Behörden-Emails, Impftermin buchen - vieles geht in der Coronapandemie nur noch online. Für Menschen, die kaum lesen und schreiben können, ist dieser Alltag besonders schwierig. Halima Bouaich aus Frankfurt erzählt ihre Geschichte.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Analphabeten: Keine Kurse, aber viel Onlinekommunikation

Halima Bouaich umzingelt von Buchstaben und Fragezeichen.
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Halima Bouaich ist 60 Jahre alt. Seit 40 Jahren lebt sie in Frankfurt. Sie ist funktionale Analphabetin, das heißt sie kann kaum lesen und schreiben. In ihrem Heimatland Marokko konnte Bouaich nicht zur Schule gehen. Jahrzehntelang hat sie sich deshalb irgendwie so durchgemogelt, auch bei ihrer Arbeit in einer Druckerei. "Ich habe 30 Jahre gearbeitet ohne lesen, ohne schreiben, aber trotzdem ist nie ein Fehler passiert", erzählt sie.

Als Hilfskraft beim Buchbinden hat sie Bücher gebunden, zusammengetragen und in die ganze Welt verschickt. Dabei hat Bouaich immer ganz genau Buchstabe für Buchstabe vom Lieferschein abgeschrieben. Sie hat ihr "eigenes System" entwickelt, wie sie sagt, um zurechtzukommen. Ihre Kolleginnen und Kollegen in der Druckerei hätten nie erfahren, dass sie nicht lesen und schreiben kann.

Keine Kurse wegen der Coronapandemie

Heute lernt Halima Bouaich an der Volkshochschule Frankfurt - zumindest wenn die nicht wegen der Pandemie überwiegend geschlossen ist. Doch auch wenn keine Kurse stattfinden, gibt es Leseübungen und Arbeitsblätter. Kursleiterin Ines Wilhelmi liegen Halima Bouaich und ihre anderen Schützlinge nach eigenen Angaben sehr am Herzen. Über whatsapp und das Telefon versucht sie, die Gruppe weiter zu motivieren.

Aber der Alltag sei für die Lernenden momentan "sehr schwierig". Ein großes Problem seien die Behördengänge - weil vieles nur noch online geht. "Meistens wird erwartet, dass man sich per Mail anmeldet, zum Beispiel auch für einen Impftermin", sagt Wilhelmi. "Da brauchen die Lernenden dann immer Unterstützung." Denn viele hätten keinen Mailaccount und auch keinen Computer. Wichtige Informationen zu finden, das gehe fast nur mit Hilfe von Vertrauenspersonen. Halima Bouaich hat dafür ihre Kinder und eine Freundin. Aber sie wünsche sich trotzdem, selbstständiger zurechtzukommen.

Eine halbe Million Menschen in Hessen betroffen

Wie Halima Bouaich geht es vielen: In Hessen gibt es rund eine halbe Million funktionale Analphabetinnen und Analphabeten. Für sie ist es in der Coronapandemie besonders schwierig. Ralf Häder, Geschäftsführer des Bundesverbandes für Alphabetisierung, findet es problematisch, dass die meisten Lese- und Schreibkurse im Moment ausfallen.

Weitere Informationen

Analphabetismus

  • Laut der Leo-Studie zur Erfassung der Lese- und Schreibkompetenzen der Deutsch sprechenden erwachsenen Bevölkerung 2018 leben in Deutschland rund 6,2 Millionen Menschen (18-64 Jahre), die allenfalls bis zur Ebene einfacher Sätze lesen und schreiben können
  • Rund 76 Prozent von ihnen haben einen Schulabschluss
  • Rund 62 Prozent von ihnen sind erwebstätig
  • für mehr als 50 Prozent von ihnen ist Deutsch die Herkunftssprache
  • in Hessen lebt rund eine halbe Million funktionale Analphabetinnen und Analphabeten, in Frankfurt sind es rund 30.000
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Die Kurse seien nicht nur Unterricht, sondern auch eine wichtige Möglichkeit für sozialen Austausch. "Dort kommen die Menschen mit anderen zusammen, die eben auch nicht lesen und schreiben können und denen sie auch Fragen stellen können, die sie anderen Menschen nicht unbedingt stellen." Und auch andere Angebote, wie das Alfa Mobil, das sonst auch durch Hessen fährt und Werbung für Lese- und Schreibangebote macht und aufklärt, fallen gerade weg.

Ein eigenes Buch schreiben

Auch Halima Bouaich vermisst ihre Mitlernenden. Und sie spricht von Angst, das Gelernte wieder zu vergessen. Denn mit dem Lesenlernen hat sie erst spät begonnen - mit Mitte 50. Schon lange wollte sie einen Kurs besuchen. "Aber ich musste arbeiten, sonst fehlt das Geld", erklärt sie.

2015 verlor Bouaich dann ihren Job, als die Druckerei den Besitzer wechselte. Das war eine schwere Zeit für sie, aber sie meldet sich an der Volkshochschule an. Bouaich erinnert sich noch ganz genau: Am 19. April war ihre erste Unterrichtsstunde - und die hat viel verändert. "Ich kann jetzt kleine Sätze schreiben und kleine Bücher lesen“, sagt sie. Aber der 60-Jährigen reicht das noch nicht.

Das Lesenlernen möchte sie auf keinen Fall aufgeben - trotz aller Schwierigkeiten in der Coronapandemie. Denn sie hat ein großes Ziel. "Wenn ich so weit bin, dann will ich ein Buch über mein Leben schreiben."

Sendung: hr-iNFO, 23.04.2021, 07.25 Uhr.