Biene auf Blüte

Sie trainieren Bienen als Drogenfahnder, suchen umweltfreundliche Pflanzenschutzmittel oder erforschen Insekten als Proteinquelle. Ein Interview mit dem Leiter des neuen Fraunhofer-Instituts für Bioressourcen in Gießen.

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hs 19:30 21.10.2020 Thumbnail
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Insekten sind in aller Munde - zum Teil sogar buchstäblich: Sie gelten als wichtige Proteinquelle der Zukunft. Gleichzeitig aber auch als potenzielle Überträger tropischer Krankheiten, wie Dengue- oder Zikafieber, die auch in Deutschland immer mehr zum Thema werden.

Am Mittwoch wird in Gießen das Fraunhofer-Institut für Bioressourcen eröffnet. In dem 33-Millionen-Euro-Neubau soll unter anderem die noch recht junge Forschung an Insekten vorangebracht werden. Der vierstöckige Bau bietet auf 4.000 Quadratmetern Platz für hochmoderne Labore und Büros, auf dem Dach stehen Gewächshäuser.

Die Gießener Wissenschaftler wollen Insekten nicht nur besser verstehen - sie wollen sie auch ganz praktisch nutzen: als "gelbe Biotechnologie". Ein Vorreiter auf diesem Gebiet ist Andreas Vilcinskas. Als der Zoologieprofessor 2009 an der Justus-Liebig-Universität die Fraunhofer-Projektgruppe gründete, war sie die erste operative Einheit in Deutschland im Bereich Bioressourcen. Nun leitet er das neue Fraunhofer-Institut.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Neues Fraunhofer-Institut in Gießen wird eröffnet

Fraunhofer Institut für Bioressourcen eröffnet in Gießen
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hessenschau.de: Professor Vilcinskas, was ist das Besondere am neuen Fraunhofer-Institut in Gießen?

Andreas Vilcinskas: Das Fraunhofer-Institut ist das erste, das wir in Mittelhessen eröffnen. Es ist im Bereich Life Science, also Lebenswissenschaft, angesiedelt. Zentral ist hier die Insektenbiotechnologie. Da gelten wir mittlerweile weltweit als führend.

Wir entwickeln Produkte oder Dienstleistungen aus Insekten selbst oder aus Molekülen, die von Insekten stammen. Und jetzt haben wir hier eine Kathedrale, einen Tempel für dieses neue Forschungsgebiet erhalten.

hessenschau.de: Die Fraunhofer-Projektgruppe gibt es ja bereits seit 2009. Was wird das neue Institut verändern?

Vilcinskas: Die Fraunhofer-Gruppe, die hier aufgebaut wurde, war 100 Mitarbeiter stark und auf drei Standorte verteilt. Jetzt haben wir wirklich Spitzenlabore bekommen, mit denen wir unsere Spitzenforschung vorantreiben können. Zum Beispiel ein Labor der Sicherheitsstufe 3. Da können wir mit Moskitos arbeiten, die Krankheiten übertragen.

Es gibt reihenweise Moskitoarten aus Asien, die bei uns heimisch werden und sich ausbreiten. Diese Moskitos können bis zu 30 verschiedene Viren übertragen. Noch haben wir mit diesen Viren nicht zu kämpfen, nur das West-Nil-Virus ist bei uns bei uns in Deutschland bereits etabliert. Aber wir müssen damit rechnen, dass sich in wenigen Jahren auch Dengue, Zika und Gelbfieber bei uns breitmachen.

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Wir wollen neue Strategien und Kontrollmechanismen entwickeln, wie man diese Moskitos lokal bekämpfen kann - ohne, dass man auf Pestizide zurückgreifen muss und den heimischen Insekten schadet. Und diese Forschung muss jetzt schon beginnen. Wenn die ersten Zika-Babys im Oberrheingraben geboren werden, ist es zu spät.

hessenschau.de: Was ist so spannend an Insekten?

Vilcinskas: Insekten gelten als die erfolgreichste Organismengruppe auf der Erde, weil sie die größte Artenvielfalt erreicht haben. Wir erforschen nun die Ursache: Warum können Insekten so viele verschiedene Arten entwickeln?

