Kultusminister Lorz beim Besuch einer Schule

Sind Lehrer und Grundschüler nur Versuchskaninchen, die notfalls in den Ferien in Quarantäne gehen können? Werden den Lehrern die Überstunden für die Corona-Organisation vergolten? Kultusminister Lorz nimmt Stellung zur Öffnung der Grundschulen.

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zum Video Protest gegen Grundschulöffnung

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Dass die Grundschulen ab kommendem Montag für eine zweiwöchige Testphase für alle wieder täglich öffnen, ist ziemlich umstritten unter Lehrern und Eltern. Warum hat die Landesregierung das angeordnet? Kultusminister Alexander Lorz (CDU) beantwortet Fragen, die Nutzer der hessenschau-Facebook- und Instagram-Kanäle dazu stellten.

Nutzerfrage: Sind wir Lehrer und Schüler in dieser Testphase Versuchskaninchen, damit wir in den Sommerferien in Quarantäne gehen können?

Alexander Lorz: Nein, das sind Sie definitiv nicht! Und ich will auch nicht verhehlen, dass mich diese Wortwahl schon einigermaßen trifft und auch ärgert. Es geht hier nicht darum, irgendwelche medizinischen Experimente zu machen oder Erkenntnisse zu gewinnen. Wenn das am Ende dabei auch herauskommt, soll's mir recht sein.

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„Wir reden hier vom Recht der Kinder auf Bildung.“
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Aber wir reden hier von etwas völlig anderem: Wir reden hier vom Recht der Kinder auf Bildung. Wir reden davon, dass wir den Kindern so viel Unterricht und Präsenz in der Schule wie möglich einrichten wollen. Das richtet sich in der Pandemie nach dem, was wir medizinisch für verantwortbar halten.

Nutzerfrage: Werden Lehrer und Schüler dann auch regelmäßig getestet, wenn sie sich diesem Risiko aussetzen?

Alexander Lorz: Wir werden auf jeden Fall für die Zeit nach den Sommerferien auch ein entsprechendes Konzept vorlegen. Das wird mit dem Gesundheitsministerium abgestimmt sein.

Nutzerfrage: Übernehmen Sie die Verantwortung dafür, wenn Schüler und Lehrer sich anstecken?

Alexander Lorz: Ja, wir übernehmen als Politiker ganz generell die Verantwortung für alle Lockerungs- und Öffnungsschritte, die wir unter Pandemiebedingungen vornehmen. Aber man muss ganz klar sagen: Es gibt kein Nullrisiko. Das trifft auf alles zu, was wir machen.

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„Schulen sind keine Hotspots, vor allem was die Ansteckung von Schülern untereinander angeht.“
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Wenn wir das Infektionsrisiko komplett ausschließen wollen, müssten wir uns alle zu Hause einschließen und dürften nicht mehr vor die Tür gehen. Und die Schulen dürften wir natürlich auch erst dann wieder aufmachen, wenn das Virus definitiv besiegt ist. Das kann nicht die Antwort sein.

Also geht es darum zu überlegen: Was für ein Risiko können wir eingehen? Und da stützen wir uns auf die neuen medizinischen Erkenntnisse, die sagen: Schulen sind nicht der Hotspot, und insbesondere was die Ansteckung von Schülern untereinander angeht - darum geht es ja bei den neuen Regelungen ab Montag -, wird das Risiko mittlerweile als sehr gering angesehen.

Nutzerfrage: Wie soll ich als Lehrerin meinen Schülern erklären, dass sie im Bus und im Supermarkt eine Maske tragen und Abstand halten müssen, aber in der Schule gibt es diese Regeln nicht? Wie verantworten Sie das?

Alexander Lorz: Also zunächst mal: Maske zu tragen, Abstand zu halten, wo es möglich ist, ist mit Sicherheit immer hilfreich! Aber es geht nicht immer und überall. Deswegen gilt die Maskenpflicht explizit auch nur im öffentlichen Personennahverkehr und in den Geschäften.

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„Unterricht mit Masken ist grenzwertig.“
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Unterricht mit Masken ist, glaube ich, pädagogisch ziemlich grenzwertig. Und jetzt geht's um die Frage: Dürfen die Schülerinnen und Schüler im Klassenraum beim Unterricht relativ nah beieinandersitzen? Das ist aber eine Situation, die haben wir auch an vielen anderen Arbeitsplätzen. Dann muss man eben versuchen, das mit anderen Hygieneregeln zu kompensieren. In der Schule etwa mit dem neuen Konzept der konstanten Lerngruppen.

Nutzerfrage: Wie lange sind Risikogruppen in den Schulen noch vom Unterricht befreit, und wie sollen diese beschult werden?

Alexander Lorz: Das richtet sich nach der Einschätzung der Gesundheitsexperten. Wir müssen für diese Risikogruppen auch weiterhin mit Konzepten des Fernunterrichts und der digitalen Beschulung weiterarbeiten. Daran arbeiten wir im Moment mit Hochdruck.

Nutzerfrage: Wie sieht es mit schwangeren Lehrkräften aus? Gilt weiterhin eine Fürsorgepflicht?

