Frauenärztin Sheila de Liz zeigt ein Super-Vagina-Püppchen

Sex, Hormone und eine Mission: Die Wiesbadener Frauenärztin Sheila de Liz hat es sich zur Aufgabe gemacht, Frauen und Männer über Vulva, Vagina und Co. aufzuklären. Sie sendet auf vielen Kanälen, schreibt Bücher - auch, weil sie den Sexualkundeunterricht in Hessen so schlecht findet.

Videobeitrag

Video

zum hr-fernsehen.de Video Tabus? Nicht mit dieser Frauenärztin aus Wiesbaden

mt091020
Ende des Videobeitrags

Ein rosa Flamingo, rosafarbene Vorhänge und Barbiebuppen auf der Fensterbank. In der Ecke: Kamera-Equipment und spezielles Ringlicht, das besonders oft für Youtube-Videos benutzt wird. Die Wiesbadener Frauenärztin Sheila de Liz ist alles andere als eine gewöhnliche Frauenärztin.

Die gebürtige US-Amerikanerin hat sich zum Ziel gesetzt, in den Sozialen Medien und als Buchautorin über den weiblichen Körper und Missverständnisse rund um das weibliche Geschlecht aufzuklären - schonungslos, locker und mit einem Augenzwinkern. Im hessenschau.de Interview erzählt de Liz, was sie antreibt, was der Unterschied zwischen Vulva und Vagina ist und warum wir mehr über die "fabelhaften" Wechseljahre sprechen sollten.

hessenschau.de: Youtube, Instagram, Bücher - erreichen Sie in Ihrer Praxis nicht genug Frauen?

Sheila de Liz: Mir ist es irgendwann mal in der Praxis aufgefallen, dass meine Patientinnen unheimlich wenig wissen. Das fängt damit an, dass viele zum Beispiel die Vulva und Vagina nicht voneinander unterscheiden können. Es fehlt also Grundlagenwissen rund um die Anatomie des weiblichen Geschlechts: Was ist Gebärmutter, was ist der Gebärmutterhals, was sind die Eierstöcke? Viele Frauen sagen zu ihrem Geschlecht zum Beispiel einfach Vagina und das ist total falsch. Die Vagina ist nur der Geburtsschlauch. Alle, was außen liegt, nennt man Vulva. Die Vagina sieht man nicht von außen.

Dieses Unwissen und die Unwissenheit führt oftmals zu Verunsicherungen und ich finde, dass das muss nicht sein. Deswegen habe ich mir Plattformen gesucht, auf denen ich viele Menschen aufklären kann.

hessenschau.de: Woran liegt dieses Unwissen?

Sheila de Liz: Weil in Deutschland keine Aufklärungskultur stattgefunden hat. Ich vergleiche das gern mit den Amerikanern. In den USA kennt sich jede Amerikanerin mit ihrem weiblichen Zyklus aus. Sie weiß, was ein Eisprung bedeutet und kennt die weiblichen Organe mit lateinischen Namen. Das liegt daran, dass dort viele aufgrund der hohen privaten Arztkosten nicht immer zum Arzt gehen. Deswegen eignen sich viele ihr Wissen selbst an und übernehmen viel Eigenverantwortung.

Hinzu kommt, dass der weibliche Körper in Deutschland mit sehr viel Scham verbunden ist, das fängt schon mit den Begrifflichkeiten an, die unheimlich viel Tragkraft haben, wie etwa Schamlippen, Schamhügel, Schamhaare. Ich kann mich erinnern, als ich mein erstes Buch veröffentlicht habe, habe ich in einer Wiesbadener Buchhandlung nach einer Lesung gefragt. Da wurde die die Leiterin des Buchhandels sehr nervös, als sie gehört hat, um was es geht bei dem Text.

hessenschau.de: Was halten sie vom Sexualkundeunterricht in Hessen?

Sheila de Liz: Der ist absolut reformbedürftig und noch auf dem Stand der 1960er oder 1970er-Jahre. Meine Tochter ist gerade 15 Jahre alt. Als ich in ihren Unterrichtsstoff geschaut habe, als sie in der achten Klasse war, habe ich fast einen Schreikrampf bekommen, das kann doch nicht wahr sein! Da stand zum Beispiel: "Die Vagina wird durch das Jungfernhäutchen vollständig verschlossen". Und auch der Zyklus wurde so kompliziert erklärt, dass ich Zweifel hatte, dass die Lehrkraft das überhaupt versteht. Die Schülerinnen und Schüler sollten viel mehr über die weibliche Sexualität lernen und natürlich über die weibliche Anatomie.

hessenschau.de: Ihr neuestes Buch trägt den Titel "die fabelhaften Wechseljahre". Was ist daran fabelhaft?

