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Audioseite AWO will Kitas und Heime zu Geld machen

Ein Schild der AWO vor einem Haufen Geld

Die Affäre um überhöhte Gehälter und Dienstwagen hat nicht nur den Ruf der Arbeiterwohlfahrt Wiesbaden ruiniert. Ihre Kitas und Pflegeheime will sie nun nach hr-Informationen zu Geld machen. Das Vorgehen überrascht hunderte Mitarbeiter, die Stadt und Experten.

Ende November stellte der AWO-Kreisverband Wiesbaden beim zuständigen Amtsgericht einen Insolvenzantrag. In dem vorläufigen Insolvenzverfahren in Eigenregie prüft der gemeinnützige Verband nun, seine neun Kitas und zwei Pflegeheime meistbietend an den Markt zu bringen. Das bestätigte der Vorsitzende des Verbands, Wolfgang Hessenauer, dem hr auf Anfrage.

Der neue Vorstand macht die ehemalige Führungsriege um das Ehepaar Richter für die Finanzmisere des Kreisverbandes verantwortlich. Missmanagement und Bereicherungen - etwa überhöhte Gehälter und teure Dienstwagen - hätten zu Verlusten in zweistelliger Millionenhöhe geführt.

Käuferangebote bis Ende Januar

Das für die Vermittlung eines Käufers exklusiv beauftragte Unternehmen ist KPMG, eines der größten Wirtschaftsprüfungsunternehmen in Deutschland. Dort war der erst Anfang Dezember berufene neue Geschäftsführer des AWO-Kreisverbandes zuvor als Manager beschäftigt. Hessenauer sieht darin kein Problem, gleichwohl sei die Wahl nicht ganz zufällig auf KPMG gefallen: "Eine gewisse Nähe kann man nicht bestreiten."

Der AWO geht es vor allem darum, schnell einen Käufer zu finden. Erst kurz vor Weihnachten begann KPMG mit der Suche. Bis Ende Januar müssen nach hr-Informationen bindende Angebote abgegeben werden. Wie viele ernst zu nehmende Interessenten sich bisher gemeldet haben, kann Hessenauer nicht sagen.

Titelbild des Verkaufsprospekts der KPMG für Kitas und Pflegeheime des AWO-Kreisverbands Wiesbaden

Laut AWO-Vorstand haben die rund 480 Beschäftigten in den neun Wiesbadener AWO-Kitas und den zwei Pflegeheimen dort gute Aussichten, ihre Jobs auch nach einem Verkauf zu behalten. "Eine Einschätzung der Marktlage legt nahe, dass ein künftiger anderer Betreiber einer Kita oder einer Pflegeeinrichtung diese wohl weiter betreiben würde und dafür Personal braucht", schreibt der stellvertretende AWO-Kreisverbandsvorsitzende Franz Betz dem hr. Es gehe um "Mangelberufe".

Keine Information der Betroffenen und der Stadt

Informiert hat die AWO die Mitarbeiter über ihre Verkaufsabsichten bisher allerdings noch nicht. Der Betriebsrat und die Gewerkschaft Verdi waren für den hr bislang für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Bei einem Verkauf der Einrichtungen bliebe der AWO in Wiesbaden noch vornehmlich die Sozialberatung.

Auch die Stadt, die den Betrieb der neun Kitas durch ihre Zuwendungen bezahlt, weiß bislang nichts von den Plänen. "Wir gehen daher zunächst davon aus, dass es sich um einen Routinevorgang im Rahmen des Insolvenzverfahrens handelt", sagte ein Sprecher der Stadtverwaltung auf Anfrage. Sollte ein möglicher Verkauf näher rücken, "gehen wir ebenfalls davon aus, dass die Arbeiterwohlfahrt als Träger von Einrichtungen in Wiesbaden zuvorderst die Stadt informieren würde".

Kritik von einem Insolvenzexperten

Der Frankfurter Insolvenzrechtsexperte Peter von Wilmowsky wundert sich über den Auftrag an KPMG. "Im gegenwärtigen Stadium des Insolvenzprozesses, dem sogenannten Eröffnungsverfahren, darf die AWO die Weichen noch nicht auf eine Veräußerung der AWO-Betriebe stellen. Diese Entscheidung ist den Gläubigern im später eröffneten Insolvenzverfahren vorbehalten."

Auch die Bezahlung der international tätigen Großkanzlei lässt den Jura-Professor der Frankfurter Goethe-Universität hellhörig werden: "Sollte KPMG im später eröffneten Insolvenzverfahren beauftragt werden, wäre zu prüfen, ob die damit verbundenen Kosten im Hinblick auf den zu erwartenden Veräußerungserlös noch wirtschaftlich sinnvoll sind."

Sendung: hr-iNFO, 06.01.2021, 7.25 Uhr