Nahaufnahme einer Koralle mit Plastikpartikel

Die Vermutung lag nahe – jetzt haben Gießener Forscher es nachgewiesen: Mikroplastik im Meer schadet Korallen. Farbenprächtige Korallen sind besonders gefährdet.

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Mit dem Auge sind sie kaum zu erkennen: Winzig kleine, federleichte Fetzen von Mikroplastik schweben zwischen intensiv strahlenden Steinkorallen hin und her, umgeben von kunterbunten Tropenfischen und exotischen Wasserpflanzen. In riesigen Aquarien testen Forscher an der Uni Gießen: Welchen Einfluss hat Plastikverschmutzung im Meer auf Korallen?

Forscherin steht vor Aquarium

Was in Fachkreisen schon lange vermutet wurde, konnten die Forscher nun im Labor nachweisen: Korallen reagieren auf Mikroplastik – und nehmen davon Schaden. Die verantwortliche Biologin Jessica Reichert erklärt: "Manche Korallen verwechseln das Plastik mit Futter und nehmen es auf." In dieser Zeit könnten sie dann keine andere Nahrung aufnehmen und würden langsamer wachsen oder sogar verhungern. "Auf den Plastikpartikeln können außerdem Bakterien sein, die die Korallen krank machen", erklärt sie.

Schon wenig Plastik schadet

Korallen sind lebendige Organismen, die aus unzähligen, winzigen Nesseltieren bestehen und gemeinsam komplexe Strukturen bilden. Die gewaltigen Korallenriffe im Pazifik gehören zu den artenreichsten Lebensräumen der Welt – und gleichzeitig zu den besonders bedrohten. Seit Jahren werden auf der ganzen Welt riesige Korallenbleichen beobachtet, bis hin zum massenhaften Absterben von Korallen, wie etwa am australischen Great Barrier Reef.

Bislang galt die Erderwärmung als größte Gefahr für die Korallenriffe, erklärt Biologin Reichert, "doch das Plastik ist offenbar ein zusätzlicher Faktor". Besonders überraschend für die Forscher sei gewesen, dass schon relativ geringe Mengen Plastikpartikel die Tierchen stressten. "Damit hatten wir nicht gerechnet", so Reichert.

Besonders schöne Korallen sind besonders gefährdet

Rund 40 verschiedene tropische Korallenarten halten die Gießener Forscher in riesigen, mehrgeschossigen Aquarienaufbauten voller Salzwasser. Die Forscher füllten unterschiedliche Mengen Mikroplastikpartikel in die Becken und beobachteten über Zeiträume von wenigen Wochen bis hin zu eineinhalb Jahren, was passierte.

Korallenriff im Meer

Teilweise nahmen die Biologen dafür Polyethylen-Partikel aus der Industrie, teilweise sammelten sie Plastikmüll am Strand auf und zerkleinerten ihn. Der technische Leiter, Patrick Schubert, erklärt, dass einige Arten von der Verschmutzung relativ unbeeinträchtigt geblieben seien. Doch vor allem die farbintensiven, auffällig verzweigten Korallen hätten stark reagiert. Der Biologe erklärt: "Die besonders schönen Korallen haben auch besonders hohe Ansprüche an ihre Umgebung und werden schnell aus dem Ruder gebracht."

Die Meeresbiologin Reichert sagt: "Die einzige Lösung für das Problem kann sein, dass wir aufhören, Plastik ins Meer zu schmeißen." Und die Biologin vermutet: Auch andere Partikel könnten mehr Schaden anrichten, als viele denken. Als nächsten wollen die Forscher untersuchen, wie Korallen auf Verschmutzung durch Reifenabrieb reagieren und wie sie mit künstlichen Fasern aus unserer Kleidung zurechtkommen, die durchs Abwasser ins Meer gelangen.

Weitere Informationen

Mikroplastik im Meer

Mikroplastikpartikel sind Kunstsoffteilchen mit einem Durchmesser von weniger als 5 mm. Laut Umweltbundesamt entstehen die Partikel vor allem durch die Zersetzung von Plastikmüll, etwa Plastiktüten oder Fischernetzen. Doch auch in vielen kosmetischen Produkten sind kleine Kunststoffe enthalten. Rund sechs bis zehn Prozent der weltweiten Plastikproduktion landen laut Umweltbundesamt im Meer, entweder direkt oder über Flüsse. Demnach könnten es bis zu 30 Millionen Tonnen jährlich sein. Meistens handelt es sich um dem Kunststoff Polyethylen.

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Sendung: hr-fernsehen, maintower, 17.09.2019, 18 Uhr