Bildkombo: Wiese zwischen Häusern/ Entwwurf für das geplante Parkhaus

Ein geplantes Parkhaus in der Wetzlarer Altstadt wird als ökologisch wertvoller eingestuft als die Wiese mit Kinderspielplatz, auf der es gebaut werden soll. Klimaschützer kritisieren das. Doch wie kommt es zu der Einschätzung?

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In Sichtweite des Doms will die Stadt Wetzlar ein Parkhaus mit Stellplätzen für 210 Autos bauen. Damit die Fahrzeuge bei Frost sicher rein und raus fahren können, soll die Auffahrt beheizbar werden. Die geplanten vier Parkdecks werden überwiegend aus Beton und Stahl gebaut - wie bei einem Parkhaus eben üblich.

Wiese auf dem Parkhausdach ist insektenfreundlich

Nach dem hessischen Naturschutzgesetz schneidet das geplante Parkhaus mit 56.000 Ökopunkten mehr als doppelt so gut ab, wie die Wiese, die unter ihm verschwinden wird. Claudia Moser von dem ausführenden Architekturbüro blfp Gießen erklärt das mit ökologischen Ausgleichsmaßnahmen. "Auf dem Dach des Parkhauses entsteht eine Magerwiese, die nicht gemäht wird. In den hohen Gräsern können sich Insekten ansiedeln". Die Wiese, die bislang von einer Kita genutzt wurde, bekommt als "Intensivrasen" deutlich weniger Ökopunkte, weil sie mehrmals im Jahr gemäht wird.

Der für Bauen zuständige Bürgermeister Andreas Viertelhausen von den Freien Wählern hält den Vergleich Parkhaus mit der Wiese für irreführend. "Das Parkhaus ist Teil unseres Gesamtverkehrskonzeptes, das dazu führen soll, dass weniger Autos in der Altstadt fahren. Wenn sie Busspuren bauen müssen sie auch Beton in die Hand nehmen. In der Gesamtheit der Maßnahmen betrachten wir das Parkhaus für sinnvoll".

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Ökopunkte

Ökopunkte sollen für umweltgerechten Ausgleich von Baumaßnahmen sorgen. Zerstört jemand durch ein Bauprojekt viel Natur, werden die Folgeschäden in einer nach Landesnaturschutzgesetz vorgegebenen Tabelle berechnet. Zum Ausgleich für den Eingriff in die Natur muss die gleiche Zahl an Ökopunkten, die ein Bauprojekt an Minuspunkten gesammelt hat, an anderer Stelle an Pluspunkten wieder an die Natur zurück gegeben werden - indem etwa für eine Straße an anderer Stelle ein Feld zur Feuchtwiese renaturiert wird. Bauprojekte können aber auch, wie das Parkhaus zeigt, bei entsprechender ökologischer Ausrichtung, ein Plus an Ökopunkten generieren. Sie sind handelbar. Im Moment kostet ein Punkt in Hessen 40 Cent. Genehmigt werden die Ökopunkte durch die unteren Naturschutzbehörden auf kommunaler Ebene. 

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"Ökopunkte sind Mogelpackung"

Doch nicht alle in Wetzlar teilen diese Sicht. Vor kurzem hatte zwar eine Mehrheit der Abgeordneten im Stadtparlament aus SPD, Freien Wählern, CDU und FDP für das Parkhaus gestimmt. Die Grünen, eigentlich Teil der Regierungskoalition, enthielten sich jedoch. Die Bürgerinitiative "Lebenswerte Altstadt" kämpft seit Jahren gegen das Parkhaus, weil es aus ihrer Sicht mehr Autos anlockt. "Ökopunkte sind eine Mogelpackung, wenn sie nicht die Funktion des Parkhauses und die Folgen für die Umwelt mitrechnen", sagt Barbara Spruck von der BI. Hunderte Autos, die im Winter über eine beheizte Rampe rein und raus fahren, müssten genauso berücksichtigt werden, wie der CO2-Ausstoß, der bei der Produktion von mehreren tausend Tonnen Stahlbeton für den Bau des Parkhauses entsteht.

Berechnungsgrundlage ist 30 Jahre alt

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Wiese mit Spielgeräten in Wetzlar
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Doch die Stadt hält sich bei der Berechnung der Ökopunkte an das bestehende hessische Naturschutzgesetz. Mark Harthun vom NABU Hessen hält die Ökopunkte für eine gute Idee, weil sie für Eingriffe in die Natur einen Ausgleich schaffen. Allerdings basierten sie auf Überlegungen, die vor über dreißig Jahren gemacht wurden. "Die Ökopunkte sind angesichts der Erderwärmung zu eng zugeschnitten auf den Ausgleich für Eingriffe in die Natur. Was fehlt, ist die Berücksichtigung der Folgen für das Klima". Umweltpolitiker auf Bundes- und Landesebene sollten seiner Meinung nach für eine zeitgemäße Berechnungsgrundlage sorgen. 

Die Grünen in der Region sind gegen das Parkhaus. Reiner Dworschak vom Parteivorstand im Lahn-Dill Kreis will sich dafür einsetzen, dass in Hessen die Berechnungsgrundlage für Ökopunkte klimagerecht verbreitert wird. Mit Umweltministerin Priska Hinz hat er die passende Ansprechpartnerin in Hessen direkt vor Ort. Die Grüne hat ihren Wahlkreis dort.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 09.10.2020, 16.45 Uhr