Der Beerfelder Galgen

Eine Tafel am Fuß des fast 500 Jahre alten Beerfelder Galgens erinnert an die Hinrichtung einer "Zigeunerin". Die Stadt will die Textpassage nun auf Initiative der Sinti und Roma entfernen. Dabei war nicht das Wort alleine ausschlaggebend.

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Audioseite "Zigeuner"-Inschrift am Beerfelder Galgen wird entfernt

Die Inschrift am Beerfelder Galgen
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Auf einer Anhöhe nahe des Oberzenter Stadtteils Beerfelden (Odenwald) thront seit fast 500 Jahren ein Galgen. Vom späten Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert hinein fanden dort Ehebrecher, Diebe und andere Kriminelle den Tod. Von dort aus kann man den Blick weit über die pittoresken Hügel und Wälder des Odenwalds schweifen lassen. Der wunderschöne Ausblick sollte den Gehängten in den Sekunden, bevor sie aus der Welt schieden, offenbar Läuterung sein.

Als letztes Opfer soll dort im Jahr 1804 eine "Zigeunerin" hingerichtet worden sein, weil sie angeblich ein Huhn und Brot stahl. So steht es jedenfalls auf einer Inschrift am Fuße des historischen Galgens. Aber nicht mehr lange: Die Stadt hat beschlossen, die Textpassage aus der um 1960 dort installierten Metall-Tafel zu entfernen.

Fehlende Belege entscheidend

Die Entscheidung der Stadt beruht auf zwei Gründen. Einerseits auf der Verwendung des rassistischen Begriffs "Zigeunerin", andererseits darauf, dass der geschilderte Vorfall nicht historisch belegbar ist. Der Landesverband der Sinti und Roma sei an die Stadt herangetreten, um über eine mögliche Entfernung der Inschrift zu sprechen.

"Wir haben uns dann informiert und festgestellt, dass der Vorfall nicht belegbar ist. Zudem empfinden Sinti und Roma den Begriff 'Zigeuner' als diskriminierend", sagt Oberzents Bürgermeister Christian Kehrer (parteilos) dem hr. "Und dann war ganz schnell klar: Der Satz wird entfernt." Die Tafel sei von einem Verein vor rund 60 Jahren aufgestellt worden, sagt Kehrer. Genauere Informationen habe er nicht.

Auf der Tafel steht: "Letzte Hinrichtung im Jahre 1804; eine Zigeunerin wegen Diebstahls eines Huhnes und zweier Laib Brot."

Ein Ehebrecher ist der letzdokumentierte Gehängte

Die Tatsache der Nichtbelegbarkeit war für den Landesverband der Sinti und Roma auch ausschlaggebend, sich mit der Stadt in Verbindung zu setzen und über die Tafel in Dialog zu treten. "Das ist genau das Problem. Es gibt keine Belege, dass es sich tatsächlich so zugetragen hat," sagt der Vorsitzende Adam Strauß im Gespräch mit dem hr. Wahrscheinlich habe man sich die Geschichte im Dorf so erzählt.

In den Geschichtsbüchern findet sich dazu tatsächlich kein Eintrag. Die letzte dokumentierte Hinrichtung am 1550 errichteten und 1597 erneuerten Galgen erfolgte demnach im Jahre 1746: Wegen Ehebruchs und Diebstahls wurde Adam Beisel aus dem Nachbarort Unter-Sensbach gehängt. So steht es nach Angaben der Stadt in den Kirchenbüchern.

Strauß: "Wir sind keine Zigeuner und waren es nie"

Die Verwendung des Begriffs "Zigeunerin" könne in diesem Fall also nicht in einen historischen Kontext gesetzt werden, so Strauß. Ihm würden hier negative Eigenschaften zugeschrieben - ohne Belege. "Uns stört das Bild, das hier vermittelt wird." Ein Bild einer stehlenden Zigeunerin, die den öffentlichen Frieden gefährdet. "Diese negative Zuschreibungen wurden und werden leider auch immer wieder auf Sinti und Roma übertragen", beklagt Strauß. "Wir sind keine Zigeuner und waren es auch nie."

