Ahmed I.

Ahmed I. wurde 2016 lebensgefährlich verletzt. Der mutmaßliche Angreifer war Stephan Ernst, Hauptverdächtiger im Mordfall Lübcke. Im Prozess tritt Ahmed I. als Nebenkläger auf. Bisher wurde er nicht als Opfer rechter Gewalt anerkannt.

Jahrelang wusste Ahmed I. nicht, wer ihn im Januar 2016 in Lohfelden (Kassel) mit einem Messer angriff und schwer verletzte. Immer aber war er sich sicher, dass es sich um einen Rechtsextremen handeln müsse, der sich von hinten auf dem Rad genähert hatte und dann zustach. Ein Autofahrer fand den damals 22-jährigen Ahmed I. später blutend auf der Straße.

Der Iraker lebte damals in einer neu eröffneten Erstaufnahmeeinrichtung. Die Polizei ermittelte "in alle Richtungen" mit einer Sonderkommission. Es wurde eine Belohnung von 3.000 Euro ausgesetzt, Fahndungsplakate in sechs Sprachen aufgehängt - erfolglos.

Mitte Juni stand Ahmed I. im Saal 165C des Oberlandesgerichts Frankfurt dann erstmals seinem mutmaßlichen Angreifer gegenüber. Es ist Stephan Ernst, der Hauptverdächtige im Mordfall Lübcke. Die Bundesanwaltschaft wertet den Angriff auf Ahmed I. als Mordversuch. Der Iraker tritt als Nebenkläger in dem Prozess auf. Ernst bestreitet die Tat.

Gehört werden, Aufklärung, Gerechtigkeit?

Noch heute leide sein Mandant unter den Folgen der Nervenverletzung an der Wirbelsäule, sagt sein Anwalt Alexander Hoffmann. Aber Ahmed I. habe Unterstützung gefunden: "Mein Mandant hatte Glück, dass er nach der Tat gut begleitet wurde von der Opferberatung Response, die ihm geglaubt hat, im Gegensatz zu vielen anderen Betroffenen neonazistischer Straftaten", sagt Hoffmann.

Als der Neonazi Stephan Ernst im Sommer 2019 im Mordfall Lübcke festgenommen wurde, wandte sich Response an die Staatsanwaltschaft, um auf eine mögliche Verbindung zu dem Fall in Lohfelden hinzuweisen. Ernst wohnte nicht weit vom Tatort.

Tatsächlich war er auch nach der Tat befragt worden, die Polizei fotografierte seine Fahrräder, aber die Spur wurde wieder fallen gelassen. Sie wurde erst nach Lübckes Tod wieder aufgenommen. Dieses Mal fand die Polizei auf einem Messer im Haus von Ernst DNA-Spuren. Die Anklage geht davon aus, dass sie von Ahmed I. stammen.

Späte Aufklärung?

Nun könnte der Fall doch noch gelöst werden. Es sei nicht klar, ob die Beweislage für eine Verurteilung ausreicht, sagte sein Anwalt Hoffmann vor dem Prozess - aber auch dass dem Fall Aufmerksamkeit geschenkt wird, sei wichtig. Hoffmann vertritt seit drei Jahrzehnten Opfer rechter Gewalt, auch im Münchner NSU-Prozess war er Anwalt der Nebenklage.

Als Nebenkläger habe auch Ahmed I. nun die Möglichkeit, vom Opfer zum handelnden Subjekten zu werden, sagt Hoffman: Wenn Opfer vorher das Gefühl hatten, dass ihre Sicht nicht wahrgenommen wird, könne ein Prozess zumindest zeigen, dass Aufklärung stattfindet.

Keine Anerkennung als Opfer, keine Hilfen

Dass der Fall vor Gericht kommt, kann noch aus einem anderen Grund wichtig sein: Ahmed I. wurde nie offiziell als Opfer rechter Gewalt anerkannt. Sein Antrag auf Leistungen aus einem Fonds für Opfer von extremistischen Taten beim Bundesjustizministerium wurde abgelehnt.

Damit hatte er keine Chance, finanzielle Unterstützung zu erhalten, etwa für Anwaltskosten, einen möglichen Umzug und Therapien. Für Bewohner von Flüchtlingsunterkünften kann das besonders schwierig sein, sagt Olivia Sarma von der Opferberatungsstelle Response: Dort gebe es keinen Rückzugsraum, medizinische Leistungen müssten extra beantragt sein.

Ahmed I. werde nun einen neuen Antrag stellen, der durch den Prozess mehr Chancen auf eine Bewilligung habe, sagt Sarma. Seit der Tat 2016 wird Ahmed von Response betreut, auch während des Prozesses in Frankfurt. Die erneute Konfrontation mit der Tat und die öffentliche Aufmerksamkeit könnten für Betroffene aufwühlend sein, sagt Olivia Sarma von Response.

Response: "Es geht uns alle was an"

Der Fall Ahmed I. wird nun in einem Prozess verhandelt, in dem es auch um den Umgang mit Neonazis gehen wird. Anwalt Hoffmann ist skeptisch, ob das viel ändert. Rechtsextremisten würden weiter nicht mit der nötigen Härte bekämpft: "Ich finde es erschreckend, wie wenige politische Konsequenzen die Ermordung eines politischen Repräsentanten nach sich gezogen hat", sagt er mit Blick auf das vergangene Jahr seit dem Tod von Lübcke.

Der Fall habe die gesellschaftliche Wahrnehmung von Rechtextremismus zumindest etwas verändert, sagt Sarma. "Manche haben Rechtextremismus eher als Problem von anderen gesehen, die sind vielleicht wachgerüttelt worden: Es geht uns alle was an". Es müssten nun auch Fragen zu rechten Netzwerken aufgeklärt werden, was bisher nie gemacht worden sei, sagt sie.

"Hessen hat versäumt, seine Neonazis auf dem Schirm zu behalten", sagt Sarma rückblickend. Auch Anwalt Hoffmann kritisiert: "Die Gesellschaft muss kapieren, dass wir eine militante gewaltbereite Neonaziszene haben."

Ernst hatte schon in seiner Jugend erste rassistische Anschläge verübt, wie Markus H. war er früh in einer gewalttätigen Szene unterwegs. In Hessen wurde nach dem Mordfall Lübcke die Zahl der Ermittler gegen Rechtsextremismus aufgestockt, in der Statistik stieg die Zahl rechtsextremer Straftaten daraufhin deutlich an.