Und wir wollen von ihnen lernen. Einerseits, wie sie sich erfolgreich gegen Krankheitserreger verteidigen. Wir wollen uns abgucken, wie sie das machen und welche Medizin sie verwenden und diese Medizin zum Beispiel für den Menschen nutzbar machen.

Anderseits haben Insekten gelernt, sich alle möglichen organischen Stoffe als Nahrung zu erschließen. Es gibt zum Beispiel Totengräberkäfer, die an Kadavern fressen. Es gibt Termiten, die Holz fressen. Wir wollen gucken: Wie schaffen die das? Haben sie entsprechende Enzyme? Können wir die für die Industrie nutzbar machen? Oder verfügen sie über kleine Nützlinge, also Bakterien und Pilze im Darm, die ihnen helfen, praktisch jedes organische Substrat nutzbar zu machen?

Ein weiteres großes Gebiet, was jetzt weltweit boomt, ist das Insect Farming: die industrielle Zucht von Insekten als alternative Proteinquelle.

hessenschau.de: Welche Vision steckt dahinter? Ernähren wir uns irgendwann von Insekten?

Vilcinskas: Es ist nicht unser Anliegen, die Speisekarte über Sushi hinaus zu bereichern und gegrillte Insekten im Restaurant anzubieten. Es geht darum, eine alternative Proteinquelle zu finden. Wie wir alle wissen - und wir empören uns darüber - werden die Regenwälder abgeholzt, um dort Soja anzubauen. Aber mit diesem Soja werden unsere Schweine und Rinder gefüttert.

Das heißt: Wir müssen alternative Quellen finden. Wenn wir Reststoffe verwerten und zum Beispiel Insekten nutzen könnten, um über diese Proteine unsere Nutztiere zu füttern, müssten nicht so viele Regenwälder abgeholzt werden.

hessenschau.de: Ihre Arbeit ist vor einigen Jahren einer breiten Öffentlichkeit bekannt geworden, als sie Bienen als Drogenfahnder abrichteten. Wie funktioniert das?

Vilcinskas: Wir haben verschiedene Technologien entwickelt, um das Geruchssystem der Bienen nutzbar zu machen. Man kann die Antennen als eine Art Biosensor nutzen.

Aber wir haben auch eine sogenannte Lernkammer hier aufgebaut. Mit der kann man die Bienen auf Drogen oder Sprengstoffe konditionieren, das geht sehr schnell. Um dann kann man diese sozusagen dressierten Bienen zum Beispiel an Flughäfen einsetzen. Wir haben auch Nachfrage danach.

hessenschau.de: Wann wird denn am Frankfurter Flughafen die erste Biene unterwegs sein?

Vilcinskas: Wir sind noch dabei, solche Verfahren zu entwickeln. Aber in dem Moment, wo es spruchreif wird, wird nicht mehr darüber berichtet. Man wird die Bienen nie sehen. Bestimme Dinge laufen im Verborgen ab, weil man keine Gegenmaßnahmen indizieren will.

Aber es gibt auch schon die ersten Produkte von uns auf dem Markt. Wir haben zum Beispiel mit amerikanischen Firmen Maispflanzen hergestellt, die gegen Insekten resistent sind.

Weitere Informationen

Was ist die Fraunhofer-Gesellschaft?

Die Fraunhofer-Gesellschaft ist mit rund 28.000 Mitarbeitern die größte Organisation für anwendungsorientierte Forschung in Europa. Namensgeber ist der Optiker und Physiker Joseph von Fraunhofer (1787 bis 1826).

Der Schwerpunkt der Fraunhofer-Gesellschaft liegt nach eigenen Angaben auf "zukunftsrelevanten Schlüsseltechnologien". Die Forschungsergebnisse und Erfindungen sollen in Wirtschaft und Industrie verwertet werden können. Ein Großteil des Forschungsvolumens von 2,8 Milliarden Euro kommt aus Aufträgen der Industrie oder aus öffentlichen Mitteln.

Eine der bekanntesten Fraunhofer-Entwicklungen ist zum Beispiel das Audiodatenkompressionsverfahren MP3. Weltweit gibt es über 80 Standorte, in Hessen gibt es Fraunhofer-Institute und Zentren in Kassel, Gießen, Frankfurt und Darmstadt.

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Das Gespräch führte Rebekka Dieckmann.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 21.10.2020, 16.45 Uhr