Zwar benutze der Landesverband das Wortkunstrukt "Zigeuner" ebenfalls, aber immer nur dann, wenn es "um Begebenheiten aus der Täterschaft geht". So bedienten sich etwa die Nationalsozialisten im Zuge ihrer tödlichen Rassenideologie dieses Begriffs. "Unsere Aufgabe ist es aufzuklären, wer und was mit 'Zigeuner' gemeint ist und was mit der Verwendung des Begriffs bezweckt wurde und bezweckt werden soll", erklärt Strauß.

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Diskriminierung und Verfolgung

Der Begriff "Antiziganismus" bezeichnet die Diskriminierung und Verfolgung von Menschen, die der Minderheit der Sinti und Roma angehören. Da er selbst die abwertende Bezeichnung "Zigeuner" enthält, ist der Begriff nicht unumstritten, wird aber auch von einigen Organisationen der Sinti und Roma bewusst verwendet. Andere bevorzugen den Ausdruck Rassismus. (Zu einem Dossier der Bundeszentrale für polische Bildung geht es hier.) Die damit verbundenen Vorurteile begegnen den Betroffenen immer noch - und sie haben eine furchtbare Tradition in Deutschland.

Die vernichtende Rassen-Ideologie in der NS-Zeit richtete sich gerade auch gegen Sinti und Roma, sie konnte auf ein uraltes Feindbild zurückgreifen. Die genaue Opferzahl ist schwer zu bestimmen. Aber sie geht in die Hundertausenden. Es könnten bis zu 500.000 ermordete Sinti und Roma in den von Nazi-Deutschland besetzten Gebieten Europas gewesen sein, wie unter anderem der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages festgehalten hat.

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Die Idee, die Inschrift eventuell zu ergänzen und zu kommentieren, sei im Gespräch mit der Stadt auch schnell vom Tisch gewesen – eben wegen jener fehlenden historischen Unterfütterung.

Gemischte Reaktionen

Die Reaktionen in der Stadt sind durchaus gemischt. Inge Groß vom Heimat- und Geschichtsverein Oberzent kritisiert die geplante Entfernung der Inschrift als "überzogen", schließlich gehöre die Tafel nun mal zum Beerfelder Galgen. Gottfried Görig, Vorsitzender des Vereins, kann die Entscheidung der Stadt dagegen nachvollziehen. "Da es historisch nicht belegbar ist, ist es vollkommen in Ordnung, dass die Inschrift entfernt wird", sagte der ehemalige Bürgermeister von Beerfelden dem hr. Das tue "der Sache keinen Abbruch".

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Geschichte des Galgens

Der Beerfelder Galgen wurde um 1550 zur Ausübung der Gerichtsbarkeit in Beerfelden zunächst aus Holz errichtet und dann 1597 durch ein sogenanntes dreischläfriges Konstrukt aus Stein ersetzt. Somit konnten dort mehrere Exekutionen gleichzeitig vorgenommen werden. Die Verurteilten wurden auf einem Podest stehend aufgeknüpft, dann wurde das Podest entfernt. Zur Abschreckung wurden die Toten bis zur Verwesung hängen gelassen.

Wie viele Menschen tatsächlich am Beerfelder Galgen gehängt wurden, ist unklar. Die meisten Gerichtsunterlagen wurden 1810 bei einem großen Brand in Beerfelden zerstört. Der Beerfelder Galgen ist als einzige Gerichtsstätte ihrer Art in Deutschland noch vollständig erhalten, was auch daran liegt, dass weder der Befehl Kaiser Josephs II (1788) noch der Aufruf des Darmstädter Großherzogs (1816) zum Abbau des Galgens befolgt wurden.

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Wann die Arbeiter anrücken, um die drei letzten Zeilen aus der Tafel zu entfernen, ist noch unklar. "Wir müssen schauen, wann der Bauhof Zeit hat", sagt Bürgermeister Kehrer. Es sei jedoch geplant, die Arbeiten "zeitnah" auszuführen.

Diskriminierung auch heute noch

Im nordhessischen Bad Zwesten hatte zuletzt ein Fall von Diskriminierung einer Sinti-Familie für Aufsehen gesorgt: Ein Campingplatz hatte eine Familie mit Kindern abgewiesen, weil sie der Minderheit der Sinti angehörte. Grundlage des Rausschmisses war ein Beschluss des Betreibers, der Sinti und Roma den Zutritt zu dem Gelände verwehrte - angeblich habe es in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen gegeben.

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