Kombo mit Baggerfahrerin in Straße und Schadensbild mit Müll nach Flut

Vor einem Jahr verwüstet eine verheerende Flut das Ahrtal. Auch aus Hessen machen sich unzählige Helferinnen und Helfer auf, um die Betroffenen zu unterstützen. Bis heute sind dort viele aktiv. Fünf Beispiele.

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Friedbergerin findet große Liebe beim Helfen im Ahrtal

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Blick auf die hochwasserführende Ahr, eine Brücke mit viel angeschwämmten Unrat

In der Nacht vom 14. Juli auf den 15. Juli 2021 verwüstet ein Extrem-Hochwasser im Ahrtal in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen ganze Landstriche. 134 Menschen sterben, rund 800 werden zum Teil schwer verletzt. Noch immer werden zwei Menschen vermisst. Tausende sind obdachlos, unzählige traumatisiert. Doch es gibt sie, die positiven Geschichten: Rund 100.000 Helfende aus ganz Deutschland reisen an, bringen Spenden und Baumaterial mit, räumen Schutt und Morast weg. Dabei finden sie Freunde fürs Leben, manche eine neue Heimat. Fünf Geschichten von Betroffenen und Helfenden aus Hessen.

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„Ich habe eine kleine Familie gefunden“ Kiara Mauler und Jürgen Klaes Kiara Mauler und Jürgen Klaes
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Frau fährt auf einem Bagger durch eine Straße im Ahrtal

Einen Tag lang will das Butzbacher Abschlepp- und Bergungsunternehmen Kran Burghard in Dernau an der Ahr aufräumen helfen. Daraus wird eine Woche voller 18-Stunden-Tage, die Helfer übernachten auf Feldbetten. Mit dabei: die damals 17-jährige Tochter des Mitarbeiters Kai Mauler. Sie lernt Bagger- und Radlader fahren, um Schutt und Schlamm wegzuräumen, organisiert mit anderen Helfenden Spendenaktionen und ist der stark betroffenen Familie Klaes noch eng verbunden - inklusive Überraschungsbesuch zum 18. Geburtstag.

"Ich habe simple Sachen zu schätzen gelernt", sagt sie. "Ein zu Hause zu haben, ein Dach über dem Kopf." Und: "Ich habe da unten eine kleine Familie gefunden." So sieht es auch der Dernauer Jürgen Klaes: "Ohne die Hilfe aus Butzbach wären wir heute nicht so weit wie wir sind. Und wir wissen: Wenn Not am Mann wäre, könnten wir die Leute jeder Zeit ansprechen. Die lassen uns nicht hängen."

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„Da sind durchaus Tränen geflossen“ Volker Vollrath und Andreas Steiner Volker Vollrath und Andreas Steiner
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Helfer Ahrtal

Auch Volker Vollrath, Inhaber einer Brandschutzfirma aus Rimbach im Odenwald ist Hochwasser-Helfer. Er fährt regelmäßig nach Mulartshütte oder Roitzheim in der Nähe von Aachen und packt dort mit an. Und er sammelt weiter Sach- und Geldspenden und bringt diese ins Flutgebiet. "Das war emotional, sehr emotional", erinnert er sich an die erste Zeit nach der Katastrophe. "Es war schon so, dass da Tränen geflossen sind."

Als Mitstreiter hat Vollrath Andreas Steiner und Ingo Stephan gewonnen. Zusammen unterstützen sie bis heute eine Mutter mit zwei behinderten Kindern, die ihr zu Hause verloren haben. Einer Rentnerin helfen sie, zurück in ihre Wohnung zu kommen. "Wenn man vor Ort die Zerstörung sieht, dann ist man stolz, wenn man den Leuten helfen konnte", sagt Steiner. "Auch wenn es für uns nur eine kleine Sache war. Aber für die Leute war es viel."

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„Solche Ausmaße waren nicht absehbar“ Thorsten und Frank Guckelsberger Thorsten und Frank Guckelsberger
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Die Brüder Guckelsberger

"Bei Bier und Schnaps entstehen die besten Ideen." Auf einem Geburtstag ersinnen die Brüder Thorsten und Frank Guckelsberger aus Probbach (Limburg-Weilburg), die Idee, gespendetes Baumaterial zu sammeln und ins Ahrtal zu fahren. Am Ende werden es insgesamt 845 Tonnen im Wert von 280.000 Euro. Allein beim letzten Transport im Mai sind sie mit 14 Sattelzügen unterwegs - das Ausmaß der Spendenbereitschaft sei nicht absehbar gewesen, sagen die Brüder.

Sie wollten einfach etwas tun, erzählen sie: "Man steht live vor dieser Brücke, die rausgerissen wurde, die dann 300 Meter die Ahr runter liegt und denkt: Wahnsinn, was müssen hier für Kräfte gewirkt haben", sagen sie. "Wir beide leben nach dem Motto: Net schwätze, sondern mache, und so haben wir das einfach gemacht."

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„Die Aufgabe ist noch nicht erledigt“ Wilhelm Hartmann Wilhelm Hartmann
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Fluthelfer Wilhelm Hartmann sitzt im Führerhaus eines Räumfahrzeuges und schaut in die Kamera.

Zur wichtigsten Anlaufstelle für die Brüder Guckelsberger wird das 1.200 Quadratmeter große Baustoffzelt, das auf die Initiative des Gartenbau-Unternehmers Wilhelm Hartmann aus Fulda zurückgeht. Direkt am Tag nach der Flut am 15. Juli trommelt dieser einen Helfer-Trupp zusammen und bringt Fahrzeuge und technische Gerätschaften ins Ahrtal. Außerdem kauft er 45 Container, in denen Helfer wohnen können.

Der 49-Jährige sieht seine Mission noch nicht erfüllt: "Die Aufgabe ist erst erledigt, wenn die letzte Stimme verstummt ist, die um Hilfe bittet", sagt er. Hartmann bekommt mittlerweile Geld aus öffentlichen Mitteln für seine Dienste und Anlagen – das führt auch zu Kritik seitens der Behörden: Er dokumentiere nicht ausreichend, welchen Bedarf es gebe und was genau geleistet werde. Diesen Ansprüchen der deutschen Bürokratie könne man nur schwer gerecht werden, entgegnet Hartmann.

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„Fängste halt von vorne an“ Irmgard Dieckmann Irmgard Dieckmann
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Irmgard Dieckmann

84 Jahre Leben - einfach weggespült, in nur einer Nacht. Irmgard Dieckmann (heute 85) lebt 20 Jahre in Bad Neuenahr, nur 200 Meter von der Ahr entfernt. Beim Hochwasser läuft ihre Erdgeschosswohnung voll bis fast unter die Decke. Sie kann sich auf eine Mauer retten, Nachbarn hieven sie in letzter Sekunde mit Tischdecken aufs Dach: "Sonst wären wir alle Mann da unten weg gewesen", erzählt sie.

Über Bekannte aus Gießen und glückliche Zufälle kommt sie schließlich nach Wetzlar. Hier lebt sie nun in der Altstadt in einem Mehrfamilienhaus. Nachbarn und Bekannte sammeln Möbel und Kleidung, beim Frisör gibt es ein Jahr Gratisschnitt. Nicht alle Bekannten haben Verständnis für den Neuanfang, für sie ist aber klar, dass sie weg will von der Ahr: "Man weiß ja nicht, was bei der nächsten Flut passiert. Ich habe vielleicht noch ein paar Jahre, und die will ich mir so schön machen wie es eben geht. Und so dachte ich: Fängste halt von vorne an."

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