Lydia Zoubek steht an einer Bushaltestelle. Man sieht ihre Schuhe in Großaufnahme und einen Teil ihres Blindenstocks, im Hintergrund fährt ein Bus heran.
Lydia Zoubek wartet an einer Bushaltestelle - wo genau der Bus hält, ist für sie oft nicht zu erkennen. Bild © Sophie Spelsberg

Wer den Rathauseingang nicht findet, kommt nicht ins Rathaus rein. Blinde Menschen brauchen deshalb Orientierungshilfen - das soll bald auch gesetzlich zugesichert sein. Doch wie ist es um die Barrierefreiheit bestellt? Ein Praxistest.

Videobeitrag

Video

zum Video Wie barrierefrei ist Hessen?

Ende des Videobeitrags

Da, wo es klackert, muss irgendwo die Ampel stehen. Lydia Zoubek hört, wo es lang geht, wenn sie mit der Spitze ihres Blindenstocks über die weißen Steinnoppen am Boden fährt. An ihrem Ende trifft sie mit dem Stock den Ampelpfahl, findet mit den Händen den gelben Fußgängerknopf. An ihm tastet sie sich weiter nach unten, bis sie mit ihrem Finger in eine kleine Mulde drücken kann. "Um die Akustik zu aktivieren, damit ich auch weiß, wo der andere Ampelpfahl steht", erklärt Zoubek.

Lydia Zoubek beim Überqueren einer Straße an einer Ampel.
In Neu-Isenburg wurden Ampeln extra für Lydia Zoubek aufgerüstet. Bild © Sophie Spelsberg

Die Bloggerin aus Neu-Isenburg (Offenbach) macht das alles schnell, routiniert. Das Pflaster um die Ampel zeigt ihr, wo sie hin muss, die Stadt hat nach ihrem Vorschlag barrierefrei umgerüstet. Doch so wie hier läuft es nicht überall in Zoubeks Heimatstadt. Eine andere Ampel beschreibt sie als ihren "persönlichen Horrortrip". Keine akustischen Signale, mehrere Verkehrsinseln ohne Leitsystem. Ohne Orientierungshilfen haben Sehbehinderte wie Zoubek es dort schwer. Der Fachbegriff: Auffindbarkeit. Blinde müssen die Ampel, den Rathauseingang, den Aufzug finden können, auch ohne ihn zu sehen.

Neuer Gesetzentwurf – inklusive Auffindbarkeit

Im hessischen Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) kommt Auffindbarkeit bis jetzt allerdings nicht vor. Barrierefrei ist, was für alle zugänglich ist. Ob es auch alle finden können, spielt offiziell keine Rolle. Mit einem neuen Gesetzentwurf soll sich das ändern, denn die Landesregierung muss ihr Gesetz an die UN-Behindertenrechtskonvention und das BGG auf Bundesebene anpassen.

Für Frank Schäfer, Vorsitzender des hessischen Blinden- und Sehbehindertenbundes, ist dieser Schritt wichtig auf dem Weg zu Barrierefreiheit für Sehbehinderte. "In der Regel wird nur das gemacht, was gesetzlich vorgeschrieben ist", sagt er. Und Probleme gebe es genug - zum Beispiel in öffentlichen Gebäuden. "Sie können nach links, nach rechts, nach vorne - aber wo ist da der Aufzug?"

"Eine Nummer, die ich nicht lesen kann“

Um bei den Gebäuden anzukommen, sind sehbehinderte Menschen aber zunächst auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen. Auf hr-Anfrage erklärt die Deutsche Bahn, dass in Hessen 44,5 % der Bahnhöfe mit einem Blindenleitsystem ausgestattet sind. In mehr als der Hälfte aller Stationen fehlt ein solches Leitsystem. Wozu das führen kann, demonstriert Lydia Zoubek am Neu-Isenburger Bahnhof.

Dort gibt es Leitstreifen. Die sind allerdings so schmal, dass sie sie mit dem Stock kaum wahrnimmt. "Wenn man schnell unterwegs ist, ist man ruckzuck hier", sagt sie, läuft über den Streifen hinweg und stoppt erst an der Bahnsteigkante. Dort zeigt ihr Stock ins Nichts.

Ankunft im Bürgeramt. Zoubek orientiert sich hier nach Gehör, erst zur Drehtür, dann zum Empfang, wo es die Nummern gibt. Mit dem unscheinbaren Zettel gehen die Probleme aber weiter: "Ich habe eine Nummer gezogen, die ich nicht lesen kann", sagt sie.

Lydia Zoubek sitzt mit dem Zettel einer Wartenummer im Wartebereich des Rathauses. Die Nummern werden auf einem Monitor angezeigt.
Lydia Zoubek sitzt mit dem Nummernzettel im Wartebereich des Rathauses. Die Nummern werden auf einem Monitor angezeigt. Bild © Sophie Spelsberg (hr)

Aufgerufen wird außerdem über einen Monitor, ohne Durchsage. Zoubek ist dadurch auf die Begleitung angewiesen, die ihr die Frau am Tresen anbietet. Alleine kann sie den Gang zum Amt nicht erledigen.

Lob von Behindertenverbänden

Der Entwurf, zu dem am Donnerstag die Anhörung im Landtag stattfand und der eigentlich schon in der vergangenen Legislaturperiode in Kraft treten sollte, stärkt nun den Fokus auf Sinnesbehinderte wie Zoubek. Neben der Auffindbarkeit befasst sich die Regierungskoalition darin auch mit Taubblinden als eigener Gruppe. Viele Behindertenverbände äußern sich in ihren Anhörungsunterlagen deshalb sehr positiv.

Frank Schäfer vom Sehbehindertenbund wünscht sich allerdings mehr, denn das BGG gilt nur für öffentliche Gebäude. Damit auch private Bauträger für Blinde auffindbar bauen würden, müsse die Auffindbarkeit auch in der Bauordnung verankert werden. "Einkaufszentren werden zum Beispiel meist von Privaten gebaut - darum ist das unerlässlich." Lydia Zoubek sagt aber auch, dass sich schon viel verändere. Für sie baut die Stadt jedenfalls schon Ampeln um.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 09.05.2019, 19.30 Uhr