Vermieter des Amokfahrers von Limburg

Vor einer Woche fuhr ein 32-Jähriger in Limburg mit einem gestohlenen Lkw in mehrere Autos. Kein Terroranschlag, wie man inzwischen weiß. Doch schon die kurzfristige Terrormutmaßung hat für die Vermieter des mutmaßlichen Täters teure Folgen.

Videobeitrag

Video

zum Video Vermieter des Amokfahrers im Visier von Polizei

hs
Ende des Videobeitrags

Als am Montag vor einer Woche in Limburg ein 32-Jähriger mit einem gestohlenen Lkw in mehrere Autos fuhr, stand ziemlich schnell ein Verdacht im Raum: Terror. Zu sehr ähnelte der Ablauf dem Anschlag vom Berliner Breitscheidplatz 2016. Die Behörden ermitteln in Limburg in alle Richtungen. In ihr Visier gerät auch die Unterkunft des mutmaßlichen Fahrers: Das Naturfreundehaus in Langen bei Offenbach. Mit massiven Folgen für das Vermieterehepaar.

Eine Woche später steht fest: In Limburg handelte es sich nicht um Terror. Die Amokfahrt ist wohl auf "persönliche Probleme" des bereits zuvor polizeibekannten Täters zurückzuführen. Für Gordana und Dragan Milutinović, die Pächter des Naturfreundhauses in Langen, wirkt der "Terroverdacht" aber noch nach. Sie sehen sich mit Verleumdungen in den sozialen Netzen konfrontiert - und mit Schäden in Höhe von mehreren Tausend Euro, verursacht durch einen SEK-Einsatz der Polizei.

SEK tritt Türen ein

Der Hergang: Am Montag vor einer Woche sitzen zwei Männer in der Gaststätte des Naturfreundehaus Langen. Sie essen, trinken, fragen, ob sie noch ein bisschen bleiben dürfen. Sie warten, bis der letzte Gast gegangen ist, stellen sich dann als Kriminalbeamte vor. Es ist schon sehr spät am Abend, als sie die Kellner auffordern, die Übernachtungsgäste aus den Zimmern im ersten Stock zu holen.

"Und dann hieß es, es wird bisschen unangenehm", erinnert sich Gordana Milutinović. Es würden noch "ein paar mehr" Beamte kommen, ließen die Kriminalbeamte die Mitarbeiter wissen. "Dann hat der Kellner gefragt, wie viel mehr", berichtet Dragan Milutinović.

Es sind schließlich 60 Polizisten, die das Haus stürmen, das Gordana und Dragan seit 26 Jahren betreiben. Die Kellner haben zwar Schlüssel zu allen Zimmern, doch die Beamten wollen nicht warten. "Die haben dann die Zimmer eingetreten, sind in jedes Zimmer gewalttätig rein", schildert Gordana Milutinović das Vorgehen des SEK. Anschließend werden alle Gäste und das Personal in Busse verfrachtet und zur Polizeiwache gebracht.

Löcher und Sprengstoffreste

Eine knappe Woche später sind die Spuren des SEK-Einsatzes noch deutlich zu sehen. Vor allem im ersten Stock. Dort hatte Omar A., der mutmaßliche Amokfahrer von Limburg, ein Jahr lang gelebt. Gordana Milutinović beschreibt ihn als "unauffällig, höflich, zuvorkommend": "Er kam ab und zu in die Gaststätte, hat zwei Bierchen getrunken, sich ein Schnitzel bestellt. Kein Verdacht auf Terror unsererseits."

Sein Zimmer, erzählt seine Vermieterin, war immer aufgeräumt. Nun ist es versiegelt. Die Polizei hat die Tür vernagelt. Das Schloss hatte sie aufgesprengt. Gegenüber in der Tür sind Löcher zu sehen und Reste des Plastiksprengstoffes. Auch an der Decke und im Flur hängen Plastiksprengstoffreste. Auch im Keller des Naturfreundhauses sind Türen zerstört, Leisten verbogen, Schlösser aufgebrochen. "Die sind richtig von Terror ausgegangen", sagt Dragan Milutinović.

Rufmord im Internet

Seit nunmehr einer Woche versuchen Gordana und Dragan Milutinović zur Normalität zurückzufinden. Zunächst mussten sie das Lokal schließen. Es kam kein Gast mehr. Auch das Personal war geschockt: "Die meisten Kellner wollten gar nicht mehr wieder arbeiten. Die haben das noch nie erlebt, gesehen. Die mussten wir auch irgendwie überreden, dass sie weiter zur Arbeit kommen. Übernachtungsgäste wollten das Haus verlassen, einfach nur weg von hier", berichtet das Betreiberpaar.

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Die Amokfahrt von Limburg und ihre Folgen für ein Langener Pächterpaar

Aufgebrochene Tür im Naturfreundehaus Langen
Ende des Audiobeitrags

Die Kellner sind dann doch geblieben. Doch leider auch der Terrorverdacht: Im Netz kursieren Gerüchte. Gordana Milutinović spricht von Rufmord: "Das ist ja das Schlimme, das wir mit Terror in Verbindung gebracht worden sind, das ist ja das negative, Geschäftsschädigende hier."

Kein Ansprechparnter für die Schäden

Hinzu kommt der materielle Schaden. Die Pächter des Naturfreundehauses in Langen schätzen den Schaden, den das Spezialeinsatzkommando angerichtet hat, auf mindestens 10.000 €. Die Milutinovićs fühlen sich allein gelassen. Noch immer wissen sie nicht, wer für die Schäden aufkommen wird, noch nicht einmal, wer ihr Ansprechtpartner sein könnte.

Deshalb haben sie Rechtsanwalt Kristian Lossner eingeschaltet. Er wundert sich, weil sich bisher niemand mit den beiden in Verbindung gesetzt hat. Keine Visitenkarte wurde hinterlassen, nicht erklärt, warum auf einmal ein Spezialeinsatzkommando das Naturfreundehaus gestürmt hat.

Ein Unding aus Sicht von Lossner. "Sie sind ja nicht Beschuldigte eines Strafverfahrens, die beiden. Das heißt, sie hätten definitiv darüber informiert werden müssen, wer hier der Ansprechpartner ist, weil hier ja auch Schäden entstanden sind."

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 14.10.2019, 16.45 Uhr