Ordner mit Schriftzug NSU Ausschuss
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Hatten die Mörder des rechtsextremistischen Terrornetzwerks NSU Helfer in der Kasseler Neonazi-Szene? Eine zentrale Figur dort könnte Corryna G. gewesen sein. Sie sagt heute im NSU-Ausschuss des Landtags aus.

Dass Corryna G. im NSU-Untersuchungsausschuss keine normale Zeugin ist, steht schon vor ihrer für heute geplanten Aussage fest. Sie ist die bislang einzige vorgeladene Person, die vom Ausschuss mit einer Geldstrafe belegt wurde. Denn ursprünglich sollte G. schon im Juni aussagen. Weil sie nicht erschien und auch keine ausreichende Entschuldigung für ihr Fehlen vorlegte, verhängte der Ausschuss gemäß Strafprozessordnung ein Ordnungsgeld. Die Rede ist von 200 Euro – eine durchaus übliche Größenordnung in solchen Fällen.

Im Fall von Corryna G. ist das sicher auch ein Signal: Der Ausschuss legt Wert darauf, geladene Zeugen auch zu hören. Dass gilt im Besonderen für Corryna G.  - eine Frau, die zum Zeitpunkt der NSU-Morde eng mit der rechtsextremistischen Szene vernetzt war, deren Rolle aber bis heute eher nebulös geblieben ist. Vor allem Zeugen aus der rechten Szene nannten im Ausschuss ihren Namen immer wieder und beschrieben ihre Rolle und Kontakte.

Zum Beispiel der ehemalige Sänger der Rechtsrockband "Hauptkampflinie", Oliver P., inzwischen aus der Szene ausgestiegen. Im April 2016 sagte P. zur Kasseler Neonazi-Szene Ende der 1990er, Anfang der 2000er Jahre aus und kam dabei auch auf Corryna G. zu sprechen.

Noch konkreter wurde ein ehemaliger V-Mann: Er sei sich sicher, dass G. Kontakte zu den beiden NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gehabt habe. Dem Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) werden zehn Morde zugeschrieben, darunter der am Kasseler Internetcafé-Betreiber Halit Yozgat am 6. April 2006.

Schon Ende der 1990er im Visier der Behörden

Wenn heute Corryna G. selbst im Ausschuss die Fragen der Abgeordneten beantwortet, erhoffen sich zumindest einzelne davon neue Einblicke, zum Beispiel über mögliche Verbindungen der Kasseler Szene zum NSU oder dessen Umfeld. "Ich bin mir sicher, dass Frau G. über große Kenntnisse verfügt", sagt Hermann Schaus, Vertreter der Linke-Fraktion im NSU-Ausschuss. "Sie ist eine Schlüsselperson bei der Aufklärung der NSU-Verbrechen."

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Bühne für Rechtsextreme?

Die CDU hält die von der Opposition gewünschte Befragung der inhaftierten Zeugin G. nicht nur für überflüssig, sondern für schädlich. "Verfassungsfeinden wird erneut eine mediale Plattform geboten", kritisiert Holger Bellino, CDU-Obmann im NSU-Untersuchungsausschuss. Aus keinem der 2.000 vorliegenden Aktenordner sei ersichtlich, welche neuen Erkenntnisse die "plumpe Inszenierung" bringen solle. Die Grünen als Koalitionspartner sind bei der Zeugin zumindest skeptisch: Bekannte rechtsextreme Kontakte lägen "sehr weit zurück".

Ende der weiteren Informationen

Tatsächlich deuten einige Unterlagen, die hr-iNFO vorliegen, darauf hin, dass Corryna G. in den Jahren rund um die NSU-Mordserie (2000 bis 2007) eine wichtige Figur der rechtsextremistischen Szene war. Bereits 1997 erschien G. auf einer Liste des Landeskriminalamts Thüringen unter dem Stichwort "Rechtsextremistische Gewalttäter".

Auf der Liste standen nicht nur zahlreiche Namen, die heute dem NSU und seinem direkten Umfeld zugerechnet werden, darunter Uwe Böhnhardt und Ralf Wohlleben, der zu den Angeklagten im NSU-Prozess in München gehört. Neben rund 50 Männern waren zwei Frauen aufgeführt: Beate Zschäpe, die Hauptangeklagte im NSU-Prozess und einzige Überlebende des NSU-Kerntrios, und eben Corryna G.

