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"NSU 2.0"-Prozess: Angeklagter bedroht Deniz Yücel vor Gericht

Angeklagter im "NSU 2.0"-Prozess

Im Prozess um die "NSU 2.0"-Drohschreiben hat der Angeklagte den als Zeugen anwesenden Journalisten Deniz Yücel verbal angegriffen. Yücel wiederum übte Kritik an der Arbeit der Ermittler.

Mit seinem impulsiven und aggressiven Auftreten hat der Angeklagte Alexander M. im Prozess um die "NSU 2.0"-Drohschreiben am Donnerstag erneut für Aufregung gesorgt. Er griff den als Zeugen geladenen Journalisten Deniz Yücel verbal an und beschimpfte ihn. M., dem die Staatsanwaltschaft unter anderem Beleidigung in 67 Fällen, versuchte Nötigung und Bedrohung vorwirft, war bereits zum Prozessauftakt durch Pöbeleien im Gerichtssaal und das Zeigen des Mittelfingers aufgefallen.

Yücel berichtete, dass er insgesamt fünf mit "NSU 2.0" unterschriebene Drohmails erhalten habe. Zwei davon waren bisher nicht Gegenstand des Verfahrens. Als der 49-Jährige den Angeklagten Alexander M. direkt ansprach und fragte, ob er auch diese Mails verfasst habe, reagierte dieser heftig.

Yücel: "Was für ein Versager"

"Wenn ich könnte, würde ich ganz andere Sachen mit Ihnen machen", warf M. Yücel entgegen, im weiteren Verlauf seines verbalen Ausbruchs fielen auch schlimmere Ausdrücke im Bezug auf den Journalisten wie "Mistmade" oder "Stück Scheiße". Die Vorsitzende Richterin rief den Angeklagten zur Ordnung. Zugleich verwies sie aber auch auf die Unschuldsvermutung, die für Alexander M. gelte.

Deniz Yücel

Auf seinem Twitter-Account bezeichnete Yücel diese Situation als den "interessantesten Moment" vor Gericht. Die Richterin, so behauptet es der Journalist, wollte die Beleidigungen zunächst nicht ins Protokoll aufnehmen lassen. Darauf habe er allerdings bestanden, immerhin gehe es im Prozess um Bedrohung.

Die Richterin wollte diesen Vorfall nicht ins Protokoll aufnehmen. Darauf habe ich dann bestanden; immerhin geht in diesem Prozess um Bedrohung. Dem konnte die Richterin folgen. Nebenklage und die Staatsanwaltschaft haben danach auch die Beleidigungen aufnehmen lassen. 6/8

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Yücel hatte zuvor ausgeführt, dass er seit 2018 mit "NSU 2.0"-Schreiben bedroht worden sei. Zu dem Duktus der Schreiben - einer Mischung aus Amtssprache und vulgären Beschimpfungen, Gewaltfantasien und Morddrohungen - erklärte Yücel: "Da will jemand nicht nur morden, sondern auch Staat spielen. Was für ein Versager."

Kritik an LKA und Bundesanwaltschaft

Yücel, der auch Präsident des PEN-Zentrums Deutschland ist, sagte, generell sei er Drohungen deutscher oder türkischer Rechtsextremisten gewohnt. Beunruhigt habe ihn der Verdacht, die Polizei als bewaffnete Staatsgewalt könne involviert sein. Daher habe er die Schreiben als ernst zu nehmende Bedrohung verstanden.

Persönliche Daten anderer Mail-Empfänger waren an Polizeicomputern abgefragt worden. Yücel erklärte, er verstehe bis heute nicht, warum die Bundesanwaltschaft das Verfahren nicht übernommen habe: "Darin ist die bewaffnete Staatsgewalt verwickelt. Wenn das keine Bedrohung der Sicherheit dieses Landes ist, dann weiß ich es nicht." Zudem kritisierte er das hessische Landeskriminalamt (LKA), das sich bei seinen Ermittlungen in Form und Inhalt derartig merkwürdig und befremdlich an ihn gewandt habe, dass er nicht geantwortet habe.

Nach Erhalt der Mails mit Todesdrohungen und Beschimpfungen habe sein Verlag für ihn zusätzliche Sicherheitsmaßnamen getroffen, berichtete der in Flörsheim (Main-Taunus) geborene Yücel. Die Kosten dafür betrugen rund 10.000 Euro.

"Extra 3"-Moderator im Zeugenstand

Als weiterer Zeuge wurde am Donnerstag der "Extra 3"-Moderator Christian Ehring befragt. Auch er berichtete, dass er die Drohschreiben ernst genommen habe. So habe er seine Familie und seine Nachbarn informiert, aufmerksam zu sein und niemandem Auskunft über seine persönlichen Verhältnisse zu geben.

Insgesamt sei es ein "mulmiges, bedrückendes, sehr, sehr unangenehmes Gefühl" gewesen. Ehring sehe die Mail als Reaktion auf eine Sendung zum Thema Rechtsextremismus in der Polizei. Ebenfalls als Zeugin geladen war die Kabarettistin Idil Baydar. Sie hatte nach Angaben des Gerichts aber abgesagt.

Jan Böhmermann und Maybrit Illner sagen am Montag aus

Für den kommenden Verhandlungstag am Montag sind der ZDF-Satiriker Jan Böhmermann und die ZDF-Talkshow-Moderatorin Maybrit Illner als Zeuge und Zeugin geladen. Auch sie erhielten "NSU 2.0"-Drohschreiben.

Die Serie der Drohschreiben hatte im August 2018 mit Todesdrohungen gegen die Frankfurter Rechtsanwältin Seda Basay-Yildiz und ihre Familie begonnen. Die Schreiben waren mit "NSU 2.0" unterzeichnet, in Anspielung auf die rechtsextreme Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU). Die Staatsanwaltschaft hält den 54 Jahre alten arbeitslosen IT-Techniker Alexander M. aus Berlin für den Verfasser der Schreiben. Er bestreitet die Taten bislang.