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Wie Schafwollpellets die Gartenarbeit verbessern sollen

Ein Großteil der Wolle von deutschen Schafen landet derzeit auf dem Müll. Eine Schande, finden Schafhalter und eine Startup-Gründerin aus Mittelhessen. Sie wollen, dass regionale Schafwolle wieder geschätzt und verwertet wird - einerseits zum Stricken und andererseits zum Düngen.

Der Weg zur Mülldeponie tut weh. Seit zwei Jahren bringt Uwe Klingelhöfer die Wolle seiner Schafe zum Sondermüll. "Ich weiß nicht mehr wohin sonst damit", sagt der Schäfer aus Großseelheim (Marburg-Biedenkopf). Früher habe sich die Schafwolle noch verkaufen lassen. Doch inzwischen finde er dafür keine Abnehmer mehr.

Der Schäfer erzählt: "Ich hab schon einen Stall gebaut und die Wolle in die Zwischendecke als Isolierung gesteckt - aber jetzt ist diese Fläche auch voll." Seitdem landet die Wolle auf dem Müll, haufenweise. "Einfach ärgerlich, ein so wertvolles Produkt einfach zu verschleudern", sagt Klingelhöfer, der seit 25 Jahren Schäfer aus Leidenschaft ist. Aber was soll er sonst damit machen?

Strickgarn kommt meist aus dem Ausland

Seit über 10.000 Jahren verwendet der Mensch Wolle zur Herstellung von Textilien, und seit einigen Jahren hat sogar das Stricken ein neues, deutlich weniger angestaubtes Image. Trotzdem ist Klingelhöfer mit seinem Problem nicht allein. Weil zum Stricken heute meistens die besonders weiche Wolle von Merinoschafen aus Neuseeland und Australien verwendet wird, gilt ein Großteil der Schafwolle aus Deutschland inzwischen als teures Abfallprodukt. Insbesondere braune oder schwarze Wolle will niemand mehr haben, weil man sie nicht färben kann.

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Marburg-Biedenkopf, Kreis der Schafe

Ein normales Hausschaf produziert zwischen drei und sechs Kilo Wolle jährlich. Allein im Kreis Marburg-Biedenkopf, der als besonders schafreich gilt, gibt es 400 Schafhalter. Insgesamt halten sie 14.000 Tiere unterschiedlicher Rassen und Farben, die ein bis zwei Mal im Jahr geschoren werden.

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Nun hat sich im Landkreis eine Projektgruppe von Schafhaltern zusammengetan und eine ungewöhnliche, regionale Verwertungsform für den nachwachsenden Rohstoff gefunden: Die Wolle soll zu Pellets gepresst als Dünger dienen.

Projektgruppe entwickelt Düngepellets

Oliver Stey ist stellvertretender Vorsitzender des Kreisschäfervereins Marburg-Kirchhain-Biedenkopf und Teil der Projektgruppe. Er erklärt den Vorteil des Naturdüngers: Schafwolle sei reich an Nährstoffen, die nur langsam an die Erde abgegeben würden. Der Dünger wirke rund zehn Monate im Boden nach, also deutlich länger als gewöhnlicher Dünger, so Stey.

Schafe

Konkret funktioniert es so, dass die Wolle direkt nach der Schur gewaschen, grob gesäubert und dann in Säcken verdichtet wird. Daraufhin kommt sie zu einer Pelletier-Firma nach Trendelburg (Kassel). Dort wird sie erhitzt, um eine mögliche Bakterienbelastung zu reduzieren, und schließlich zerkleinert und mit einer speziellen Maschine verpresst. Der Vorteil für die Schäfer: Jede Wolle eignet sich für die Pellets, unabhängig von der Rasse der Schafe und der Farbe ihrer Wolle.

Versuch zeigt: Wolledünger speichert viel Wasser

Unterstützt bei der Herstellung und Vermarktung des Produkts werden die Schafhalter vom Landkreis Marburg-Biedenkopf im Rahmen der Initiative Ökomodellregion, die das Ziel hat, regionale Wertschöfpungsketten wieder zu stärken.

