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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Amöneburg will Tier-Erlebnispark bauen

Lemur blickt schrög in die Kamera

Ein Gehege mit Affen zum Anfassen und daneben eine Sommerrodelbahn: In Amöneburg wird ein ungewöhnlicher Erlebnispark geplant "mit Streichel- und Wow-Effekt". Für Tierexperten hört da allerdings der Spaß auf.

Sie klettern auf den Köpfen der Besucher herum, kuscheln sich dicht an Kinder heran – und lecken den Parkgästen buchstäblich die Füße. Youtube-Videos wie dieses zeigen Menschen beim Besuch von sogenannten Affenwäldern: frei zugängliche, weiträumige Gehege, in denen die Besucher auf Tuchfühlung mit Lemuren oder Berberaffen gehen können.

Solch ein Tier-Erlebnispark könnte bald auch nach Hessen kommen. Die Marburger Unternehmerfamilie Görge betreibt bereits zwei Affenwälder in anderen Bundesländern, nun hat sie ein Areal in ihrer Heimatregion für eine Neueröffnung ausgemacht: Im ehemaligen Basaltsteinbruch von Amöneburg (Marburg-Biedenkopf) will sie ein offenes Affengehege bauen, in Kombination mit einer riesigen Sommerrodelbahn.

Millionenprojekt in Kleinstadt

"Wir haben mit dem Konzept bereits jahrzehntelange Erfahrung an unseren anderen Standorten gemacht", erklärt Tobias Görge. Die Parks würden sehr gut laufen, der Amöneburger Park solle der bislang größte werden. Seine Familie wolle einen Millionenbetrag in das Projekt in ihrer Heimat investieren.

Die Pläne liegen bereits vor, doch noch müssen die Amöneburger Stadtverordneten zustimmen. Man sei derzeit noch in der Phase des "gegenseitigen Abklopfens", so Investor Görge. Rein theoretisch sei denkbar, dass Teilbereiche schon im nächsten Jahr fertig werden, aber man müsse sich bis zur Realisierung auch noch eine Reihe Genehmigungen einholen, etwa im Hinblick auf Naturschutz oder den Bebauungsplan.

Bürgermeister erhofft sich Publikumsmagneten

Der Amöneburger Bürgermeister Michael Plettenberg (parteilos) hofft nach eigenen Angaben sehr, dass das Projekt realisiert wird. Er habe sich schon lange eine touristische Nutzungsmöglichkeit für das rund 70.000 Quadratmeter große städtische Steinbruchgelände gewünscht. Es biete einen "gigantischen Ausblick über die Landschaft" und ein "großes touristisches Potenzial".

Luftaufnahme einer hügeligen Landschaft

Der Rathauschef ist überzeugt von dem neuen Erlebnispark-Konzept mit Affenwald und spricht von einem möglichen Publikumsmagneten in der Region, besonders für Familien. Die Stadt erhoffe sich einen Tierpark "mit Streichel- und Wow-Effekt". Weil zusätzlich auch noch eine besonders lange Sommerrodelbahn mit Brücken und Tunneln geplant sei, werde sich der Park von anderen Angeboten in der Region abheben. Auch einen Spielplatz und ein gastronomisches Angebot solle es geben.

Mensch und Tier im gleichen Gehege

Konkret sollen mehrere Freigehege für verschiedene exotische Tierarten wie die aus Madagaskar stammenden Lemurenarten Katta und Varis entstehen. Im größten sollen sich Besucher und Primaten "auf der gleichen Seite des Zauns begegnen", heißt es in der Pressemeldung der Stadt. Während sich die Affen komplett frei bewegen könnten, müssten die Menschen auf festen Wegen bleiben.

Außerdem soll es im Park ein nicht zugängliches Erdmännchen-Gehege geben und eine ebenfalls unzugängliche künstliche Insel. Dort sollen aus Indonesien stammende singende Siamangs leben und ganz aus der Nähe betrachtet werden können. Die Siamangs gehören zur Familie der kleinen Menschenaffen und gelten als absolut wasserscheu.

Bürgermeister Plettenberg betont: Das Projekt werde von einem erfahrenen Zoologen begleitet. Die in Deutschland gültigen Vorgaben für artgerechte Haltung sollten sogar noch übertroffen werden. Plettenberg sieht im Affenwald außerdem einen wichtigen Beitrag für den Artenschutz, weil die Besucher dadurch auf den bedrohten Lebensraum der Tiere aufmerksam gemacht werden sollen.

Tierökologe: "Da hört für mich der Spaß auf"

Das Projekt stößt allerdings auch auf Kritik. Er sei zwar nicht grundsätzlich gegen die Haltung von exotischen Tieren, etwa in verantwortungsvoll geführten Zoos oder Wildparks, sagt der Gießener Tierökologieprofessor Volkmar Wolters. "Aber Affen zum Streicheln - da hört für mich der Spaß auf.". Als Tierökologe und Biodiversitätsforscher finde er es äußerst fragwürdig, ob es tatsächlich im Sinne der Tiere sei, wenn zunehmend die Distanz zwischen Wildtieren und Menschen verloren gehe.

Auch den pädagogischen Ansatz dahinter sehe er kritisch: "Wollen wir Kindern wirklich vermitteln, dass wilde Tiere wie Affen zum Kuscheln da sind?" Wolters warnt außerdem, dass sich die Zoologie derzeit zunehmend mit möglichen Infektionsrisiken beschäftige, die durch den Distanzverlust von Mensch und Tier entstünden. Durch die Corona-Pandemie sei dieses Thema derzeit besonders relevant.