei alles anders, erzählt Geschäftsführer Garen Eyiol: "Und man sieht fast gar keine Leute auf der Straße, die auch Lust haben, was zu machen."

Die 22-jährige Sarah ist trotzdem in die Bar gekommen, um eine Wasserpfeife zu rauchen. Sie sagt: Der Terroranschlag habe sie verändert. Sie überlege sich jetzt genau, wo sie sich hinsetze. "Ich kriege jetzt mittlerweile schon Angst, wenn irgendjemand Fremdes reinkommt", sagt sie: "Oder wenn die Tür aufgeht, dann duckt man sich sogar."

Was wäre passiert, wenn ...?

Das Erlebte zu verarbeiten, wird dauern, sagt auch Murat Melek. In seinem Restaurant Adana in Hanau-Kesselstadt verkauft er Döner und Pizza - nur wenige Meter entfernt vom zweiten Tatort. "Ich habe durch die Fenster geguckt, da habe ich die Leute rennen sehen", erinnert er sich an die schrecklichen Bilder der Tatnacht - und die kämen ihm immer wieder in den Kopf. Genau wie die Frage, was gewesen wäre, wenn der Täter ihn gesehen hätte. "Hätte ich die Tür nicht zu gehabt, wäre der Wahnsinnige vielleicht auch hier reinmarschiert", sagt Melek.

Was wäre, wenn? Diese Frage treibt auch Okan Sari um. Er ist sportlicher Leiter der Fußballer beim Hanauer Sportclub 1960. "Wir hatten an dem Abend ein Spiel", sagt er. 3:0 gewann der kurdisch geführte Sportclub gegen den SV der Bosnier aus Frankfurt. Der Sportclub sicherte sich damit die Tabellenführung der Verbandsliga Süd.

Der Jubel darüber hielt allerdings nicht lang an. Kurz nach Schlusspfiff erreichten die Amateurfußballer die ersten Nachrichten über die beiden Schießereien. Der zweite Tatort am Kurt-Schumacher-Platz liegt nur zwei Autominuten entfernt von ihrem Fußballplatz. "Was wäre denn passiert, wenn er kurz rübergefahren wäre", fragt Sari. Seine Spieler, die Gegner, die Zuschauer - fast alle mit ausländischen Wurzeln.

Rassismus, sagt Sari, sei in Hanau nie Thema gewesen: "Das ist auch das Schöne an unserer Stadt. Das macht unsere Stadt aus."

Appell zum Zusammenstehen

Nihat Özdemir vom kurdischen Heimatverein AYDD sieht das ähnlich: "Ich bin seit 1977 hier, und bis heute ist mir so was nicht begegnet." Gökhan Gültekin, eines der Opfer des Anschlags, war auch Mitglied im Verein. "Das war immer so weit weg von uns", sagt Özdemir. Hanau sei eine Stadt, in der gefühlt jeder jeden kenne. "Deswegen sind ja auch alle betroffen."

Alle - auch die Hanauer ohne ausländische Wurzeln. Der Anschlag sei ein Anschlag auf alle Hanauer gewesen. Sie müssten diese schwere Zeit jetzt gemeinsam durchstehen. "Was bleibt uns denn übrig, als das jetzt so hinzunehmen", fragt Özdemirs Vereinskollege Zafer Özkan. Jetzt gelte es zu verhindern, dass sich so etwas wiederholt: "In der Schulpolitik, in der Migrationspolitik - überall da müssen wir als Verein, wir als Ausländer, als Migranten jetzt mitarbeiten und nicht nur zusehen."

Rassismus bislang kaum spürbar

Ähnlich äußern sich Vertreter anderer Hanauer Vereine und Verbände. Der Islamische Verein etwa oder die Jüdisch-Chassidische Gemeinde: Sie wollen nun auch präventiv mehr gegen Rassismus unternehmen - auch wenn der bisher nie spürbar gewesen sei.

"Trotzdem macht sich der bundesweite Trend natürlich auch in Hanau bemerkbar", hakt Silma Yilmaz-Ilkhan, Vorsitzende des Hanauer Ausländerbeirats, ein. Alltagsrassismus sei durchaus hier und da erlebbar: "Das ist aber kein Hanauer Problem, sondern ein weltweites."

Niko Deeg, Vorsitzender der Jüdisch-Chassidischen Gemeinde, geht einen Schritt weiter: "Dieser Anschlag hätte überall passieren können. Das hat nichts mit Hanau zu tun." Da er aber nun mal in Hanau passiert sei, gelte es jetzt, noch enger zusammenzustehen.

Sendung: hr-iNFO, 27.02.2020, 11.20 Uhr