Projektmanagerin Dagmar Zick betont, wie wichtig Schafhaltung auch heute noch für die Landschaftspflege und damit auch den Erhalt der Biodiversität sei. "Schafe pflegen Flächen, die man maschinell gar nicht mehr pflegen kann, zum Beispiel Streuobstwiesen oder Dämme."

Der Kreis hat zudem gemeinsam mit dem Landesbetrieb Landwirtschaft (LLH) einen Düngeversuch durchgeführt und dabei festgestellt, dass die Pellets nicht nur wertvolle Nährstoffe liefern, sondern zusätzlich auch als Wasserspeicher dienen und Pflanzen in Trockenphasen besser versorgen können.

"Strick-Influencerin" startet regionales Woll-Startup

Die Marburgerin Ruth Werwai bloggt übers Stricken und entwirft eigene Muster. Die "Strick-Influencerin" stellte aber vor Jahren überrascht fest, dass es so gut wie kein fair in Deutschland produziertes Strickgarn zu kaufen gab. Ein Unding, dachte die gebürtige Kanadierin, und meldete sich bei einem Schäfer im Dorf Marburg-Moischt. "Ich wollte eigentlich nur Wolle von einem einzigen seiner Schafe kaufen, um mir selbst einen Pulli zu stricken", erzählt Werwai. "Und dann hat er gesagt, ich könne ruhig alles haben, weil er das sonst eh wegschmeißen würde.

Frau lächelt, dreht Wolle auf eine hölzernes Gerät auf

Gemeinsam mit einem Freund entwickelte Werwai daraufhin die Idee für ein eigenes Woll-Startup. Inzwischen weiß sie: Deutsche Wolle wird derzeit entweder vernichtet oder günstig ins Ausland verkauft, zum Beispiel nach China oder in die Türkei. "Da wird sie dann mit anderer Wolle vermischt und verarbeitet, gefärbt wird häufig in Italien." Werwais Gegenentwurf zu diesem globalisierten Wollmarkt: regionale Wolle wieder regional zu verarbeiten und zu verkaufen.

Keine lokalen Verarbeitungsstätten mehr

Material gebe es genug, sagt die Gründerin, dafür aber fast keine Verarbeitungsstätten mehr. "Als wir angefangen haben, gab es nur noch drei Spinnereien - in ganz Deutschland." Inzwischen arbeitet Werwai mit zweien davon zusammen und verwendet neben Wolle aus Hessen auch Material aus Norddeutschland und Bayern.

Kisten mit Wollknäulen von oben

Werwai experimentiert zudem mit unterschiedlichen Rassen und natürlichen Färbungen, sie verwendet auch dunkle Wolle. Neuerdings mischt sie einem ihrer Produkte außerdem Alpaka-Wolle bei, die sie von einem Halter aus Gießen kauft. Wenn es gut läuft, will Werwai dieses Jahr bis zu 300 Kilo Wolle verarbeiten lassen. "Und bei jedem Wollknäuel kann man eindeutig die Herkunft bestimmen."

Weil die nachhaltig produzierte Wolle deutlich teurer als industrielle Massenware ist, hätten Woll-Läden das Produkt allerdings abgelehnt, berichtet Werwai. "Ich habe anfangs hauptsächlich online an Einzelkundinnen aus der Strick-Community verkauft." Doch inzwischen hätten auch einige Geschäfte Interesse. "Ich habe das Gefühl, dass da in den Köpfen viel in Bewegung ist."

Schäfer: "Wegen des Geldes macht das sowieso niemand"

Die Wolle von Uwe Klingelhöfers Schafen zumindest wird in Zukunft erst mal nicht mehr auf dem Müll landen. Er hat die letzte Wolle seiner Schafe zu Düngepellets verarbeiten lassen und setzt nun ebenfalls auf die Bereitschaft von Kundinnen und Kunden, ein bisschen mehr für ein nachhaltiges, regionales Produkt zu zahlen.

Klingelhöfer hofft, dadurch langfristig wenigstens seine Unkosten tragen zu können. Schafe halten will er aber weiterhin - so lange er kann. "Und wegen des Geldes macht das sowieso niemand", sagt der Schäfer.

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