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zum Video Weshalb die Hospitalisierungsinzidenz unbrauchbar ist

Eine Frau mit Gesichtsvisier und Maske (unscharf) steht hinter einem Tropf, der im Vordergrund scharf im Bild zu sehen ist.

Die Sieben-Tage-Inzidenz hat ausgedient: Welche Beschränkungen in Hessen gelten, hängt künftig von der Zahl der Corona-Patienten in den Kliniken ab. Doch die sogenannte Hospitalisierungsinzidenz ist irreführend - und praktisch unbrauchbar.

Es ist ein Systemwechsel in der Corona-Politik: Von Donnerstag an macht Hessen die pandemiebedingten Beschränkungen nicht mehr von der Zahl der Neuansteckungen abhängig. Stattdessen rückt die Lage in den Kliniken in den Fokus: Die neue Kennzahl versteckt sich hinter dem Wortungetüm "Hospitalisierungsinzidenz". Sie ist im Bundesgesetz als ein Leitindikator vorgeschrieben.

Die Idee ist einfach: Man berechnet die Inzidenz wie bisher - aber nicht für alle neuen Corona-Fälle, sondern nur für die Fälle, in denen die Infizierten ins Krankenhaus gekommen sind.

Acht schwere Covid-19-Fälle je 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen, die im Krankenhaus behandelt werden müssen: Das löst gegebenenfalls die erste Warnstufe aus. Hochgerechnet auf ganz Hessen entspräche das rund 500 neuen Covid-Patientinnen und -Patienten in einer Woche. Was die erste Warnstufe an Einschränkungen mit sich bringt, ist noch weitgehend unklar.

Bremse greift erst spät

Klar hingegen ist, dass dieser Grenzwert in etwa einer Lage entspricht, wie sie Anfang November 2020 oder Ende März 2021 in Deutschland herrschte. Die zweite beziehungsweise dritte Corona-Welle waren zu diesen Zeitpunkten bereits deutlich in den hessischen Klinikbetten aufgelaufen.

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Eine an die Hospitalisierungsinzidenz (H-Inzidenz) gekoppelte Bremse greift also verhältnismäßig spät und könnte eine laufende Infektionsdynamik wohl nicht mehr aufhalten. Doch es gibt noch ein größeres Problem: In seiner derzeitigen Form ist der Wert praktisch unbrauchbar.

Hessen-H-Inzidenz: Ein verzerrtes Phantom

Wer sich kurz vor Gültigkeit der neuen Regeln am Donnerstag auf die Suche nach einer Hospitalisierungsinzidenz für Hessen macht, jagt ein Phantom. Einzig und allein auf einer wenig bekannten Übersichtsseite des Robert-Koch-Instituts (RKI) finden sich, etwas versteckt, H-Inzidenzwerte für Hessen. Das entscheidende Manko: Die angezeigte Kurve ist massiv irreführend, denn sie zeigt nach unten. Auf den ersten Blick scheint es also, als sei der Trend positiv und die Zahl der schweren Covid-Fälle nehme ab.

Doch das ist nicht der Fall. Vielmehr führt die Berechnungsmethode des RKI dazu, dass der Wert umso ungenauer und niedriger wird, je aktueller er ist. Denn entscheidend für die Zuordnung in der Statistik ist nicht das Datum, an dem ein Corona-Patient ins Krankenhaus gekommen ist. Sondern es ist der Tag, an dem sein positiver Corona-Test gemeldet wurde. Für das aktuellste Datum ist aber natürlich längst noch nicht bekannt, wie viele Infizierte irgendwann ins Krankenhaus müssen.

Im Schnitt vier Tage liegen zwischen Meldung eines neuen Falls und seiner Aufnahme im Krankenhaus. Das RKI errechnet Inzidenzen also auch für Melde-Tage, an denen diese Fälle noch nicht im Krankenhaus sein können. Datenexperten bei "Zeit" und "Spiegel" haben ausgerechnet: Der aktuelle H-Inzidenz-Wert liegt um 70 bis 80 Prozent niedriger als er eigentlich sein müsste.

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Auch Zahl der Intensivpatienten kann Warnstufe auslösen

Für Hessen hat Sozialminister Kai Klose (Grüne) am Dienstag eine H-Inzidenz von 2,5 genannt. Doch entscheidend für die Verschärfung der Corona-Regeln ist noch ein zweiter Wert: Unabhängig von der H-Inzidenz kann die Warnstufe 1 auch ausgelöst werden, wenn die Anzahl der Corona-Fälle auf hessischen Intensivstationen 200 überschreitet. Das entspricht in etwa zehn Prozent der hessischen Intensivbetten-Kapazität.

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Auch diese Messgröße hängt hinter den Infektionszahlen her, denn bis ein Infizierter gegebenenfalls auf der Intensivstation behandelt werden muss, vergehen oft Wochen. Aber die Melde-Zahlen werden tagesaktuell von den Intensivstationen weitergegeben und leiden nicht unter der Verzerrung durch die Statistik nach Meldedatum.

Unter dem Strich spricht vieles dafür, auf die Zahl der Covid-19-Patientinnen und -Patienten auf den Intensivstationen zu schauen - und die Hospitalisierungsinzidenz zu ignorieren.

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Daten zur Klinik-Belegung

Das Intensivregister der Intensivmediziner-Vereinigung DIVI aktualisiert seine Zahlen täglich um die Mittagszeit - und veröffentlicht sie getrennt nach Bundesländern und sogar nach Kreisen ( wegen Verlegungen zwischen den Kreisen bildet das allerdings nicht die Lage in jedem Kreis ab). Diese Zahlen finden Sie weiter auch auf hessenschau.de, ergänzt um die wöchentlichen Zahlen des Sozialministeriums. Das Ministerium schlüsselt die Zahlen etwas anders auf, um Verdachtsfälle und bestätigte Fälle zu unterscheiden.

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