Alexander Lorz: Die Fürsorgepflicht gilt natürlich für alle. Aber für die schwangeren Lehrkräfte insbesondere: Die können sich in der Tat vom Präsenzunterricht befreien lassen. Das ist eine Rücksichtnahme auf die besondere Situation, in der sich die werdenden Mütter befinden.

Nutzerfrage: Was passiert, wenn jemand positiv in der Schule getestet wird? Warum werden einige Schulen mit Corona-Fällen geschlossen und andere nicht?

Alexander Lorz: Das ist letzten Endes eine Frage der Beurteilung vor Ort. Die nehmen nicht wir als Schulbehörden vor, sondern das müssen die Gesundheitsbehörden tun. Die Grundregel ist: Je weniger die Lerngruppen durchmischt worden sind, desto mehr kann man die Quarantäne begrenzen. Deswegen sind wir von dem Konzept der vollständigen Schulschließung abgekommen.

Nutzerfrage: Wie sollen wir Lehrer, nach dieser hohen Belastung der zurückliegenden Wochen, entlastet werden? Werden Überstunden angerechnet?

Alexander Lorz: Ich bin mir dessen bewusst, was unsere Lehrerinnen und Lehrer in den Wochen geleistet haben, auch unter der Dynamik der Situation, die ständige Anpassungen erfordert hat. Anpassungen, die wir uns nicht im Kultusministerium ausgedacht haben, sondern die einfach durch die Entwicklungen der Infektionslage bedingt waren.

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„Ich habe mich immer gegen eine Verkürzung der Sommerferien gewehrt.“
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Das trifft allerdings auch auf viele anderen Berufsgruppen zu. Wir sind hier in einer gesamtgesellschaftlichen Anstrengung. Da werden wir mit Überstunden nicht weiterkommen. Aber in zwei Wochen sind ja auch Sommerferien und ich habe mich immer dagegen gewehrt, dass wir die verkürzen.

Nutzerfrage: Wird es zusätzliche Lehrstunden zur Wiederholung des Unterrichtsstoffs geben?

Alexander Lorz: Es wird Angebote in den Sommerferien geben für eine bestimmte Schülerklientel, bei der Kompensation besonders erfordert ist. Dann werden wir die Zeit überall dazu nutzen müssen, dass wir die Lernstände der Schülerinnen und Schüler feststellen und dass wir die Klassen auf ein halbwegs einheitliches Niveau bringen, von dem aus man dann weiterarbeiten kann.

Nutzerfrage: Könnten Sie sich vorstellen, im Zuge der Corona-Krise das Schulsystem von Grund auf zu verändern? Kleinere Lerngruppen, Doppelbesetzung in größeren Klassen, mehr Räume?

Alexander Lorz: Dieser Wunsch nach möglichst kleinen Klassen, möglichst vielen Lehrern und Räumen ist dem Bildungssystem immanent. Da haben wir auch schon viel getan in den vergangenen Jahren, zum Beispiel 5.000 Lehrerinnen und Lehrer eingestellt - bei gleichbleibender Schülerzahl.

Aber man muss realistisch sehen: Das hat überall seine Grenzen. Lehrkräfte sind nicht nach Belieben verfügbar, Räume auch nicht. Also dass wir jetzt generell die Klassen halbieren und die Klassen verdoppeln, wird auf absehbare Zeit nicht machbar sein.

Protokoll: Carla Reitter

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 19.06.2020, 19.30 Uhr

Ihre Kommentare Die Grundschulen in Hessen starten wieder in den Regelbetrieb. Was halten Sie davon?

201 Kommentare

  • Nicht viel. Wir sind angeblich mitten in der Pandemie, so die Politik und hier werden Kinder Versuchsobjekte..inwieweit können Grundschüler das Virus übertragen , auch wenn sie weniger oft indiziert werden. Warum konnte die Regelung , die ab dem 2. Juni galt, nicht beibehalten werden? Mit Abstand, Hygienevorgaben und Beschulung? Freitags gelten noch strenge Regeln, montags ist Abstand nicht mehr nötig...nicht nachvollziehbar! Man kann nur hoffen, dass diese Öffnung nicht zu einer neuen Welle führt.

  • Ich finde es längst überfällig.
    Kinder haben ein Recht auf Bildung und die Kinder sind die, die am Längsten unter den Maßnahmen gelitten haben.
    Unabhängig von der Studie in Heidelberg hätte ein Blick nach Dänemark, Neuseeland oder in die Niederlande gereicht, um zu erkennen, dass Kinder (unter 10 Jahren besonders) in der Corona Krise eine geradezu unbedeutende Rolle spielen.

  • Auch wenn es Herr Lorz nicht hören will...Lehrer und pädagogisches Personal an Grundschulen fühlen sich trotzdem als Versuchskaninchen...er hat ja leicht reden...er arbeitet nicht vor Ort!!! Die Klassen waren schon immer zu groß, Raum gibt es seit Jahren zu wenig...man sollte sich fragen, warum es diesen Mangel an Personal gibt...weil die Arbeitsbedingungen an die Substanz gehen und die Meinung von Pädagogen NULL zählt...Corona wäre jetzt die Chance gewesen endlich was zu ändern - stattdessen wird mit fadenscheinigen Ausreden weitergemacht wie bisher. Leider haben alle eine Lobby - die Lufthansa, die Schweinefleisch produzenten, die Autobauer...nur die Zukunft nicht - die Kinder !!!

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