Corona und die Lust aufs Lernen: Seit knapp einer Woche dürfen auch die Klassen 7 bis 10 in Hessen wieder richtig in die Schule gehen - wenn die Inzidenz stimmt. Für viele Kinder war das ein echtes Highlight.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Endlich wieder Schule! Vier Kinder erzählen, wie es ihnen damit geht

Die Protagonisten Ilham und Luca stehen vor dem Gebäude der "Arche".
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Seit fünf Monaten das erste Mal wieder in die Schule gehen: Für viele Kinder und Jugendliche in Hessen ist das seit fast einer Woche wieder möglich - wenn auch bislang häufig nur im Wechselmodell. Die Schülerinnen und Schüler der Klassen sieben bis zehn waren in Hessen seit dem harten Lockdown Mitte Dezember fast ausschließlich im Distanzunterricht, also die meisten von ihnen mehr oder weniger allein zuhause.

hessenschau.de hat vier Jugendliche aus verschiedenen Familien und sozialen Verhältnissen getroffen und mit ihnen gesprochen, wie sie es finden, wieder in die Schule zu gehen und wie sie die lange Zeit im Home-Schooling erlebt haben.

Soufian, 12, und Luka, 13: "Das Internet ist immer abgestürzt, das war unfair"

Soufian ist zwölf Jahre alt und geht auf die Ernst-Reuter-Schule in Frankfurt, eine integrierte Gesamtschule. Sein Vater ist Risikopatient. Deshalb war er seit einem Jahr fast ausschließlich zu Hause und im Onlineunterricht. Luka ist 13 Jahre alt und geht auf die Liebigschule in Frankfurt, ein Gymnasium. Die beiden sind Nachbarn und beste Freunde. Sie besuchen beide regelmäßig die Arche in der Nordweststadt. In der Notbetreuung des Kinder- und Jugendhauses bekommen Soufian und Luca Mittagessen und Hausaufgabenhilfe.

"Ich habe mich total gefreut, wieder in die Schule gehen zu können, weil ich endliche meine Freunde wiedersehen kann und wir auch wieder normalen Unterricht haben", sagt Luca. Soufian freut sich auch über die Freunde, über die Corona-Selbsttests, die alle Kinder machen müssen, weniger. "Ich finde es widerlich, wenn man sich dieses Stäbchen in die Nase stecken muss."

Die lange Zeit im Homeschooling habe ihnen zu schaffen gemacht. Vor allem das viele Alleinsein, sagt Luca. "Am Anfang war es ganz cool, aber dann wurde es langweiliger und langweiliger. Keiner ist zu Hause, weil alle arbeiten gehen müssen." In der Notbetreuung in der Arche hätten sie wenigstens Gesellschaft und Hilfe bei den Hausaufgaben gehabt.

Auch die Technik im Online-Unterricht habe nicht immer funktioniert. "Bei mir ist das Internet immer abgestürzt, so dass ich nichts in der Gruppe sagen konnte. Meine Klassenlehrer konnten mich dann nicht verstehen", sagt Soufian. "Ich musste dann in den Chat reinschreiben. Aber Kinder, bei denen die Verbindung gut war, konnten was sagen und waren schneller. Das fand ich unfair." In Lucas Klasse lief es offenbar nicht besser. "Der Onlineunterricht war echt ein Problem, die meisten hatten Internetprobleme oder technische Probleme. Bei mir klappte das Internet oft auch nicht."

Luise, 13: "Erst war es toll, später dann furchtbar"

Luise steht vor einer Mauer

Die 13-jährige Luise aus Eschborn (Main-Taunus) geht in Königstein (Hochtaunus) in die 7. Klasse einer Privatschule. Luise hat drei Geschwister und kommt aus einer Anwaltsfamilie. Nun ist sie nach eigenen Angaben "überglücklich", endlich wieder in die Schule gehen zu können. "Ich bin extra früher aufgestanden als normal. Es war richtig schön, die Freunde wieder zu sehen." Die Zeit zu Hause habe sie am Anfang gut gefunden, am Schluss habe es sie belastet. "An dem Tag, als das entschieden wurde, dachte ich: Bitte, Schule bleib zu! Aber nach ein, zwei Wochen war das nur noch schrecklich."

Nie hätte sie gedacht, dass sie die Schule und den geregelten Alltag mal so vermissen würde. "Der Lockdown kam so plötzlich. Es war immer normal, dass man früh aufgestanden und in die Schule gefahren ist. Dann war einfach alles irgendwie weg." Das sei sehr schwer gewesen. Dabei hat Luise gute Voraussetzungen. Sie wohnt mit ihrer Familie in einem großen Haus, hat genug Platz und gute technische Voraussetzungen für den Distanzunterricht im Onlinemodus. Den findet sie allerdings "anstrengend". "Ich habe richtig gemerkt, dass ich nicht so viel gelernt habe. Man versteht es einfach schlechter, wenn man zu Hause allein etwas liest, als wenn der Lehrer es einem erklärt oder ein Experiment macht."

Auch die Band in der Schule, in der sie Tuba spielt, fehle ihr. Im Schwimmbad sei sie seit einem Jahr nicht mehr gewesen, obwohl sie normalerweise zwei Mal die Woche schwimmen gehe. Luise macht sich viele Gedanken und versteht nicht, warum Jugendliche wie sie selbst, so viele Monate nicht in die Schule gehen durften. Die Schulpflicht gebe es schließlich nicht umsonst. "Es gibt ja auch einen Grund, warum es verboten ist in Deutschland, dass die Eltern ihre Kinder zu Hause beschulen." Im Februar hat Luise sogar Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) eine E-Mail und eine Postkarte geschrieben und ihn gefragt, wann sie wieder in die Schule darf und dass sie am Ende ihrer Kräfte ist. Eine Antwort habe sie bis heute nicht bekommen.

Ilham, 13: "Wir haben erst mal zusammen gelacht"

Ilham und Luca stehen vor der Arche in Frankfurt

Die 13-jährige Ilham kommt aus Frankfurt und wohnt in der Nordweststadt. Sie geht in die 7. Klasse. Nachmittags besucht auch sie regelmäßig das Kinder- und Jugendhaus Arche. Sie hat drei Geschwister, der Vater schultert mehrere Jobs.

Seit über einem Jahr war Ilham fast ausschließlich zu Hause. Auch sie ist einfach nur froh, die Schule endlich mal wieder von innen zu sehen. "Das Erste, was wir gemacht haben, war zusammen zu lachen und uns zu freuen." Auch der Klassenlehrer habe sie sehr nett begrüßt. "Er hat gesagt: Ihr seid alle gewachsen, wir haben uns ja seit Dezember nicht mehr gesehen. Es ist toll, euch mit neuen Gesichtern wieder zu sehen."

Ilham teilt sich mit zwei Brüdern ein Zimmer. Das habe das Lernen zu Hause für sie nicht einfacher gemacht. "Meine Brüder sind oft laut. Der eine lernt im Wohnzimmer und ich und mein anderer Bruder lernen zusammen in unserem Zimmer." Einiges im Onlineunterricht habe sie nicht richtig verstanden, nun in der Schule klappe das wieder viel besser. "In Mathe hatten wir ein neues Thema, da hatte ich echt Probleme, egal wie oft ich im Onlineunterricht gefragt habe, ich habe es einfach nicht verstanden. Bis wir wieder in die Schule gegangen sind, da hat unser Lehrer es uns erklärt und dann ging es auch in meinen Kopf rein."

Sendung: hr-iNFO, 19.05.2021, 6.50 Uhr