Ehrenamtliche Helfer geben in einer Obdachlosenküche in Frankfurt Essen aus

Nachhaltigkeit trifft auf soziales Engagement: In der solidarischen AdA-Kantine in Frankfurt kochen Ehrenamtliche aus geretteten Lebensmitteln Mahlzeiten für Obdachlose. Zu Besuch in einem etwas anderen Stadtteil-Treff.

Externer Inhalt

Externen Inhalt von ARD Mediathek (Video) anzeigen?

An dieser Stelle befindet sich ein von unserer Redaktion empfohlener Inhalt von ARD Mediathek (Video). Beim Laden des Inhalts werden Daten an den Anbieter und ggf. weitere Dritte übertragen. Nähere Informationen erhalten Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Ende des externen Inhalts

Janosch steht am Waschbecken und schaut sich jede Karotte ganz genau an. Dreht sie nach rechts, nach links. Wie alle Lebensmittel, die in der AdA-Kantine verwendet werden, wären diese Karotten eigentlich im Müll gelandet. Hier werden sogar die Schalen noch für eine Gemüsebrühe verwendet.

"Also, diese hier würden wir auf jeden Fall aussortieren", sagt er und zeigt bei einer Möhre auf eine verschimmelte Stelle. "Wenn die Schale schon dunkel ist, dann verwenden wir die nicht mehr für eine Brühe. Aber darunter sieht diese Karotte mit Sicherheit noch absolut gut aus." Und so ist es dann auch.

Weitere Informationen

TV-Film

Unsere Reporterin Selina Rust hat eine Woche in der AdA-Kantine in Frankfurt-Bockenheim mitgeholfen. Ihre TV-Dokumentation "7 Tage ... solidarisch kochen" ist bereits in der ARD-Mediathek zu sehen und am 30. Dezember um 21.45 Uhr auch im hr-fernsehen.

Ende der weiteren Informationen

In seinem schwarzen Küchen-Outfit sieht der 33-Jährige aus wie ein professioneller Koch. Tatsächlich kocht Janosch aber nur am Wochenende ehrenamtlich in der AdA-Kantine. Mit ganzem Namen heißt er Jan Hoffmann und arbeitet hauptberuflich bei der Berufsfeuerwehr.

Reporterin Selina Rust und Helfer Jan Hoffmann schälen Karotten in einer Obdachlosenküche in Frankfurt

Seit November 2020 engagiert er sich bei der AdA-Kantine. Die Abkürzung steht für Akademie der Arbeit, in deren ehemaligen Räumen in Frankfurt-Bockenheim die Helfer*innen kochen. "Die Hilfe für Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, ist mir auf jeden Fall eine Herzensangelegenheit", sagt Janosch: "Gar nicht mal aus irgendwelchen Samariter-Gründen, sondern weil es mir immer leid tut, wenn man an Menschen vorbei geht, die nichts Warmes zu essen haben. Und auf der anderen Seite schmeißen wir Lebensmittel weg."

Janosch ist Vegetarier, wie die meisten hier - aus politischer Überzeugung. Deshalb gibt es in der AdA-Kantine auch nur veganes oder vegetarisches Essen.

Helfer in einer Obdachlosenküche in Frankfurt

Die Helfer*innen sind auf Spenden angewiesen. An jedem Donnerstag kommt eine große Lebensmittellieferung: Dann erhalten sie übriggebliebene und gerettete Lebensmittel von der Tafel, Foodsharer*innen oder privaten Spender*innen. Zusätzlich holt die Gruppe abends Obst und Gemüse von den Erzeuger*innen am Markt an der Konstablerwache ab, bevor diese ihre unverkaufte Ware wegschmeißen.

Daraus kochen die Ehrenamtlichen viermal in der Woche, von Freitag bis Montag, kostenlose Drei-Gänge-Menüs. Jeden Tag geben sie Essen für etwa 150 Menschen aus.

