Krankenhausflur

16 Stunden lang fixiert und bewegungsunfähig gemacht: Eine hr-Recherche zeigt, dass ein Parkinson-Patient in den Lahn-Dill-Kliniken in Wetzlar diesen Alptraum erlebte - gegen seinen Willen und ohne richterliche Genehmigung.

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zum Video Parkinson-Patient unerlaubt fixiert

Hessenschau vom 07.10.2019
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Weggetreten, mit geschlossenen Augen und geöffnetem Mund liegt der schmächtige Patient im Krankenhausbett. Er zeigt keinerlei Reaktionen, hin und wieder zuckt er mit den Armen. Seine Angehörigen sind bei ihm, halten seine Hand, besorgt über seinen schlechten Zustand. Diese Szene zeigt ein Video, das die Kinder von Gerhard Fängler Mitte September in den Lahn-Dill-Kliniken in Wetzlar gefilmt haben. Sie sehen sich die Bilder danach immer wieder an – mit Entsetzen.

Seit über 20 Jahren hat Fängler aus Lahnau Parkinson. Der 64-Jährige war in die Lahn-Dill-Kliniken gekommen, weil er unter den Nebenwirkungen von neuen Medikamenten litt. Dem Pflegeprotokoll zufolge war er sturzgefährdet und hatte Halluzinationen. Daraufhin wurde er an fünf Punkten seines Körpers fixiert, das Pflegepersonal gab ihm starke, angstlösende Medikamente. Das berichten die Angehörigen dem hr-Fernsehmagazin defacto und das geht aus dem Pflegeprotokoll der Klinik hervor.

Über Nacht fixiert und ruhig gestellt

Gerhard Fängler wurde über 16 Stunden lang fixiert, ohne richterliche Genehmigung, ohne sein Einverständnis und gegen den ausdrücklichen Willen seiner Angehörigen. "Ich habe gesagt, sie sollen nicht so fest machen. Ich hatte so Angst, es war so grausam", sagt Fängler heute.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Patient in Wetzlar stundenlang an Bett fixiert

Gerhard Fängler und seine Kinder zuhause
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Seine Kinder berichten, man habe ihnen erklärt, es gebe nicht genügend Personal, um sich um den Vater zu kümmern. Tochter Samira Fängler war an dem Abend in der Klinik, beschreibt ihren am Bett fixierten Vater als "relativ ruhig". "Am nächsten Morgen hatte ich dann angerufen um zu wissen, ob er denn immer noch fixiert wäre und das war er tatsächlich noch."

Patientenanwalt: "Das ist Freiheitsberaubung"

Nach Angaben des Amtsgerichts Wetzlar haben die Lahn-Dill-Kliniken für die Fixierung keine Genehmigung eingeholt. Das hätte die Klinik aber tun müssen, jede Fixierung, die länger als 30 Minuten andauert, muss richterlich genehmigt werden. "In meinen Augen ist das Freiheitsberaubung und muss ganz besonders gerechtfertigt sein, wenn man dieses Mittel anwenden will", sagt Patientenanwalt Hans-Berndt Ziegler. Die Familie plant nun, sich einen Anwalt zu nehmen und auf Schmerzensgeld zu klagen.

Die Lahn-Dill-Kliniken wollen sich auf hr-Anfrage zu dem Vorfall nicht äußern. Zum Schutz des Patienten wolle man keine Auskünfte an die Öffentlichkeit geben.

Sendungen: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 7.10.2019, 13.00 Uhr; hr-fernsehen defacto, 7.10.2019, 20.15 Uhr