Sheila de Liz: Unser Wissensstand über die Wechseljahre ist noch unglaublich veraltet. Wir müssen mehr darüber sprechen und das Thema aus der Tabuzone rausholen. Genau so wie wir unsere Kinder in den Schulen über die Pubertät aufklären, müssen wir auch selbst über die Wechseljahre Bescheid wissen. Über der zweiten Hormonwelle von Frauen liegt viel zu häufig ein Mantel des Schweigens. Das muss aufhören. Die meisten Frauen wissen gar nicht, was es alles gibt an Symptomen, also von Hauterkrankungen bis Herzrhythmusstörungen bis hin zu Gelenkschmerzen.

Gleichzeitig können die Wechseljahre total fabelhaft sein, weil man eine komplette hormonelle Veränderung durchgeht. Dabei kann ein komplett neues Leben für einen beginnen kann, und das ist ganz, ganz toll. Vieles wird einem auf einmal ganz klar. Diese Zeit ist ideal, um in seinem Leben aufzuräumen und etwa seine eigenen Bedürfnisse in den Vordergrund zu stellen.

hessenschau.de: Patientinnen mit Wechseljahresbeschwerden empfehlen sie eine Hormontherapie. Kritiker sagen diese sei krebserregend.

Sheila de Liz: Hormone sind nie krebserregend. Es gab früher mal Hormontabletten, die man heute nicht mehr verordnen soll, weil sie vorhandene Tumorzellen zum schnelleren Wachstum angeregt haben. Krebs ausgelöst haben sie aber nicht.

Wenn meine Patientinnen mit typischen Wechseljahrbeschwerden wie Schlafstörungen, Durchschlafstörungen und Hitzewallungen zu mir kommen, dann besteht meine Therapieentscheidung aus zwei Komponenten. Den Blutwerten der Patientin und den jeweiligen Beschwerden. Und daraus kann ich eigentlich recht schnell entscheiden, welche Hormone ich verordne. Und dann gibt es natürlich Folgetermine, um zu schauen, ob die Patientin gut eingestellt ist. Es ist wie bei Diabetes. Da bekommt man auch nicht einfach Insulinspritzen in die Hand gedrückt, sondern muss sich in regelmäßigen Abständen melden, bis man seinen Wohlfühlbereich gefunden hat.

hessenschau.de: Sie sind sehr präsent in den Sozialen Medien und durch ihre Bücher. Wie sind dort die Reaktionen?

Sheila de Liz: Auf Yotube gibt es natürlich Menschen, die es anstößig finden, dass eine Ärztin über Sex spricht und sich nicht dafür schämt. Andere beschweren sich, dass ich meine Leser in meinen Büchern duze und locker flockig rede. Aber man kann es natürlich nicht allen recht machen.

Der wirklich überwiegende Anteil der Rückmeldungen, die ich bekommme, ist positiv. Vor allem mit meinem zweiten Buch über die Wechseljahre habe ich einen Nerv getroffen, weil es wahnsinnig viele Frauen gibt, die sich unverstanden fühlen. Ich kriege täglich E-Mails, in denen sich Frauen für das Buch bedanken. Und das ist ganz toll. Das geht mir runter wie Öl, weil es bestätigt, was ich die ganze Zeit gedacht habe, dass es so viele Frauen da draußen gibt, die Hilfe brauchen.

Weitere Informationen

Ärztin und Autorin Sheila de Liz

Sheila de Liz ist wurde 1969 in New Jersey geboren, zog mit 15 Jahren nach Deutschland und hat in Mainz Medizin studiert. Seit 2006 führt sie eine Frauenarztpraxis in Wiesbaden. In den Sozialen Medien (Youtube, Instagram und Tiktok) und in ihren beiden Büchern klärt sie über die weibliche Sexualität und über Missverständnisse rund um das weibliche Geschlecht auf. Ihr erstes Buch handelt vom "weiblichen Körper", ihr kürzlich erschienenes Buch über die Wechseljahre rutschte von null auf Platz zwei der Spiegel-Bestsellerliste. Die Abrufzahlen ihrer Aufklärvideos in den Sozialen Medien gehen immer mehr in die Höhe. Sheila de Liz hat zwei Kinder und lebt mit ihrer Familie in Wiesbaden.

Ende der weiteren Informationen

Das Gespräch führte Anna Dangel

Sendung: hr-fernsehen, 18:00 Uhr, maintower