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Audioseite 80 Jahre alter Helfer im Ahrtal: "So lange ich gebraucht werde, bin ich dort"

Georg Seelinger

Die Not im Ahrtal nach der Flutkatastrophe hat Georg Seelinger tief berührt. Ohne zu zögern, hat sich der 80-Jährige aus dem südhessischen Kleestadt aufgemacht, um zu helfen - mit Spaten und Bohrhammer.

"Die Leute sind sowas von dankbar. Viele haben Tränen in den Augen." Wenn Georg Seelinger von seinem Hilfseinsatz im Überschwemmungsgebiet im Ahrtal berichtet, wird er emotional. "Da sind Menschen, die völlig traumatisiert neben sich stehen", berichtet der Odenwälder von seiner Begegnung mit den Opfern einer der schlimmsten Naturkatastrophen, die Deutschland je heimgesucht haben.

"Da muss ich helfen"

Als die Flutkatastrophe im Juli über Teile Westdeutschlands hereinbricht, lassen den 80-Jährigen die Fernsehbilder von dem, was sie hinterlässt, nicht los. Für ihn ist klar: "Da muss ich helfen." Der drahtige Handwerker packt in sein Auto, was in der Garage lagert: Bohrhammer, Spaten, Schaufeln, Besen. Darüber, was alles benötigt wird, hat er sich genau informiert.

Seelinger zwischen Trümmern mit Bohrhammer

Im Wagen lässt er soviel Platz, dass er zur Not darin auch schlafen kann. Es gebe nicht genügend Zimmer für alle, wurde ihm gesagt. Morgens um fünf Uhr macht er sich auf den Weg ins Katastrophengebiet im Ahrtal. Er will die Aufgabenverteilung um neun Uhr nicht verpassen.

Schwere körperliche Arbeit

Über die Hilfsorganisationen "To All Nations" und "Samaritan’s Purse" wird er schnell einem Team zugeteilt, in dem er seine handwerklichen Fähigkeiten voll einbringen kann. Dabei geht es vor allem um schwere körperliche Arbeit. Der 80-Jährige ist nicht zimperlich.

Tatsächlich ist Seelinger nach eigenem Bekunden der älteste Helfer vor Ort. Deswegen aber einen Bonus zu beanspruchen, würde dem kraftstrotzenden Rentner im Traum nicht einfallen. "Die Jüngeren mussten sich öfter mal setzen und Pause machen, und ich war noch am Malochen", erzählt er nicht ohne Stolz. "Da entwickele ich eine Energie, die mich selbst erstaunt."

Geburtstag zwischen Trümmern

Auch seinen 80. Geburtstag, an einem Dienstag im September, "feiert" Seelinger lieber im Ahrtal als auf dem heimischen Sofa in Kleestadt , einem Stadtteil von Groß-Umstadt (Darmstadt-Dieburg). Im Schutt stehend, das dichte weiße Haar von Staub bedeckt, haut er mit dem Bohrhammer den durchfeuchteten alten Putz von den Wänden der kaputten Häuser. "Ich betrachte diesen Tag wie jeden anderen auch." Die verstreute Familie bekommt er ohnhein erst am nächsten Wochenende zusammen. "Da kann ich genausogut da oben helfen", meint er.

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zum Video Geburtstagstörtchen für den Helfer

Georg Seelinger
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Nach getaner Arbeit ruft ihn der Pastor der örtlichen Freikirche dann doch wegen einer "wichtigen Angelegenheit" in den improvisierten Speisesaal. Als Seelinger eintritt, stehen dort auf einem Festzelttisch einige Cupcakes, kleine Törtchen mit Kerzen obendrauf. Die bläst er unter dem Beifall der Anwesenden aus, um dann sofort vor laufender Handykamera einen Hilfsaufruf zu starten. "Das ist mir eine Herzensangelegenheit."

"Manche haben zwei linke Augen"

Was Seelinger antreibt, für andere da zu sein, ist Nächstenliebe, wie er sagt. "Das liegt in meiner christlichen Natur." Manche hätten zwei linke Hände, andere zwei linke Augen. "Bei mir ist es das genaue Gegenteil. Wenn ich sehe, da quält sich einer rum und schafft es nicht alleine, dann gehe ich hin und packe mit an. Dafür habe ich einen Blick."

Dabei beschränkt sich die Hilfe auch im Ahrtal nicht nur auf festes Zupacken. Oft ist Seelinger Seelentröster. Er berichtet von dem Bedürfnis der Leidenden, sich mitzuteilen. Und er weiß, was er dann zu tun hat. "Einfach mal die Schaufel wegstellen und zuhören, eine halbe, dreiviertel Stunde, einfach nur zuhören. Nicht für ihr Haus da sein, sondern nur für sie.“ Das helfe den Menschen ungemein.

Dem Tod schon oft von der Schippe gesprungen

Dass er im fortgeschrittenen Alter noch so fit ist, erklärt sich der Rentner mit seiner positiven Lebenseinstellung und seinem Glauben. "Ich bete jeden Tag zu Gott um Kraft". Zwischendurch esse er aber auch mal was, fügt er hinzu und lacht. Er sei den ganzen Tag in Bewegung. Seit der Krankheit und dem Tod seiner Frau vor einem Jahr hält er das Haus am Tor zum Odenwald alleine in Schuss. Für ihn ist das Sport genug.

Dann berichtet er nachdenklich, wie er dem Tod immer wieder von der Schippe sprang: Verkehrsunfall, Sturz vom acht Meter hohen Baum, Herzinfarkt in Kamerun. "Sieben Mal hätte mich der Herrgott schon abholen können." Hat er aber nicht. Und Georg Seelinger hat vor, noch lange zu leben. "Ich bewege noch etwas."

Es wird noch lange dauern

Gerade ist der Kleestädter zu seinem sechsten Einsatz ins Ahrtal gestartet. Der letzte wird es nicht sein. "Das wird noch lange dauern." Da müssen Räume neu verputzt, Kabel und Rohre verlegt werden. Dass er sich beim letzten Mal die Hüfte verrenkt hat und deshalb ein paar Tage pausieren musste, wird ihn nicht bremsen. "So lange ich gebraucht werde, bin ich dort."