Die Idee hinter dieser Solidarischen Küche ist es, eine Anlaufstelle für die ganze Nachbarschaft zu bieten, ein Stadtteil-Café für jedermann. Hier sollen alle miteinander ins Gespräch kommen und sich fühlen wie in einem Restaurant. Die Gäste nehmen im Innenhof in Zelten Platz und werden dort bedient. Das Besteck ist in Servietten gerollt - auch das hat mit Würde zu tun.

Ehrenamtliche Helfer in der Küche einer Obdachlosenküche in Frankfurt

Vor allem Menschen, die für gesundes, warmes Essen zu wenig Geld haben, nutzen dieses Angebot. Einige sind obdachlos, andere krank. Viele beziehen Grundsicherung oder nur eine kleine Rente. So wie Dorothea. In ihrem Pelzmantel sieht die 76-Jährige ganz schick aus. Aber auch sie ist hier, weil das Geld am Ende des Monats nicht reicht.

"Ich bin alleine, war zweimal verheiratet und habe mich scheiden lassen, weil Gründe da waren", erzählt sie. Ihr Leben lang habe sie gearbeitet, im Alter sammelt sie nun Pfandflaschen. "Dafür schäme ich mich nicht", sagt sie. Aber dass es mit der kleinen Rente oft so schwer ist, über die Runden zu kommen, das mache sie traurig. "Starke Frauen weinen heimlich, sage ich immer zu mir selbst. Ich zeig' das nicht nach außen."

Dorothea, eine Rentnerin, geht essen in einer Obdachlosenküche in Frankfurt

Die Kontakte zu Menschen wie Dorothea sind auch Katharina Stoffts Motivation, bei der AdA-Kantine mitzuhelfen. Die 22 Jahre alte Jura-Studentin serviert hier jedes Wochenende etwa 150 Menüs pro Tag. "Wenn du nur in dieser Jura-Bubble bist, kommst du überhaupt nicht auf die Idee, dass es Obdachlosigkeit gibt. Weil wir alle aus einer mehr oder weniger privilegierten Welt kommen", sagt Katharina. "Hier gewinnt man noch mal einen komplett anderen Blick auf die Welt."

Die etwa 150 ehrenamtliche Helfer*innen sehen sich als basis-demokratisches Kollektiv, das die Stadtgesellschaft neu denken will. Ob Juristin, Punker oder Alt-68er, hier kommen Menschen zusammen, die eine gemeinsame politische Vision haben. "Es geht um den Solidaritätsgedanken", sagt Janosch: "Weg von den Einzelinteressen, hin zu den Kollektivinteressen." Für ihr soziales und nachhaltiges Engagement erhielt die AdA-Kantine dieses Jahr den "Wir ist Plural"-Demokratie-Preis der Bundeszentrale für politische Bildung.

Katharina Stofft, Helferin in einer Obdachlosenküche in Frankfurt

Vier Stunden nach Dienstbeginn steht Janosch an einem riesigen Bräter und wendet kiloweise klein geschnittene Karotten, Paprika und Brokkoli. Mit fünf weiteren Ehrenamtlichen hat er heute das Essen zubereitet. Keiner ist hier Küchenchef oder -chefin, flache Hierarchien und Gleichberechtigung sind allen wichtig. Rezepte gibt es keine, hier wird jeden Tag improvisiert.

Heute gibt es Kürbissuppe, Ofenkartoffeln mit Gemüsesoße und Apfelkuchen. 150 Personen sollen davon gleich satt werden. Janosch wirft einen letzten Blick aus dem Fenster, bevor er das Essen rausbringt. Die ersten Gäste stehen schon in der Schlange am Eingang.

"Ich finde, das ist das Sinnvollste, was man machen kann", sagt Janosch und lacht dabei herzlich. "Und wenn das dann noch mit geretteten Lebensmitteln stattfindet, dann ist das perfekt!"

Weitere Informationen Ende der weiteren Informationen