Im Gefängnis wegen diverser Straftaten

Geboren 1968 in Thüringen, steht Corryna G. für eine ganz typische Neonazi-Karriere in den 1990er Jahren. Immer wieder wird sie als umtriebig beschrieben. G. hatte enge Kontakte zu bundesweit führenden Rechtsextremisten wie Thorsten Heise und war Mitglied in der später verbotenen rechtsextremistischen Partei FAP. Auch bei rechtsextremistischen Demonstrationen und "Gedenkmärschen" fiel sie auf.

Neonazis werden am Rand einer Demonstration 2002 in Kassel zum Schutz vor linken Gegendemonstranten von Polizisten in eine Kneipe getrieben
Neonazis werden am Rand einer Demonstration 2002 in Kassel zum Schutz vor linken Gegendemonstranten von Polizisten in eine Kneipe getrieben. Bild © picture-alliance/dpa

G. lebte mal in Thüringen, mal in Hessen, mal in Nordrhein-Westfalen. Anfang der 2000er Jahre zog sie vorübergehend nach Österreich, um einer drohenden Haft wegen diverser Straftaten zu entgehen. Nachdem Deutschland die Auslieferung beantragt hatte, kehrte G. freiwilllig zurück. Sie verbüßte eine Haftstrafe in Kassel und wurde Ende März 2006 vorzeitig entlassen.

Vor ihrer Flucht nach Österreich lebte Corryna G. in Kassel und war Teil der dortigen Neonazi-Szene. Sie zählte zusammen mit einem anderen zentralen Aktivisten, Dirk W., zur "Kameradschaft Kassel".

Verfassungsschutz löschte G.s Akte

Auch der hessische Verfassungsschutz hatte G. im Visier. Allerdings: Eine Personalakte zu Corryna G. im Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) wurde im Jahr 2009 gelöscht. Eine Vertreterin des LfV begründete die Löschung im NSU-Untersuchungsausschuss eher allgemein: Entweder die Person sei seit Jahren "inaktiv" oder man habe sie "fälschlicherweise dem Extremismus zugerechnet".

Vielleicht schätzten die Sicherheitsbehörden Corryna G. aber auch falsch ein. In einem Vermerk aus dem Jahr 2005 mit detaillierten behördlichen Informationen zu Corryna G. – wie Straftaten, Meldedaten und Haftzeiten - heißt es: G. scheine vor allem durch materielle Interessen, den Betrieb eines Versandhandels und private Motive, unter anderem ihre Partner, in der rechtsextremistischen Szene verwurzelt gewesen zu sein.

Weiter steht in dem Vermerk: Politische Motive hätten bei G. vermutlich nie im Vordergrund gestanden. Politische Aktivitäten seien in der Regel von ihren Partnern ausgegangen. Trotz der Verbindungen von G., trotz ihrer Kontakte und Aktivitäten schätzten die Behörden ihre Rolle in der Szene nicht besonders hoch ein.

Auf Facebook postet G. vornehmlich Fotos von ihrem ausführlich tätowierten Körper und ihrem Hündchen. Sie offenbart Nähe zur Rockerszene, im Besonderen den Hells Angels, zu muskelbepackten Männern und zu Aussagen über den Staat als Polizei- und Willkürsystem. Auf ihrer Seite hat sie ein Musikvideo verlinkt, das Neonazi-Aufmärsche ("Volkstod stoppen") zeigt.

Zweifel an der Einschätzung der Behörden

Corryna G., eine Art Anhängsel ihrer rechtsextremistischen Männer? Nancy Faeser, die für die SPD im NSU-Untersuchungsausschuss sitzt, kann diese Einschätzung nicht nachvollziehen: "Für uns ist Frau G. in der fraglichen Zeit in Kassel eine der wesentlichen Akteurinnen der Szene."

Immerhin: Vor wenigen Wochen wurde im NSU-Ausschuss ein Bericht aus dem Jahr 2014 bekannt, in dem das Landesamt für Verfassungsschutz gegenüber dem Innenministerium einräumt, bei der Beobachtung der rechten Szene habe es in der Vergangenheit – vor allem in den 90er Jahren – Defizite und Mängel gegeben.

Für Sonja Brasch von der Initiative NSU-Watch würde die in dem Vermerk dokumentierte Einschätzung dagegen zumindest in ein Muster passen, das für Frauen in der rechten Szene gelte. Brasch beschäftigt sich im Rahmen des Forschungsnetzwerks "Frauen und Rechtsextremismus" intensiv mit weiblichen Szenemitgliedern. Sie sagt: "Vor allem von Behördenseite wird die Rolle der Frauen sukzessive heruntergespielt. Oft werden sie als 'Freundin von XY' gesehen, ihre strukturelle Bedeutung wird unterschätzt."